Klartext: Old Love

Die Oldtimerliebe boome, sagte man, genauso wie man sagte: "Die jungen Leute interessieren sich wieder mehr fĂŒrs Motorrad." Beide Entwicklungen entpuppen sich leider als beim nĂ€heren Hinschauen als WunschtrĂ€ume

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Mercedes W123
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Inhaltsverzeichnis

Die Oldtimer-Szene hat in den letzten Jahren viel Zulauf erhalten, erzĂ€hlte man mir. Es schien einleuchtend, denn komplementĂ€re Trends unterstĂŒtzten ihn. Das Do-it-yourself-Revival. Die rĂŒckwĂ€rtsgewandte Hipster-Szene. Pur. Handgemacht. Alt. Alles wichtig gewesen. Es gab aber auch gegensĂ€tzliche Entwicklungen. UmweltschĂŒtzer haben sich zum Beispiel nie besonders gefreut ĂŒber die Oldtimer-Szene. Vielleicht wussten sie, sicher ahnten sie: Oldtimer-Besitzer fahren eher selten dieses eine Auto auf, fĂŒr das daher viel spĂ€ter ein neues produziert werden muss. Viel eher haben sie viele Autos, praktizieren den Oldtimer als Luxus-Leidenschaft, wie einen Haushund oder ein Reitpferd. Im Strömungsgemenge der EinflĂŒsse scheint der Stern des Oldtimers zu sinken. Ich kann es ein bisschen verstehen.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat beim Institut fĂŒr Demoskopie Allensbach eine Studie zur Akzeptanz von Oldtimern beauftragt, mal wieder. Seit 2011 ist der VDA dabei, das Institut fragt zu diesem Thema seit 2008 um. Seitdem sinkt das Interesse an Oldtimern kontinuierlich; wahrscheinlich begann die Entwicklung schon vorher. Die These des Oldtimer-Booms, die auch ich glaubte, scheint genauso eine „gefĂŒhlte Wahrheit“ ohne Datenfundament zu sein wie die These, dass zur Retro-Welle wieder mehr junge Menschen zum Motorrad kamen (falsch).

Klartext: Old Love (9 Bilder)

Der Willys Jeep eignet sich wie viele Arbeitstiere fĂŒr Oldtimer-Schrauber ohne Chirurgenfinger.
(Bild: Clemens Gleich)

In den erhobenen Daten geht die Beliebtheit des Oldtimers zurĂŒck. Das Institut vermutet (wie ich es auch wĂŒrde), dass die Abgasdebatte die Volkswahrnehmung sicherlich fĂŒr Umweltaspekte sensibilisiert hat. Dazu kommt die Preisentwicklung alter Autos. Alte Autos auffahren bleibt immer nur so lange wirtschaftlich, bis genĂŒgend Leute dein Modell als Spekulations-Sammel-Objekt sehen. Das ist zwar absurd, weil niemand außer HĂ€ndlern Geld mit Oldtimern verdient, aber wie beim Analogon Whisky in der AbstrusitĂ€t irgendwie nachvollziehbar: „Da hab ich 10.000 Euro dafĂŒr ausgegeben! Nur 30 Jahre spĂ€ter ist er 20.000 wert, und ich habe nur 30.000 reingesteckt!“ Es legitimiert deine Lusttat in Zahlen.

Diese Emotionen sind schwer vorhersehbar, weil sie auch vorher zutiefst gehassten Fahrzeugen zuteil werden. Eine BMW K 100 kannst du bis heute nicht im Kreise nĂŒchterner Menschen als „schön“ bezeichnen, ohne dass dein Umkreis einen Gehirntumor vermutet. Das bewahrt die K nicht vor Sammlern. Nicht einmal Masse schĂŒtzt: Finden Sie nur einmal einen brauchbaren 123, Mercedes‘ bis heute meistgebautes Modell. Freunde des Bullis wissen das schon lĂ€nger. Die Studie weist allerdings auch zu Recht darauf hin, dass abseits der ausgetretenen Pfade durchaus noch bessere Preise existieren, natĂŒrlich bei Autos, die immer noch als doof gelten, bis sie plötzlich in den Köpfen langsam zu „och, doch toll!“ umschnappen.