Gesichtskontrolle: Charakterstudien am Kraftfahrzeug
Dass Autos einen "Gesichtsausdruck" haben, ist eigentlich nichts Neues. Einige Wiener Forscher versuchten, die menschliche Wahrnehmung von Autofronten messbar zu machen und fanden dabei erstaunlich einheitliche Vorlieben
- Gernot Goppelt
Hannover, 15. Dezember 2008 – Dass Autos eine Persönlichkeit haben, hat schon der tolle Käfer Herbie gezeigt, der in mehreren Spielfilmen atemberaubende Talente bewies. Ganz so weit geht es in der Realität zwar nicht, doch auch im wahren Autoleben menschelt es gewaltig. Da wird mit „dicken Schlappen“ für einen angemessen breitbeinigen Auftritt gesorgt oder mit lustigen Plastikstreifen in Karosseriefarbe für einen grimmigen Blick. Beim geselligen Familientreff in Nachbars Garten wird sorgfältig erwogen, ob man mit einem Saab den lässigeren Auftritt hinlegen kann als mit einem Audi; die Tochter schwört derweil liebevoll auf ihren Nissan Micra, weil er so treu guckt. Der Sohnemann dagegen stellt sich Würstchen grillend die Frage, welche Marke man eigentlich fahren muss, um sich jeglicher Imagebildung zu entziehen und kommt schließlich frei nach Paul Watzlawick resignierend zum Ergebnis, dass ein Auto nicht nichtssagend sein kann. Den Vätern wird es jetzt doch etwas zu unsachlich und sie wechseln das Thema.
Autos sind auch nur Menschen
Vielleicht wäre es ihnen auch gar nicht so recht, was einige Wiener Forscher kürzlich in der Fachzeitschrift Human Nature veröffentlich haben. Die Forschergruppe um den Verhaltensforscher und Evolutionsbiologen Karl Grammer wollte nicht nur die Frage beantworten, ob ein Auto so etwas wie Gesichtszüge hat, sie interessierte vielmehr, ob der „Gesichtsausdruck“ eines Autos möglicherweise sogar messbar ist. Ihre Studie, die an der Universität Wien entstand, kommt „nach komplexer statistischer Analyse“ zu dem Ergebnis, dass viele Menschen in Autos tatsächlich menschliche Züge sehen. Mehr noch: Sie ordnen ihnen sogar bestimmte Charakterzüge zu. Forscher, Produktdesigner, Filmemacher und Autointeressierte überrascht das nicht wirklich, aber die Wiener Studie behandelt diese Fragestellung erstmals systematisch. Einzigartig ist dabei vor allem, dass die Wahrnehmung eines Autos und seiner formalen Eigenschaften erstmals messbar gemacht wird.
Gesichtskontrolle: Charakterstudien am Kraftfahrzeug (7 Bilder)

Kleiner Mann und Herbie: Gut, wenn man immer einen treuen Freund hinter sich stehen hat. (Bild: Volkswagen)
Um herauszufinden, ob der „Gesichtsausdruck“ eines Autos von allen Menschen gleich wahrgenommen wird, konfrontierten die Forscher 40 Probanden mit hochauflösenden 3D-Bildern aus dem Computer sowie Papierfotos von 38 Autos verschiedener Hersteller. Die Scheinwerfer identifizierten die Teilnehmer in der Regel als Augen, den Grill oder das Markenemblem als Nase und weitere Lufteinlassschlitze als Mund. Jeder Teilnehmer wurde zudem gebeten, das Fahrzeug einem von 19 Charakterzügen zuzuordnen, zum Beispiel arrogant, freundlich, wütend, glücklich, überrascht, offen, etc. Zudem wollte man von ihnen wissen, ob sie das „Gesicht“ eher männlich oder weiblich sowie kindlich oder erwachsen einschätzen. Dabei lag die Übereinstimmung der Teilnehmer bei 96 Prozent. Das zeige, dass es offenbar eine allgemeingültige visuelle Botschaft gibt, die von Autofronten ausgeht.