Meinung: Vettels Kanada-Petitesse

Wenn Sebastian Vettel erst die Beherrschung über seinen Ferrari und dann über seinen Gemütszustand verliert, sind natürlich weltweit Möchtegernexperten, Stammtischracer und sonsitge Ahnungslose mit Lautstärke dabei, ihn dafür zu kritisieren oder in Schutz zu nehmen. Warum?

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Sebastian Vettel

(Bild: Ferrari)

Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Christian Lorenz
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Am 9. Juni 2019 hat Sebastian Vettel in Montreal zweimal die Beherrschung verloren. Erst ging ihm die Strecke des Circuit Gilles Villeneuve aus. Er rutschte mit seinem Ferrari auf eine Grünfläche auf der Ile de Notre Dame. Bei dem anschließenden Abfangmanöver querte er blitzartig die Strecke. Der nachfolgende Lewis Hamilton musste bremsen und ganz knapp in Richtung Mauer lenken, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Als die Rennleitung dafür eine Fünf-Sekunden-Strafe verhängte, flippte Vettel aus. Die Scuderia Ferrari arbeitet jetzt an einem Einspruch gegen die Entscheidung der Rennkommissare. Die Frist dafür läuft 96 Stunden nach Rennende ab. Währenddessen arbeitet die allgemeine Motorsportwelt an einer Einordnung der Geschehnisse von Montreal.

Ob es nun gerechtfertigt war, den vierfachen Weltmeister Vettel aufgrund des Fahrmanövers mit dieser empfindlichen Zeitstrafe zu belegen, kann unmöglich von irgendeinem Stamm- oder Schreibtisch auf diesem Kontinent beurteilt werden. Zu diesem Thema gibt es momentan eigentlich nur Meinung und überhaupt keine Ahnung. Im Prinzip herrscht Aussage gegen Aussage. Vettel behauptet, den Ferrari nicht genug unter Kontrolle gehabt zu haben, um Hamilton mehr Platz zu lassen. Die Kommissare behaupten, Vettel sei bewusst so hart auf die Strecke zurückgekommen, um Hamilton hinter sich zu halten.

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Sebastian Vettel braucht kein Strahlemann-Image. Macht also nichts, dass er es am Pfingstsonntag in Kanada verloren hat. Er hat gerade eine sportliche Krise, drücken wir ihm die Daumen, dass sie überwindet.
(Bild: Ferrari)

Selbst wenn dem so wäre: Darf ein Grand-Prix-Führender, der die Kontrolle über sein Auto verliert, nicht versuchen trotzdem vorn zu bleiben? Nur, wenn er den Folgenden nicht gefährdet, sagen die Rennkommissare. Der Vorsitzende der Formel-1-Fahrergewerkschaft GPDA, der Österreicher Alexander Wurz, sagt, das hätten Teams und Piloten der Formel 1 jetzt davon. Sinngemäß beklagt Wurz, dass Teamverantwortliche und Fahrer in der Vergangenheit, wegen allem und jedem zu den Stewards gelaufen seien. Sie sollten doch da mal ein Machtwort sprechen. Das habe schließlich zur Überregulierung in den Statuten geführt. Jede Situation sei hundertprozentig reglementiert. Die Entscheidung in Montreal sei deshalb auf jeden Fall richtig. Auch wenn bei Wurz ein wenig unausgesprochenes Bedauern mitzuschwingen scheint, dass man der reglementierten Rechtssicherheit zu viel intelligentes Ermessen geopfert habe.

Auch ich bin „Purist“, so wie es Vettel gerade für sich in Anspruch nahm, um seinen Ärger in Montreal zu erklären oder entschuldigen. Ich zum Beispiel finde, dass ein Vorausfahrender eigentlich sehr viel machen können sollte, um in einer Rennsituation auch vorne zu bleiben. Eine Reglementierung von Richtungsänderungen halte ich für nachgerade widersinnig. Allerdings gibt es sie schon ziemlich lange, wahrscheinlich weil sich irgendwelche beleidigte Hinterherfahrer beschwert haben. Vielleicht hatten die Verantwortlichen auch Angst, dass mit den modernen Kisten ohnehin nur überholt werden könne, wenn der Vordermann mitspielt.