Klartext: Psychoanalyse des Autoprolls

Wenn ein Auto ein Dutzend Mal an dir vorbeifährt innerhalb eines kurzen Abends, und damit nicht alleine ist, dann wirft das Fragen auf. Was tun diese jungen Männer in ihren doch sehr lauten Autos, und vor allem für wen?

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Klartext

(Bild: Lorinser)

Lesezeit: 4 Min.

Wenn die Temperaturen es nahelegen, trifft sich Stuttgart gern abends am und um den Königsplatz herum. Dort saß ich dieser Tage und sinnierte über die Gefühlswelt des Autoprolls. Das Thema lag nicht bereits im Wetware-RAM, sondern drängte sich mir beim da Sitzen auf, indem immer dieselben Autos an unserem Tisch gegenüber des Königsplatzes vorbeifuhren, jedes Mal betont mit dem Gasfuß furzend. Es war so befremdlich, dass ich das Zählen anfing. Eine Prollwarze der Polo-Klasse fuhr ungelogen 12 Mal vorbei, bis wir das Lokal verließen. Andere schafften in dieser Zeit immerhin 5 bis 10 Vorbeifahrten. Alle warfen die Frage auf: Was tun die da eigentlich?

Am Anfang denkt man ja noch: Die fahren irgendwo hin. Sie suchen vielleicht einen Parkplatz oder holen jemanden ab. Solche Gedanken verschwinden aber schnell, sobald man das Zählen anfängt. Niemand sucht 12 Mal an derselben Stelle einen Parkplatz. Niemand holt 12 Leute in einer vorher schon voll besetzten Prollwarze ab. Niemand umkreist einen Häuserblock in Zeiten von Google Maps 12 Mal, um etwas zu suchen. Nein, die Antwort muss in der Fahrt an sich liegen, dachte ich mir, weil das ja als einspurig zum-Spaß-Fahrender naheliegt.

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Gerne genommen fürs Samstagsfurzen: AMG-S-Klassen (hier: Mercedes-AMG S 63 Coupé). Man fragt sich unwillkürlich, woher die jungen Prolls das Geld haben oder ob das Material nur fürs Wochenende gemietet wird. (Bild: Daimler)

Das Herumfurzen mit dem Gasfuß gibt ein paar Hinweise. Denn der Klang muss auch hier hinter dem anstehen, was eigentlich wichtig zu sein scheint: Lautstärke. Wir hören mehr Vierzylinder mit mindestens virtuellen Löchern im Auspuff als exotischere Motorkonfigurationen. Hier mal ein V6, zwei V8, ein R6 summt leise vorbei. Dann wieder der patschende Vierzylindergeräuscher. Die Stadt Stuttgart hat die Bolzstraße am Königsplatz mit Temposchwellen versehen, damit die Autos dort wie vorgesehen mit 30 km/h oder langsamer hindurchrollen. Der Proll fährt die 30 eher als Durchschnitt. Er bremst am Hindernis praktisch zum Stand ab, fährt betont vorsichtig darüber und gibt dann kräftig Gas, damit er am 10 Meter entfernten nächsten Hindernis wieder bremsen und Gas geben kann.

Für wen produziert der Proll diese Geräusche?, lautet also die in der Primatenforschung noch weitgehend unbeantwortete Frage. Wenn es ihm ums selber hören ginge oder die gegenseitige Beschallung unter Connoisseurs, wiche er auf ruhige Randgebiete aus, in denen er richtig laut sein kann, ohne dass die Polizei ihn daraufhin darauf anspricht. Er glaubt also an ein anderes Publikum. Vielleicht meint er am Ende uns, die wir da sitzen? Das scheint möglich, wenn auch irgendwie seltsam, denn am Tisch neben uns fantasiert ein Mann bereits davon, Nägel auf die Fahrbahn zu streuen, als ein besonders löchrig klingender Auspuff mal wieder zweistellige Umrundungszahlen anhäuft. Das finde ich zwar verwerflich, aber frage mich auch, ob der Proll diese Ablehnung nicht irgendwann registrieren müsste. Er macht das immerhin jedes Wochenende.

Kurz komme ich auf die These zurück, dass Primaten laute Geräusche produzieren, um sich wichtig zu machen, auffällig für das andere Geschlecht. Diese These erweist sich jedoch als nicht stichhaltig. Beobachtende Frauen reagieren betont negativ auf die Prollparade. In keinem der Prollkarren sitzt auch nur eine Frau. Alle sind gut besetzt, häufig voll besetzt mit meist eher jungen Männern. Wenn es hier um Paarung geht, muss es sich also um die homosexuelle Szene handeln. Auf diesbezügliche Nachfragen ernten wir enorme Aggression, die so eine Theorie durchaus bestätigen könnte. Dann wäre der Anteil Homosexueller an der Gesamtpopulation allerdings deutlich höher als bisher angenommen. Da ebender allerdings recht gut belegt ist, verwarf ich schweren Herzens auch diese so passend erscheinende These.

Letztendlich, so meine Begleitung, bringt uns bei der Betrachtung die direkte Beobachtung wahrscheinlich nicht ans Ziel. Wir müssen innere Gründe annehmen, die der Proll mit "so geiler Saauund" verschlüsselt artikuliert. "Wahrscheinlich", sagte meine Begleiterin, "ist es wie mit den Toten oder den Dummen: Der Tod und die Dummheit stört die Betreffenden ja nicht selbst, sondern die Anderen. Ähnlich wird es mit dem Proll aussehen. Er glaubt wider alle Belege seines Umfelds, dass Beobachter ihn toll finden, wenn er an ihnen vorbeifurzt." Und das muss unser realistischstes Szenario bleiben, bis ich meine Homosexuellentheorie sicher belegen kann. Lesen Sie demnächst hier von meinen wissenschaftlichen Interviews mit AMG-Schlossplatzumrundern. (cgl)