Eine Europa-ICANN für dot.eu?

Am 20. November soll der Rat der Europäischen Union über die Zukunft der Internet-Domain .eu entscheiden.

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  • Monika Ermert

Am 20. November soll der Rat der Europäischen Union über die Zukunft von dot.eu entscheiden. Die EU-Kommission präsentierte zu der für Europa geplanten eigenen Domain .eu in der vergangenen Woche einen fast 40 Seiten starken Bericht einer kleinen Arbeitsgruppe, des Interim Steering Committee (ISG). Das ISG bietet darin vier Modelle für die Organisation des Adressbereichs an. Die Vorschläge differieren hinsichtlich der Integration von Registrierpolitik, technischer Verwaltung und kommerzieller Vermarktung über Registrare in den Mitgliedsländern.

Fest steht, dass politisch-organisatorische Fragen und operatives Geschäft auf jeden Fall in irgendeiner Form getrennt werden sollen. "Der Grund für eine solche Trennung ist, dass die politisch-organisatorischen Aufgaben für breite und umfassende Beteiligungsmöglichkeiten offen sein sollte, während der technische Betrieb der Registry-Datenbank besser von einer kleinen, darauf spezialisierten Organisation übernommen werden sollte, die höchsten Qualitätsanforderungen hinsichtlich Geschwindigkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit genügen kann", heißt es dazu in dem Vorschlag.

Die vorgeschlagene Struktur mit Sekretariat, Forum und Board, in dem sich Vertreter der Unternehmen, der EU-Mitgliedsländer und der Nutzer finden sollen, erinnert stark an die Struktur der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Die ICANN, die Nummern-, Namens- und Protokollfragen im Netz überwacht, hatte erst kürzlich ihre Bereitschaft signalisiert, die eu-Domain als Country Code Top Level Domain (ccTLD) zuzulassen. Dazu bedurfte es einer liberaleren Auslegung der ccTLD-Vergaberegeln.

Unklar ist derzeit, wie und wie schnell sich die "EU-ICANN" konstituieren wird, vom Start der Registrierung ganz zu schweigen. Im Anschluss an ein Online-Anhörungsverfahren im Frühjahr hatte ein kleiner Kreis Interessierter den Prozess unter der Ägide der Kommission vorangetrieben. "Vielleicht bedarf es nun einfach mal eines Aufrufs an interessierte Unternehmen in Europa", sagte einer der Teilnehmer. Der Aufruf müsse gar nicht unbedingt von der EU selbst kommen. Allerdings erwartet man sich auch hier grünes Licht. "So schnell wie möglich" will inzwischen der Rat mit dem eu-Adressbereich vorankommen, ließ er kürzlich in einer Pressemitteilung verlauten.

Für die EU-ICANN lässt der jetzige Bericht der ISG noch eine ganze Reihe von Fragen offen –. zum Beispiel die umstrittenen Markenrechtsfragen rund ums Domaingeschäft. Eine gewisse Entzerrung im Namensraum könnte es vielleicht durch die Einrichtung von Second Level Domains geben, etwa .per.eu für Personen oder .co.eu für Unternehmen. Daneben sollen eigene EU-Schlichtungsregeln eingeführt werden. In einer aktuellen Entschließung des Rates wird zu diesem Zweck die World Intellectuel Property Organization (WIPO) bereits aufgefordert, "freiwillige Leitlinien" für "Praktiken und Maßnahmen zur Eindämmung der missbräuchlichen und unlauteren Registrierung geschützter Namen zu erarbeiten". Die sind in erster Linie für die europäischen ccTLDs gedacht, könnten in Zukunft dann auch für .eu maßgebend werden.

In der Entschließung äußerte sich der Rat auch grundsätzlich zur "Organisation und Verwaltung des Internet". Mit Blick auf die ICANN werden dabei eine ganze Reihe von Versäumnissen festgestellt. Ungelöst sind nach Ansicht der EU demnach noch immer das Verhältnis von Regierungen zur ICANN, die Frage quasi hoheitlicher Rechte der Regierungen über die Länderadressbereiche und die Übertragung der Verwaltung des Root-A-Servers von der amerikanischen Regierung an ICANN.

Vor allem das Verhältnis von Regierungen und ccTLD-Betreibern ist auch bei der kommenden Jahrestagung der ICANN erneut ein wichtiges Thema. Ein Vertreter der International Association of Top Level Domains (IATLD) warnte davor, dass "Regierungsbeteiligung", die man befürworte, leicht zu "willkürlicher Kontrolle durch Regierungen" mutieren könne. Für den eu-Adressbereich hat die ISG die Hoheit der Kommission gleich in den Vorschlag geschrieben, ganz im Sinn der aktuellen Ratsentschließung wird auch die Rolle des Governmental Advisory Committee (GAC) der ICANN als öffentlicher Aufsicht bekräftigt. (Monika Ermert) (jk)