MP3 beschäftigt Industrie und Justiz
Die gesamte Musikindustrie erwartet gebannt die nächsten Runde im Verfahren gegen die Musiktauschbörse Napster. Derweil arbeitet man an Verfahren, die die urheberrechtlich geschützten Songs vor illegaler Verbreitung schützen sollen.
Madonna war erst tieftraurig, dann entzückt über die Werbewirkung. Die englische Kultband Radiohead schwört darauf. Katja Riemann und Marius Müller-Westernhagen dagegen finden das Ganze nicht so lustig und haben mit einem Schreiben an das Europäische Parlament protestiert: Das massenhafte illegale Kopieren von Musikdateien aus dem Internet beschäftigt Autoren, Komponisten und die gesamte Musikindustrie.
Schuld daran ist ein Komprimierungsverfahren mit dem eingängigen Namen "Moving Picture Experts Group audio layer 3", besser bekannt als MP3. Die Musikdateien werden dabei auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe komprimiert, indem "überflüssige" Daten wie etwa vom menschlichen Ohr ohnehin nicht hörbare Töne entfernt werden. Anschließend lassen sich die kleinen Datenpakete ohne Qualitätsverlust bis zu zwölf Mal schneller über das Internet verschicken.
Experten halten MP3 für «die größte Revolution seit Erfindung der Schallplatte». Die Erfinder, drei Wissenschaftler des Erlanger Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen (IIS), wurden im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Zukunftspreis 2000 geehrt. Doch das kleine Kürzel sorgt seit 1993 in Zusammenhang mit dem Internet immer wieder für Zündstoff zwischen Portalbetreibern, Nutzern und der Musikindustrie.
Die fünf großen Musiklabels - BMG, EMI, Timer Warner, Sony und Universal - verklagten die populäre Musiktauschbörse Napster wegen Verletzung der Lizenzbestimmungen auf Schadenersatz in Milliardenhöhe. Der deutsche Medienriese Bertelsmann witterte angesichts 60 Millionen Nutzer und weiterer potenzieller Kunden die große Chance: Die Gütersloher stiegen mit einem 60-Millionen-Kredit bei Napster ein und Bertelsmann-Tochter BMG folgerichtig aus dem Klage-Quintett aus. Am 12. Februar musste Napster jedoch eine herbe Schlappe einstecken und bemüht sich seitdem fieberhaft um ein geeignetes Geschäftsmodell, das ihnen den Frieden mit der Plattenindustrie sichern soll.
Nach Ansicht von Experten entsteht der Musikbranche durch Musikpiraterie weltweit ein Schaden von mehr als drei Milliarden Mark jährlich. Doch ein Ende des ungezügelten Kopierens scheint in Sicht. Nicht nur weil Napster am 12. Februar dazu verpflichtet wurde, ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das den urheberrechtlichen Bestimmungen gerecht wird. Auch auf technischem Sektor scheint eine Lösung in naher Zukunft möglich.
Ausgerechnet Fraunhofers IIS wird zur weltgrößten Computermesse CeBIT (22. bis 28. März) eine neue Software vorstellen, die einen effektiven Kopierschutz gewährleisten soll. Das Produkt soll die Portalbetreiber in die Lage versetzen, ein so genanntes digitales Wasserzeichen als kleinen Datenspion in jede MP3-Datei zu integrieren. "Wer es tatsächlich schafft, die digitalen Wasserzeichen aus den Dateien zu entfernen, muss eine erhebliche Verschlechterung der Klangqualität in Kauf nehmen", sagt Christian Neubauer vom IIS. Jeder Diensteanbieter könnte damit künftig Musikdaten mit den unhörbaren Wasserzeichen bestücken. Der Weg, den die Datei im weltweiten Datennetz zurücklegt, könnte anhand der integrierten Kunden-Nummer (ID) zurückverfolgt werden. Daraus ließen sich auch Rückschlüsse auf eventuell unerlaubtes Kopieren ziehen. "Was dann die Provider mit den Daten machen, ist nicht mehr unsere Sache", sagt Neubauer. Die Forscher stellten nur die Technik zur Verfügung. (Thomas Revering, dpa) / (vza)