VW Atlas Tanoak: Pick-Up-Studie für die USA

Das Konzept eines Pickups, das Volkswagen auf der New York Auto Show präsentiert, verwundert auf den ersten Blick. Bei genauem Hinsehen versteht man zwar, warum Volkswagen Plattform und Antriebsstrang des VW Atlas verwenden möchte. Ob das aber ein Plan mit reellen Chancen ist?

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VW Atlas Tanoak
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Das Konzept eines Pickups, das Volkswagen auf der New York Auto Show präsentiert, verwundert auf den ersten Blick. Bei genauem Hinsehen versteht man zwar, warum Volkswagen Plattform und Antriebsstrang des siebensitzigen SUV VW Atlas verwenden und auf eine Bauweise mit Leiterrahmen verzichten möchte. Offenbar denkt man darüber nach, ob man mit so einem Fahrzeug einen US-Schutzzoll umgehen kann. Ob das aber ein Plan mit reellen Chancen ist, halten wir für diskussionswürdig.

Der VW Atlas Tanoak hat einen 276-PS leistenden V6-Ottomotor mit einem Achtstufen-Automaten und basiert wie der Atlas auf der hoch flexiblen MQB-Plattform des Unternehmens. Ja, richtig, Sie haben eben ein „Q“ gelesen – der Antriebsstrang steht tatsächlich quer und nicht längs wie in den seit rund 120 Jahren prinzipiell unverändert aufgebauten Pritschenwagen herkömmlicher Bauart. Bei Fahrzeugen mit Allradantrieb ist eine Ableitung vom Standardantrieb, also mit längs liegendem Motor und Getriebe und primärem Hinterachsantrieb schon sinnvoll, weil man so eine doppelte Kraftumleitung zwischen Getriebe und Achsen vermeidet. Dazu kommt, dass nur so die Vorderachse die im Gelände nötige Beweglichkeit behält. Und das waren nur die beiden wichtigsten Argumente.

VW Atlas Tanoak: Pick-Up-Studie für die USA (13 Bilder)

Der Atlas Tanoak ist ein Doppelkabiner und misst 5,44 Meter in der Länge, ist 203 Zentimeter breit. Seine Ladefläche ist 1,63 m lang, zwischen den Radkästen 128 Zentimeter breit und 53 cm hoch, das Ersatzrad ist wie gewohnt unter der Ladefläche montiert.
(Bild: Volkswagen)

„MQB“ bedeutet aber auch: selbsttragend. Ebenfalls ein schwerer Verstoß gegen die sinnvolle Tradition, Pritschenwagen auf einem Leiterrahmen aufzubauen. Es gibt schließlich gute Gründe, diesen Aufwand seit Jahrzehnten und Generationen zu betreiben. Volkswagen verzichtet beispielsweise auf die Möglichkeit, verschiedene Aufbauvarianten anbieten zu können oder rahmenmontierte Module von Zulieferern anstelle der Pritsche, wie etwa für Abschleppdienste, Feuerwehren, Rettungswesen, Straßenbaufahrzeuge, aber auch für Campingaufbauten und was es an ungezählten Möglichkeiten mehr gibt. Im Geländeeinsatz bietet ein Rahmen die nötige Stabilität für Selbst- und Fremdbergungen und auf der Straße nicht zuletzt eine rund dreifach höhere Anhängelast im Vergleich zu selbsttragenden Fahrzeugen.

Sowohl ein Quermotor als auch der Verzicht auf einen Rahmen bringen also schwerwiegende funktionelle und konzeptionelle Nachteile für den in den USA so wichtigen kommerziellen Einsatz mit verschiedenen Pritschenlängen und Aufbauvarianten. Der Atlas Tanoak wäre – würde er denn gebaut – lediglich als Fahrzeug für Freizeitsportler verkäuflich. Wichtige Marktbereiche blieben ausgespart. Wir sind uns sicher, dass Volkswagen dessen sehr bewusst ist.

Die Modularität der Plattform könnte die Entwicklung eines Pickups und dessen potenzielle Produktion auf den bereits existierenden und nur teilweise ausgelasteten Bändern im Volkswagen-Werk Chattanooga für den Atlas, den Atlas Cross Sport und den Passat verbilligen. Der eigentliche Grund jedoch dürfte im Bestreben liegen, die US-amerikanische, sogenannte „Chicken Tax“ von immerhin 25 Prozent zu umgehen. Dieser Schutzzoll ist keine von Trumps neuen Einfällen, sie wird vielmehr bereits seit 1963 nicht nur auf Geflügel sondern auch auf nicht im Land gebaute Nutzfahrzeuge erhoben. An dieser Abgabe ist der ansonsten weltweit erfolgreiche VW Amarok in den USA gescheitert, obwohl dieser Pick-Up (dann wohl mit einem Ottomotor) mit seiner traditionellen Rahmenbauweise eigentlich die Bedingungen des dortigen Marktes voll erfüllen würde.