Bergrennen im Mercedes Simplex
Mir der Simplex-Modellreihe gelang der Daimler Motorengesellschaft (DMG) 1901 ein epochaler Wandel des Automobilbaus, weg von den motorisierten Pferdekutschen, hin zu leistungsfähigen Fahrzeugen mit niedrigem Schwerpunkt und einfacher Handhabung
- Wolfgang Gomoll
Gruppenfotos wie das mit den vier Mercedes Simplex im Stadtkern von La Turbie gab es in der Art schon einmal – ganz ähnliche Bilder entstanden vor rund 115 Jahren auf den Frühjahrs-Autorennen von Nizza. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die damals neuen Simplex der Daimler Motoren Gesellschaft (DMG) zum Schrecken der vorher alles dominierenden französischen Konkurrenz.
Initiator dieser grundlegenden Wende war der geschäftstüchtige Autohändler Emil Jellinek, der die Bühne der Frühjahrsrennen nutzte, um in Nizza Werbung für die Autos aus Cannstadt zu machen. Denn was verkauft sich besser als Autos, die in einem Rennen gesiegt haben. Diese frühe Werbestrategie gerann später zu dem bekannten Sprichwort: „Win on Sunday, Sell on Monday“.
Bergrennen im Mercedes Simplex (22 Bilder)

An der der Côte d'Azur machen damals wie heute die Schönen und Reichen Urlaub. Die Autonarren unter ihnen veranstalteten prestigeträchtige Wettfahrten wie die legendäre Hatz die geschlängelte Straße von Nizza nach La Turbie hinauf. Zunächst ist das Rennen fest in französischer Hand, doch Emil Jellinek weiß, wie man die Vorherrschaft der gallischen Autohersteller brechen kann. Zusammen mit Daimler-Chefkonstrukteur Wilhelm Maybach ersinnt er ein Automobil, das nicht mehr viel mit den motorisierten Kutschen früher gemein hat.
Ein leistungsstarker Vierzylinder mit einem Hubraum von 6,8 Litern, ein tiefer Schwerpunkt, ein Gewicht von unter einer Tonne und ein langer Radstand lautet die Erfolgsformel. Dazu kommen fortschrittliche Technikdetails, wie der geschlossene Kühlkreislauf mit leistungsfähigem Wabenkühler. Einige dieser Ideen kommen direkt vom Automobil-Autodidakten Jellinek.
„Wir sind in die Ära Mercédès eingetreten“
Die Gleichung geht auf. Unter dem Namen „Mercedes“ (der Name seiner Tochter) beweist Jellinek die Leistungsfähigkeit der DMG-Autos, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. „Ganz klar haben die französischen Konstrukteure dem derzeit nichts entgegenzusetzen“, schreibt die Zeitung La Presse am 30. März 1901 über den dritten Mercedes-Sieg binnen weniger Tage und das Gründungsmitglied und Generalsekretär des Automobile Club de France (A.C.F.), Paul Meyan, stellt nüchtern fest: „Wir sind in die Ära Mercédès eingetreten.“
Der Mercedes Simplex aus dem Jahr 1903 hat 40 PS, ist für damalige Verhältnisse einfach zu bedienen und stellt auch deshalb einen Meilenstein in der Entwicklung der Automobile dar. Das Hochschalten ist eine Prozedur, die Neulingen volle Konzentration abverlangt: Fuß vom Gas, kuppeln, Gang auf Neutral, Kupplung lösen, wieder kuppeln und den nächsthöheren Gang einlegen. So, wie es Lastwagenfahrer noch bis in die 1980er-Jahre beherrschen mussten.