Volkswagen-BuĂgeld weckt politische Begehrlichkeiten
Kurz vor der Haushaltsklausur der rot-schwarzen Koalitionsregierung am 24. und 25. Juni bescherte eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft Braunschweig Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) eine Milliarde Euro an zusÀtzlichen Einnahmen
(Bild: Sebastian Philipp)
- dpa
(Bild:Â Sebastian Philipp)
Kurz vor der Haushaltsklausur der rot-schwarzen Koalitionsregierung am 24. und 25. Juni bescherte eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft Braunschweig Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) eine Milliarde Euro an zusĂ€tzlichen Einnahmen. Volkswagen muss demnach ein BuĂgeld in dieser Höhe an das Land Niedersachsen zahlen. âZur Verwendung der Mittel wird die Landesregierung im zeitlichen Zusammenhang mit den Haushaltsberatungen einen Vorschlag unterbreitenâ, betonte die Staatskanzlei in einer ErklĂ€rung.
Die Nachricht des unverhofften Geldsegens weckte am Donnerstag (14. Juni 2018) erste Begehrlichkeiten. Der Vorsitzende des niedersĂ€chsischen Richterbunds (NRB), Frank Bornemann, betonte: âDie Justiz finanziert damit ihren Stellenmehrbedarf faktisch selbstâ. Das Geld flieĂe immerhin dem allgemeinen Haushalt zu. Bornemann: âEs gibt daher kein Argument mehr, warum die Justiz hinsichtlich der dringend erforderlichen Stellen weiter kurz gehalten wird.â Die im Koalitionsvertrag zugesagten 250 Stellen fĂŒr StaatsanwĂ€lte und Richter kosteten inklusive Nebenkosten 25 Millionen Euro jĂ€hrlich. Mit der Milliarde könnten diese Stellen somit fĂŒr 40 Jahre finanziert werden. âWir werden es nicht akzeptieren, wenn dieses von der Justiz selbst erwirtschaftete Geld nun nicht auch dort eingesetzt wirdâ, mahnte Bornemann, der von Hilbers eine klare Zusage forderte.
Teilweise UnterstĂŒtzung erhielt er vom niedersĂ€chsischen FDP-Chef Stefan Birkner. Indes setzte er zunĂ€chst andere PrioritĂ€ten: âDen unverhofften Geldsegen muss die Landesregierung zwingend in den Schuldenabbau investierenâ, forderte er. âDas entlastet nicht nur nachfolgende Generationen, die eingesparten Zinsen stehen dem Landeshaushalt langfristig zur VerfĂŒgung.â Damit lieĂe sich auch die Justiz stĂ€rken.
Dagegen fordert der Steuerzahlerbund, dass der gesamte Betrag in den Abbau des Schuldenbergs von 61,4 Milliarden Euro geht. âDas Geld darf nicht zur Manövriermasse der Politik bei der Verteilung von Wohltaten werden; die Minderung der Haushaltsrisiken durch den hohen Schuldenberg muss vielmehr oberste PrioritĂ€t habenâ, forderte Bernhard Zentgraf vom Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen.
Die Verwendung der von der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen VW verhĂ€ngten Milliarden-GeldbuĂe beflĂŒgelt auch die Fantasie der GrĂŒnen. âBei uns gibt es darĂŒber gerade eine muntere Debatteâ, sagte der Landtagsabgeordnete Stefan Wenzel. Mit Blick auf den Abgasbetrug meinte er: âEs wĂ€re fatal wenn der Eindruck entsteht, VW könnte sich hier freikaufen.â GrĂŒnen-Fraktionschefin Anja Piel kritisierte: âBuĂgeldbescheid â das klingt wie falsch geparkt, einmal zur Kasse bitte, Strafzettel bezahlt, alles erledigt.â
Dabei hĂ€tten die Autobauer durch den Betrug einen hohen Schaden fĂŒr Umwelt, Gesundheit und die gesamte Volkswirtschaft verursacht. Piel forderte massive Investitionen in die MobilitĂ€tswende, darunter den Ausbau des Radwegenetzes oder eines effizienten Nahverkehrssystems. Ingrid Remmers, verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke, nannte das BuĂgeld lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig.
Sowohl MinisterprĂ€sident Stephan Weil (SPD) als auch Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) sind Vertreter der Landesregierung im VW-Aufsichtsrat. Sie begrĂŒĂten die Anerkennung der GeldbuĂe durch Volkswagen und betonten, der Konzern bekenne sich damit zu seiner Verantwortung. Niedersachsen hat 20 Prozent der VW-Stimmrechtsaktien und so faktisch ein Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen. Das BuĂgeld von einer Milliarde Euro wurde am Mittwoch (13. Juni 2018) verhĂ€ngt, weil die AnklĂ€ger Aufsichtspflichtverletzungen bei Volkswagen belegt sahen. Es soll binnen sechs Wochen an die Landeshauptkasse ĂŒberwiesen werden. Die konkreten Folgen fĂŒr den Haushalt werden geprĂŒft.
Das BuĂgeld fĂ€llt nach Angaben des Finanzministeriums in Hannover nicht in den Bereich der Steuern oder steuerĂ€hnlichen Abgaben, die fĂŒr den LĂ€nderfinanzausgleich berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen. Im laufenden Haushaltsplan 2018 hatte das Finanzministerium nach eigenen Angaben bisher Einnahmen in Höhe von 350 Millionen Euro durch Gerichtskosten, Geldstrafen und Ă€hnliche Zahlungen bei den Oberlandesgerichten angesetzt.
Niedersachsens HaushaltĂŒberschuss aus dem Vorjahr liegt mit 1,2 Milliarden Euro. Hilbers will 100 Millionen zur Schuldentilgung verwenden und steigt so erstmals seit 50 Jahren in den Abbau der Schulden von 61,45 Milliarden Euro ein. FĂŒr 2018 rechnete er dank der guten Konjunktur bisher mit rund 27,6 Milliarden Euro Einnahmen sowie einem Steuerplus von 258 Millionen Euro. (mfz)