Klartext: Die bronzene Ananas
Am Fischereihafenrennen von Bremerhaven kann man Pfingsten so verbringen, dass man es nicht mehr vergisst. Es geht eigentlich um nichts bei diesen Rennen, aber dann wieder doch um alles im Leben. "Warum tu ich mir das an?", fragt er sich und tut es sich dann wieder an
Mir fĂ€llt keine gröĂere emotionale Achterbahn ein als der Motorsport, vor allem der im weiten Bereich zwischen den wenigen gut bezahlten Racing-Profis und Amateuren, die ganz ohne Geldverdienst zum SpaĂ mitfahren. âWarum tu ich mir das an?â, dĂŒrfte wohl die hĂ€ufigste Frage in den Fahrerlagern rund um die Welt lauten. Hier ein Porsche fĂŒr eine halbe Million Euro an der Betonwand Macaus zu Kernschrott verdichtet. Dort eine Renn-Ducati nach zehnfachem Rittberger in den Reifenstapel gezwirbelt, sodass sie danach ausschaut wie ein exotisches Metallkunstwerk, das brennt. Und da haben wir noch nicht von den körperlichen Kosten gesprochen, die der junge Mensch als gĂŒnstig auf Kredit hinnimmt, bis sie ihm im Alter mit Zinsforderungen kommen. Wenn nichts kaputt geht, kriegst du ĂŒblicherweise fĂŒr dein gesammelt an einem Renntag verbranntes Gespartes einen feuchten HĂ€ndedruck, weil es ja nur drei PodiumsplĂ€tze gibt, aber Millionen Menschen mit mehr Geld oder Talent als dich.
Die Fahrerlagerfrage lĂ€sst sich dennoch sehr einfach beantworten: Du tust das, weil du nicht anders kannst. Eine bestimmte Sorte Mensch hat den Drang zu siegen, selbst, wenn es aus Laienbetrachtung um nichts geht. FĂŒr den Racer geht es jedoch sehr wohl um etwas. Es geht darum, besser zu sein, und sei es nur besser als der NĂ€chstplatzierte. Ich habe einmal an der Rennstrecke einen Motorradfahrer getroffen, der Zeiten aus dem Graupenkalender fuhr, und selbst der hatte sich seinen eigenen Besser-Benchmark gezimmert, der da war: Wenigstens bin ich der Beste, der sich noch nie gefratzt hat. True story.
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Im Schatten des Trawlers
All das schwamm mir im Kopf herum, als wir endlich in Bremerhaven anlegten zum Fischereihafenrennen. 800 Kilometer gefahren, denn wir mussten ja noch ein Motorrad abholen. Das startete natĂŒrlich nicht, also Batterie erst laden, dann wegen Defekts doch tauschen, dann passte es nicht in den Bus, dann halfen wir beim 18-Tonner leerrĂ€umen, damit sie da mitfahren kann. PrĂŒfstandslauf. Ritzel tauschen am anderen Motorrad. Als wir am Freitagabend das erste Fischbrötchen einnehmen konnten, schielten wir beide bereits derart, dass ich meinen Plan hinterfragte, den Kollegen Toby aus EntspannungsgrĂŒnden zu begleiten.
Das letzte Mal war ich vor zehn Jahren beim Fischereihafenrennen. Es pfiff ein eiskalter, feuchter Wind durch den Norden. Die Redaktions-Delegation MO aus Stuttgart-Degerloch wĂ€rmte sich an ihren VorrĂ€ten mitgebrachter TannenzĂ€pfle, sponsored by Chef. DAS war noch entspannend. Als Neuling in der Motorradszene drehte ich freudig unbedarft wie die anderen dummen Kinder an Gasgriffen mit angeschlossener Beschleunigerpumpe, bis die Mechaniker mich freundlich, aber bestimmt auf Entfernung komplimentierten. Fischbrötchen. MettwĂŒrste. An Bars herumhĂ€ngen. Bis auf die KĂ€lte alles sehr urlaubig. Dieses Mal war es umgekehrt. Die Sonne schien fast durchgĂ€ngig warm auf den Hafen. Aber es war alles viel zu aufregend fĂŒr UrlaubsgefĂŒhle, weil ich in VerdrĂ€ngung meiner Nachtschichten bei den 24 Stunden von Le Mans Toby zusagte, ihm etwas zur Hand zu gehen, wo er doch in zwei Klassen startete. Das stellte ich mir nicht schwer vor. Sind ja genĂŒgend Leute da, dachte ich. Da werde ich BĂŒcher lesen und ĂŒberfĂ€llige Texte fertig schreiben, dachte ich. Wenn der Mensch so denkt, lacht Gott herzhaft.
Entspannend auch die Show an sich. Der Wettbewerb des Rennens erreicht den Zuschauer ĂŒblicherweise etwas abstrakt. Rein logisch versteht er schon, dass die Buben da ihre HĂ€lse riskieren, das Herz kann sich aber nicht um alle 30 Mann eines Feldes gleichzeitig gleich stark sorgen. Doch wenn du irgendjemandem hilfst, dann hast du deinen Fahrer, und der ist fortan das einzig Wichtige im Feld â Position egal. Man sorgt sich um ihn wie um ein Kind, wenn er da drauĂen seine Runden zieht. Am Ă€rgsten trifft es immer die Freundinnen oder Frauen. Manche wollen gar nicht mehr zu den Rennen kommen, weil sie die Sorge jedes Mal so zerrĂŒttet. Aber dann kommen sie eben doch. Da standen wir dann bangend um den Bub an der Strecke. Habe ich alle Verschraubungen noch einmal kontrolliert? Wenn er in einen Strohballen einschlĂ€gt, vom Motorrad geschleudert wie eine Puppe, werde ich mich mitschuldig fĂŒhlen, denn ein besseres Setup hĂ€tte das doch sicherlich verhindert!
Das Tal der AnanassafttrÀnen
Ich fand, das Zeitfahren lief super. Toby fand, das Zeitfahren lief kacke. Die Diskrepanz erklĂ€rt sich aus dem Fahrerfeld: Zum 60sten JubilĂ€um des Fischereihafenrennens nahmen einige sehr schnelle Menschen die ersten PlĂ€tze fĂŒr sich in Anspruch. âWir fahren hier nur um die goldene Ananasâ, sagte Toby, âund selbst die wird einem verwehrt!â Er wollte diese Ananas haben. Er wollte aufs Podest. Das gestaltete sich wohl zĂ€her als gedacht.
Mechaniker Micha von MGM Yamaha stellte ihm dann erst einmal die MT-09-Rennmaschine etwas auf ihn ein, wĂ€hrend der Rest von uns das Fahrerlager nach einem Ersatz fĂŒr die im Training weggeflogene Lenkkopfschraube suchte (âIch habâ mich schon gewundert, was da beim Wheelen so klackt.â). Zack, eine Sekunde schneller im zweiten Zeittraining als im ersten. Ich noch zufriedener. Toby noch unzufriedener. Zeit fĂŒr Logik meinerseits. Mit der Startaufstellung (Startplatz 5) in der Hand argumentierte ich: âSchau, den Ersten kriegst du hier sowieso nicht, der fĂ€hrt viel schneller als schon der Zweite. Aber ab Zwei liegen alle so dicht, dass alles drin ist. Der Startplatz ist super fĂŒr die erste Kurve. Alles richtig gemacht im Zeitfahren.â