Klartext: Selber machen lassen

Wenn wir an Fortschrittstreiber denken, dann fallen uns immer charakterlich krasse Einzelpersonen ein, weil die eben auffallen. Jobs. Musk. Diesel. Einstein. Wir vergessen dabei das Umfeld

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Klartext
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Dieser Tage stellen zwei Zulieferer neue E-Achsen für die IAA vor. Einige Kollegen von der schreibenden Zunft sehen in diesen Bauteilen die Revolution der Autoindustrie. Fast alle Zulieferer im Geschäft "Antriebstechnik" oder "E-Motoren" haben mittlerweile irgendeine Form von integriertem Bauteil im Programm, die Einzelteile nebst Integrationsdienstleistung sowieso schon lange. Denkt man diesen Gedanken jedoch einmal bewertungslos zu Ende, wird klar, dass die Revolution längst in vollem Gang ist und sich keineswegs auf E-Achsen beschränkt. Die Autoindustrie besteht zu einem verblüffend großen Teil aus Spezialisten, die dir alles bauen, was ein gutes Auto ausmacht. Du müsstest es dann selber endmontieren oder auch dafür den Dienstleister wählen, um zum rein virtuellen, beziehungsweise kaufmännischen Autohersteller zu werden.

Zuletzt fiel mir das die Tage zum Thema des Elektrorollers Niu auf. Gut, die Antriebssteuerung war nicht besonders gut programmiert, aber das lag wahrscheinlich daran, dass Niu die Software selber geschrieben hat. Wer nichts selber macht, macht schon mal nichts verkehrt, weiß die Politik – vor allem, wenn die letztendlichen Macher eben Ahnung von Tuten und Blasen haben. Der Rest des Rollers wirkte sehr, sehr gut. Aluguss-Zulieferer. Plastik-Formenbau-Experte plus Plastikzulieferer im schönen Zusammenspiel. Batteriehersteller. Antriebstechnikpaket von Bosch. Ich habe mich schon vorgemerkt auf den zweiten Roller des Unternehmens (M1), in der begründeten Hoffnung, dass mir outgesourcte Software einen gescheit bedienbaren Gasgriff bescheren wird.

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Sehr schönes, selbsttragendes Tankheck wie aus Großserienfertigung am Kleinserien-Racer HKR Evo 2. (Bild: Clemens Gleich)

Oder betrachten wir die Elektroauto-Startups, die mit günstigen E-Autos an den Start gingen, gehen oder gehen werden. Streetscooter (gekauft von DHL). e-Go. Sono Sion. Wie können motivierte junge Ingenieure, die keine Kohle für irgendeine Art von Design hatten, aus dem Nichts so fertige Antriebe bauen? Gar nicht natürlich. Sie kauften bewährte Antriebstechnik zu wie andere Kunden auch und kamen in den Genuss des Supports, den ihr Zulieferer ihnen dazu vor dem Projekt, währenddessen und in der Produktion gewähren kann.

Am bewusstesten wurde mir der Stand der Zulieferermöglichkeiten, als ich 2015 mit Markus Krämer sprach, der mit wenigen Freunden ein Motorrad verblüffender Fertigungsgüte auf die Räder stellte, das er häufig alleine endmontiert: die HKR Evo 2. In seiner Zeit als Angestellter bei KTM oder wahrscheinlich eher: in seiner Gesamtzeit als Ingenieur konnte Markus sehen, was heute alles von außen kommt oder auch nur gelegentlich von außen kommen kann.

Das schnittige Supersport-Design der HKR: zugekauft. "Ich wollte, dass es richtig schön aussieht", sagt Markus. Das ist bei einem Motorrad eben deutlich wichtiger als bei einem Lieferwagen. Der leichte Rahmen: zugeliefert. Markus hat ihn gezeichnet, schweißen tun ihn Andere. Der Motor kommt von KTM, dem alten, immer noch kollegial verbundenen Arbeitgeber. Die Fahrwerkskomponenten kommen von WP, einer KTM-Tochter. Das selbsttragende Tankheck mit Schleifern kommt nach Markus' Design von einem Kunststoff-Spezialanbieter, der so etwas auch bei kleinen Stückzahlen zu bezahlbaren Preisen liefert. Was von den Kleinteilen nicht als fertig im Regal bezogen werden kann, kommt aus den 3D-Druckern oder Fräsen entsprechender Farmen solcher Maschinen oder anderweitig computergesteuert vorgeformt.