Post aus Japan: Revolution durch Smartphone-Rakete?

Nippons Weltraumbehörde Jaxa hat schon viele Pioniertaten durchgeführt. Nach der Roboterrakete wird jetzt der Einsatz von Alltagselektronik getestet, um die Kosten zu senken. Wird die Weltraumfahrt damit zur Domäne der Elektronikindustrie?

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Von
  • Martin Kölling
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Der Fortschritt in der Weltraumfahrt ist gesäumt von Raketentrümmern. Am Sonntag addierte Japans Weltraumbehörde Jaxa ein paar hinzu: Kurz nach dem Start zerstörten Japans Raumfahrer eine spezielle Testversion der SS-520, dem nach japanischen Angaben kleinsten Satellitenträger der Welt. Denn das nur zehn Meter lange und 50 Zentimeter breite Fluggerät hatte schon während der ersten Flugphase die Übertragung von Flugdaten eingestellt.

Ob die Kommunikationspanne als eine Blamage oder ein wichtiger Beitrag zum Fortschritt gewertet wird, ist eine Sache der Interpretation. Einerseits ist der Datenstreik der Rakete ein Stockfehler, der nur selten vorkommt. Anderseits liefert der Fehlschlag vielleicht wichtige Hinweise fĂĽr die Weiterarbeit. Denn neben anderen Raketenentwicklern hat sich auch die Jaxa in ihrer an Pioniertaten reichen Geschichte einer neuen Herausforderung angenommen: den Bau einer Rakete mit handelsĂĽblichen Elektronikkomponenten.

Post aus Japan
Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Das Ziel der Jaxa ist, eine billige Rakete fĂĽr die Epoche der Minisatelliten zu entwickeln. Als einen ersten Schritt wollen die Ingenieure daher teure, in kleiner StĂĽckzahl speziell fĂĽr den Raketeneinsatz entwickelte Technik durch handelsĂĽbliche Bauteile fĂĽr Smartphones und andere Elektronikprodukte ersetzen. Als Kooperationspartner hat sich die Jaxa den Kamera- und Druckerhersteller Canon ausgeguckt, der fĂĽr die Integration der Technik verantwortlich ist.

Die Tester können immerhin für sich in Anspruch nehmen, dass die Billig-Rakete überhaupt abgehoben ist. Allerdings verdeutlicht die Funkstille des Kommunikationsmoduls, dass noch viel Arbeit auf sie wartet. Aber ein erfolgreicher Start einer anderen Rakete zeigt, dass sich Geduld auszahlen kann. Am 20. Dezember 2016 trug die smarte Epsilon-Rakete mal wieder einen Satelliten in die Umlaufbahn.

Das Interessante an dieser Rakete ist, dass sie sich selbst überprüft. Allein dadurch werden Zeit- und Personalaufwand drastisch reduziert. Zusätzlich kommt die Rakete zur Not auch ohne aufwändiges Kontrollzentrum aus. Theoretisch reichen ein Notebook und ein Campingstuhl zur Flugkontrolle.

Wenn die Japaner es nun auch noch hinkriegen, verlässliche Trägerraketen mit Alltagselektronik zu bauen, könnte die Satellitentransport zu einem interessanten Geschäftsfeld für Elektronikkonzerne werden. Vorboten für diesen Trend gibt es ja schon.

Den erdnahen Flugraum erobern Start-ups bereits erfolgreich mit ihren Drohnen. Auch die Grenze zum All wird inzwischen privatwirtschaftlich durch Unternehmen durchstoĂźen. SpaceX von Tesla-GrĂĽnder Elon Mask startete am Samstag erstmals seit einem Fehlschlag im September erneut eine Rakete mit zehn "Satellitchen" an Bord. Und sein Beispiel ruft auch in Japan Nachahmer auf den Plan.

Noch diesen Monat will die kleine Firma Interstellar Technologies als erstes japanisches Privatunternehmen eine kleine Rakete in den Weltraum schicken. Einer der Gründer ist der umtriebige Takafumi Horie, der nach Bilanzunsauberkeiten seines Internetunternehmens Livedoor einige Zeit im Gefängnis neue hochfliegende Zukunftspläne schmieden durfte.

Das Reisebüro HIS und die Fluglinie ANA wollen derweil in die Initiative PD Aerospace investieren, die bemannte Reisen ins Weltraum ermöglichen will. Als Startdatum wird laut der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei 2023 angepeilt. Bei dem Andrang im erdnahen Weltraum ist es kein Wunder, dass sich die staatlichen Behörden ferneren Zielen wie dem Mond und dem Mars widmen. ()