M-Commerce verleiht dem Internet Flügel – vielleicht
Beim E-Commerce stand der Konsument nur am Anfang allein im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Mit dem M-Commerce soll das nun alles anders werden.
Über das Internet bestellen und bezahlen – das gibt es schon lange. Doch beim elektronischen Handel stand der Konsument nur am Anfang allein im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Schnell verlagerte sich der Schwerpunkt auf das so genannte Business-to-Business-Geschäft (B2B) zwischen Unternehmen, die auf eigenen Online-Marktplätzen ihre Waren kostengünstiger und schneller einkaufen können. Per Handy sollen dem Internet nun Flügel wachsen, und beim M-Commerce um den sich auf der CeBIT 2001 fast alles dreht, scheint auch der private Nutzer wieder gefragt zu sein.
Ein Beispiel dafür ist Japan: Der Service i-mode gilt weltweit als Vorreiter des mobilen Internet, und nach einer Ericsson-Studie entfallen dabei 40 Prozent des Datenverkehrs auf Angebote zur Unterhaltung. Besonders junge Japaner laden sich gegen Gebühren Fantasie-Figuren, Horoskope und Karaoke-Texte auf ihr Handy. Auch in Deutschland setzen die Pioniere des M-Commerce, die sich selbst gern als die Yahoos und Amazons der Zukunft sehen, vor allem auf Klingeltöne und Logos für das Mobiltelefon. Die ersten dieser neuen Internet-Portale mussten allerdings bereits Konkurs anmelden.
Denn dass sich die Verbraucher ein M für ein E vormachen lassen, ist trotz der allgemeinen Euphorie noch ungewiss: WAP, der erste Übertragungsstandard für mobile Internet-Dienste, erwies sich wegen der langsamen Geschwindigkeit bislang als Flop. Für GPRS, das zumindest die Datenrate drastisch erhöhen soll, kommen die ersten Geräte erst langsam auf den Markt. Dennoch bleibt die Industrie optimistisch: Ausgerechnet Erwin Staudt, Deutschland-Chef des Computerriesen IBM, hält das Mobiltelefon für den "Knaller" der nächsten Jahre. Das Forschungsinstitut Durlacher rechnet in Europa 2003 mit Umsätzen im M-Commerce von mehr als 30 Milliarden Mark. Dann soll es auch schon mehr mobile als Festnetz-Nutzer im Internet geben.
Nicht alle Vorteile des Handys im Vergleich zum PC liegen sozusagen auf der Hand, einer ist sogar unter dem Plastikgehäuse versteckt: Es ist der Chip, mit dem jedes Mobiltelefon ausgestattet ist. Die Chipkarte gilt als idealer Aufbewahrungsort für die so genannte digitale Signatur, mit der sicheres Bezahlen per Internet möglich werden soll. Wer den gleichen Standard für seinen Computer zu Hause wünscht, müsste sich erst ein Kartenlesegerät anschaffen. "Bisher ist die Bezahlung im Internet eingeschränkt, unbequem oder unsicher", meint Stefan Röver, Vorstandschef des Software- Unternehmens Brokat, das ein Patent für die elektronische Unterschrift erhalten hat. Wenn für die Propheten des M-Commerce alles nach Plan läuft, könnte es künftig völlig normal sein, zum Beispiel am Getränke-Automaten mit dem Handy zu bezahlen.
Entscheidend ist dabei die Frage, was die neuen Dienste kosten. In Deutschland haben sechs Netzbetreiber pro Einwohner 1200 Mark für die UMTS-Lizenzen ausgegeben. Insgesamt investieren Unternehmen nach Schätzungen von Ericsson 730 Milliarden Mark in die dritte Generation des Mobilfunks. Ob die Branche diese Summe in den nächsten fünf, zehn oder gar zwanzig Jahren überhaupt wieder einspielen kann, ist bei Analysten umstritten. Vermutlich werden nicht alle Unternehmen den Schritt ins mobile Internet überleben. Die Besucher der CeBIT sind daher nicht schlecht beraten, wenn sie in diesem Jahr nicht nur die Produkte der Aussteller testen, sondern zusätzlich auch einen Blick in die Geschäftsberichte werfen.
Siehe dazu auch den Schwerpunkt zum mobilen Internet (Surfer on the Road) in Ausgabe 4/2001 von c’t. (Alexander Missal, dpa) / (jk)