Klartext: The Grand Tour
Nach all den Veränderungen der Mobilitätswelt fürchtete ich, The Grand Tour könnte sich als Format schon bei Erscheinen überholt haben. Die erste Folge zeigt jedoch, dass Quatsch und echte Emotionen immer ziehen
Seit letzten Freitag, den 18. November 2016, schaltet Amazon Video jede Woche eine Folge der Autoshow "The Grand Tour" frei, die von den Herren Clarkson, Hammond und May präsentiert wird. Wie viele Freunde der Show hatte ich meine Zweifel, ob diese drei noch einmal eine Sendung produzieren, die ich wirklich anschauen würde. Ich meine: Das neue Top Gear der BBC war ja wirklich nicht schlecht. Nur habe ich es eben nach den ersten zwei Folgen "Chance geben" dennoch nicht mehr angeguckt. Es fiel einfach wie so Vieles im Leben still und leise hinten über die offene Ladekante des rostigen roten Pickups des Lebens.
Im Interview
Kurz vor der ersten Folge las ich noch Interviews, die Clarkson und Kollegen in Ludwigsburg bei Stuttgart beim Dreh dort gaben. Britischen Humor kann man meistens im Deutschen gut darstellen, manchmal findet sich jedoch partout kein vergleichbarer Ton auf der Orgel der deutschen Sprache. Das wussten schon die Übersetzer Terry Pratchetts, die in seltenen Fällen zur Fußnote griffen, um einen über das ganze Buch zitierten Running Gag zu erklären ("and Bob's your uncle"). Auch die Interviews konnte man nur wirklich verstehen, wenn man die Moderatoren vorher einmal in Originalsprache-Interviews gesehen hatte.
Klartext: The Grand Tour (10 Bilder)

Aber selbst mit diesem Filter weckte es wenig Hoffnung, dass Clarkson über Elektroautos dasselbe sagte, was er schon 2008 beim Tesla Roadster sagte. Dann sah ich die Aktion mit zerstörten Prius-Autos und das Herz sank. Ich meine: Wer redet noch kontrovers über den Prius? Seine Funktion als Statement hat lange ausgedient. Es ist nur noch irgendein Plugin-Auto. Aber die ersten zwei Minuten der ersten Folge von Grand Tour zerstreuen solche Sorgen sofort.
Die Wirklichkeit
The Grand Tour beginnt damit, die Ausgangslage des Jahres 2015 zu thematisieren: Die BBC verlängert den Vertrag nicht, Clarkson trauert darum, dass er durch seine eigene Dummheit "sein Baby" verliert, die Show, die ihm so viel bedeutet. Im Regen verlässt er die White City, fliegt von Heathrow nach LA. Dort nimmt er sich einen Mietwagen, diese deprimierendste aller Autoklassen, auch wenn es hier ein Mustang ist. Doch als er aus der Tiefgarage herausfährt, reißt der Himmel auf und die ersten Töne einer Coverversion von "I Can See Clearly Now (The Rain is Gone)" tröpfeln aus den Boxen. Wer je egal welche Version dieses Songs von Johnny Nash gehört hat, weiß, welche Kraft er entfaltet, wenn man ihn genau im richtigen Zustand hört. Und irgendwie fängt das Intro genau so einen Moment ein. Ich glaube, er tut das, weil der Moment echt war. Das waren die Gefühle damals zum Ende von Top Gear mit diesem Team, die Hoffnung bei Amazon in den USA, das Ende des "Krieges" (Clarkson) mit den Oberen der BBC, ein Aufbruch zu neuen Horizonten.
Superkäsiger Moment, wenn er nicht so echt wäre
Hammond und May tauchen in zwei weiteren Mustangs auf, flankieren. Drei alte Freunde grinsen sich schief an. Das wäre ein superkäsiger Moment, wenn er nicht so echt wäre. Das Trio fährt dann unter allem Bombast in ein Wüstenfestival ein ("Burning Van"). Der Beitrag besteht aus denselben Zutaten wie damals bei Top Gear: eine simple, tragfähige Storyline, eine Liebe zu Details und ein Schwertransport voller Geld. Die Moderatoren und Produzenten der neuen Show haben auf Experimente verzichtet. Stattdessen setzen sie auf das, was Andere nicht haben: sie selbst. Es gibt mittlerweile einige gute KFZ-Shows.