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Was war. Was wird.

Vom Linkshändertag bis zum Mauerbau: Der 13. August hat einiges zu bieten. Bis dahin hat Hal Faber aber auch noch ein paar zusätzliche Themen in petto.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Proletarier aller Länder, entschuldigt euch!" Zum Jubiläum des Mauerbaus ein Beitrag zur chinesischen Mauer, die Microsoft in Seattle zwischen den System- und Anwendungsprogrammierern errichtet hatte, das erschien den Lesern dieser Wochenschau doch zu frivol. Statt passender Mauer-Kommentare erreichen mich nur Meldungen, doch bitte seriös mit einem so ernsten Thema umzugehen. Doch was ist schon seriös? Mit dem Fall der Mauer wird das Einzige verschwinden, was Deutsche in Ost und West eint, befand schon Joseph Beuys. Kräftig wurde er für solche Ketzereien gescholten.

*** Doch was gibt es sonst zu feiern? Vielleicht den zehnten Jahrestag von PGP? Der liegt genau genommen schon ein bisschen zurück, doch nutzte Phil Zimmermann eine Rede zu diesem Jubiläum auf der HAL2001, den Deutschen käsegesichtige Obrigkeitshörigkeit vorzuwerfen. Sie seien die Einzigen gewesen, die immer von ihm wissen wollten, ob das Programm vielleicht einen Recovery Key besäße. Ob daran wohl die Mauer schuld ist? Jubiläen gibt es noch andere: Holden Caulfield wurde zum Beispiel 50, und es war dieser komische Fänger im Roggen, der viele Schüler erschreckt vom Deutschunterricht in die Informatik trieb. Die zumindest in meiner Schulzeit noch unter dem unschuldigen Titel Boolesche Algebra angeboten wurde. Alles besser als Salinger, dachte man zumindest in der Schule. Heute wäre ich mir da nicht mehr so sicher.

*** Greifen wir noch etwas weiter zurück, schlappe 120 Jahre und begeben wir uns nach Paris, wo am 10. August die erste internationale Elektrizitätsausstellung stattfand. Der Saft, ohne den kein Bit herumgeschaufelt werden kann, wurde damals durch eine Revolution in Windeseile verbreitet. Die elektrische Glühbirne des Thomas Alva Edison war so eine praktische Sache, die wollte einfach jeder haben. Wie haben sich die Zeiten doch geändert: Als E-Kerze wird das Teil jetzt zum Jubiläum von Philips bejubelt, passend zum E-Business in der U-Society? Genau, ein neues Buzzword: U steht wahlweise für uninterrupted oder unmittelbar und wird von IBM auf einer Konferenz in der nächsten Woche bejubelt: "It's a brand new world, you need brand new Software", heißt das Motto von IBM. Das ist doch prima: Wo kämen wir nur hin, wenn in einer neuen Welt alte Software eingesetzt werden könnte? Papier kann man recyclen, bei Bits ist das aber gefährlich. Wie gut, dass IBM diese Gefahr mit dem E-Sourcing bannen kann: Dieses fesche Wort führte die Firma gerade für ihre Bemühungen ein, auch Firmen den DataGrid schmackhaft zu machen.

*** Jubiläen hin, Jubiläen her, die wahrlich wichtigen Dinge ereignen sich, ohne dass ihrer jemals gedacht würde. Unter diesem Stigma scheinen unsere PR-Flaks zu leiden – kein Wunder, dass mitunter der Wunsch aufkommt, Pressemeldungen, sei's auf Papier, sei's in der Mail, zu recyclen, ehe sie die Presse erreichen. Da meldete sich die Ochsenhauser Datapol GmbH mit der alarmierenden Schlagzeile "Der Feind im eigenen Bett kann ungestört wildern". Hintergrund der knalligen Schlagzeile war eine Meldung, nach der 60 Prozent aller Datenschäden in einem Unternehmen (lies: im eigenen Bett) von den Mitarbeitern selbst (lies: Wilderern) verursacht werden. Dagegen helfe nur, die Wilderer in die Wildbahn zu entlassen (lies: entlassen), doch nicht, ohne zuvor das revolutionäre WinSecure Professional der Datapol angeschafft zu haben, ein neudeutsch proaktiv genanntes Sicherheitsttool der nächsten Generation. So so. Unternehmen, die die eigenen Mitarbeiter als Wilderer betrachten, haben es wahrscheinlich nicht besser verdient. Was uns zurück zu Phil Zimmermann bringt, der das Gezerre um den richtigen Kopierschutz der amerikanischen Medienbranche drastisch kommentierte: "Wenn die Leute davon ausgehen, dass alle Käufer Diebe sind, dann wird es zwangsläufig passieren, dass alle Leute lernen, sich wie Diebe zu verhalten und nach Versionen Ausschau halten, die nicht von einem zweifelhaften Kopierschutz kontrolliert werden."

*** Alle Mitarbeiter Wilderer? Vor 40 Jahren gab es wie erwähnt schon ähnliche Ansichten, und eine Mauer, die angeblich niemand vorhatte zu bauen, stand plötzlich in der Landschaft herum. Was man bei allergrößtem Wohlwollen noch als Monument der Dummheit ansehen kann, in Wirklichkeit aber als Denkmal der Grausamkeit und Bankrott jenes Sozialismus, der mehr von preussischen Bürokraten als von Menschen angestrebt zu werden schien, bezeichnen muss, prägte bei weitem nicht nur die Landschaft eines bornierten und selbstgerechten Berlin. Die Sendemanuskripte des "Schwarzen Kanal" jedenfalls stehen inzwischen im Internet, der "Kommunistischen Plattform" der PDS möglicherweise zur seligen Anbetung, allen anderen zum erschreckten Angedenken, dass "vorher jedermann seines Unglücks Schmied sein" durfte, danach aber ihm diese Mühe abgenommen war, wie Günter Kunert die Gefühle angesichts des Mauerbaus beschreibt. Man sollte nun aber den direkten Widerpart des "Schwarzen Kanal" ebenfalls online zugänglich machen: Gebt die Manuskripte des "ZDF Magazin" ins Netz! Nur so lässt sich anhand der Situation in den elektronischen Medien dieser Zeit illustrieren, zu welchen Verwerfungen ein Bau wie die Mauer führte. Ob man heutige Kommentare der Magazin-Moderatoren ins Internet stellen sollte, sei dahingestellt: Besserwisserische Anmerkungen des senilen Deutschtümlers Löwenthal, der unbedingt recht gehabt haben will, müssen nicht unbedingt sein, ebenso wenig wie solche eines unverbesserlichen Realsozialisten wie Schnitzler.

*** Doch halt, auch wenn Rosa Luxemburg etwa das Grausen gekommen wäre angesichts eines Walter Ulbricht oder Erich Honecker, oder gar eines Karl-Eduard von Schnitzler, bleibt die Frage, ob das Siegesgetaumel des Kapitalismus auch nach mehr als 10 Jahren nicht das Pfeifen im Walde meint. Denn was ist das eigentlich, wenn Firmen ihre Mitarbeiter entlassen? Ein klarer Fall von "Management by Grausamkeit" befindet Zum Thema, das Fachzine für die E-Welt von heute. Auch hier hat man allerdings vor dem Versenden von PR-Müll das Recyclen vergessen: Das Management der Grausamkeit stammt angeblich vom Theater eines Antonin Artaud ab: "Wo Kreativkräfte den Ton angeben, wird Arbeit zutiefst menschlich, ja, gleicht eher einer Theaterbühne als einem klassischen Firmenumfeld", flötet die PR und blubbert fort vom Management der Grausamkeit, "mithin eine Alltagspraxis, in der Menschen, ganz im Sinne der Hermeneutik, im Teilen eines Lebenszusammenhangs einen gemeinsamen Horizont zu erarbeiten versuchen." Ja, schöner kann man einen neuen Ratgeber doch nicht mehr in hundertprozentig recyclebare Worthülsen verpacken. Und wenn es manche Leser nicht mehr hören können: Bobos in Action müssen sein. Diese Leser aber dürfen sich mit einem im Grabe rotierenden Artaud trösten und sollten sich vielleicht einmal näher mit dessen "Theater der Grausamkeit" beschäftigen. Oder mit Texten von Marx.

Was wird.

Ganz gleich, ob der PC gerade 20 wird, die Mauer vor 40 Jahren gebaut wurde, die Birne anging oder der hundertdreißigste Geburtstag von Karl Liebknecht ansteht, so gibt es auch Ereignisse, die in die Zukunft weisen. Eines der wichtigsten für Leute, die ernsthaft an der Weiterentwicklung des Computers, der damit zusammenhängenden Wissenschaft, der Anwendungen und auch der Theorie interessiert sind, geschah allerdings von der normalen Öffentlichkeit weit gehend unbeobachtet. Donald E. Knuth meldete sich einmal wieder zu Wort und gab doch tatsächlich Hoffnung, dass die gespannte Leserschaft den vierten Band von "The Art of Computer Programming" noch in Händen halten wird. Da dieser wiederum aus drei Teilbänden bestehen soll und nach dem fünften Band Knuth erst die Aktualisierung der Bände 1 bis 3 notwendig erscheint, muss man für den Guru der Künstler des Programmierens und Erfinders von TeX schon ein methusaleisches Alter erflehen, um noch Hoffnung auf Band 6 und 7 hegen zu können.

Das erscheint aber gar nicht so schlimm, wenn man Knuth selbst glauben darf: Diese Teile seien denn doch sehr speziell und beschäftigten sich mit so exotischen Themen wie Compiler-Bau. Stimmt: Was interessiert es all die Leute, die nicht einmal die Prinzipien hinter dem Internet kennen, was für Software zur Erstellung ihrer Software notwendig ist? Ein exotisches Thema also, und doch, hätte Knuth diese Ansicht gehegt, als er begann, wäre "The Art of Computer Programming" möglicherweise ebenso wenig entstanden wie TeX – oder etwa das Drachenbuch, das aber von anderen Leuten stammt. Hoffen wir jedenfalls, dass DEK trotzdem nicht der Altersresignation anheim gefallen ist. Und hoffen wir, dass es trotz gegenteiliger Anzeichen auch unter den Heroen der wahren Computerwissenschaft und unter den Künstlern des elektronischen Zeitalters langlebige Exemplare gibt.

Ob Knuth anders sein wollte oder angesichts der Bobo-Welt nur anders wirkt, sei dahin gestellt. Manch Leser aber wird sich an seine Zeit des Andersseins erinnern, der er oder sie entrinnen wollte und doch nicht konnte, ohne sich selbst zu verbiegen, im wahrsten Sinne des Wortes wohl. Auch daran möchte möglicherweise der Welt-Linkshändertag erinnern, der am 13. August stattfindet – und auch das wird, auch wenn in Deutschland an einem unglücklichen Datum, böte doch ein Welt-Linkshändertag am Jahrestag des Mauerbaus Anlass für unzählige dämliche Kalauer und dumme Witze. Genausowenig aber wie die Zurichtung der ehemaligen DDR-Bewohner für die Eingliederung ins kapitalistisches Westdeutschland erschien früher dem verschüchterten Linkshänder die Zurichtung auf Rechtshändigkeit in der Schule als besonders gelungen. Mag manchem auch ersteres als notwendig erscheinen, so ist letzteres einfach nur grausam. Unabhängig davon sind Zurichtungen aber, egal, für welchen Zweck, immer nur dumm.

Aber auch industrielle Ereignisse in der EDV-Branche wollen manches Mal doch in die Zukunft weisen, latürnich: vom 12. bis 17. August findet in Los Angeles wieder einmal die Siggraph statt. Eine Show, auf der schon tanzende Babys in Windeln bestaunt wurden, wenn sie nur digital und ohne Gleitmittel erzeugt wurden. Passend zur Show der Computer-Futuristen vom Schlage eines Negroponte sei hier einmal daran erinnert, dass unsere Industrie die Verbreitung von immer neueren, immer schnelleren Computern genauso fördert wie die Tabakindustrie Studien über die gesunden Wirkungen des Rauchens. Knuth möge mir verzeihen. (Hal Faber) / (jk)