Hintergrund: Focus und Tomorrow auf der Baustelle Internet

Das "Großreinemachen" in der stark angeschlagenen Internet-Branche führt zwei Portalbetreiber deutscher Medienhäuser zusammen.

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Von
  • Almut Kipp
  • dpa

Das "Großreinemachen" in der stark angeschlagenen Internet-Branche führt zwei Portalbetreiber deutscher Medienhäuser zusammen. Die Focus Digital AG (München) und Tomorrow Internet AG (Hamburg) wollen sich zu einem führenden Internet-Medienkonzern in Deutschland zusammenschließen. Wieder einmal verschwindet eine Startup-Firma vom Börsenzettel, wieder einmal müssen Mitarbeiter um ihren Arbeitsplatz bangen.

Während Focus Digital die Internet-Gesellschaften der Burda-Gruppe mit dem Flaggschiff Focus bündelt, hat Tomorrow die Auftritte der Verlagsgruppe Milchstraße – etwa Amica, Fit for Fun oder Cinema – im Angebot. 2002 soll der Gesamtumsatz einen dreistelligen Millionen-Mark-Betrag ausweisen, zuletzt berichteten die Firmen einzeln von roten Zahlen. Zusammen verwalten sie 18 Online-Portale und kommen den Angaben zufolge auf rund eine Milliarde Seitenabrufe pro Monat.

"Es bietet sich an, unsere ähnlichen Geschäftsmodelle zu bündeln", begründete Tomorrow-Sprecher Kay Oberbeck die angestrebte Firmenehe. Portal-Geschäft, Online-Vermarktung, die Technik und das Inhalte-Management ergäben gemeinsam ein größeres Wachstumspotenzial.

"Die angestrebte Fusion ist für beide Unternehmen positiv, da die Inhalte-Lieferanten bisher als Konkurrenten aufgetreten sind", sagte auch Karsten Siebert vom Frankfurter Analystenhaus Independent Research. Manche Doppelfunktion könne jetzt eingespart werden. Der Aktienmarkt wollte aber keineswegs beide Unternehmen als Profiteure der Fusion sehen: Focus Digital wird offensichtlich als großer Gewinner gesehen und legte um fast neun Prozent zu, während Tomorrow Internet zeitweise mit über sieben Prozent im Minus lag.

Was die Börse freut, wird die Mitarbeiter beunruhigen: "Personaleffekte bleiben nicht aus", räumte Oberbeck ein. Doch noch sei es zu früh, Zahlen zu nennen. Der Mitarbeiterstamm der Hamburger AG war bis zur Jahresmitte schon um rund 40 auf 160 reduziert worden. Im Konzern werden rund 240 Mitarbeiter beschäftigt, bei Focus Digital 119. Auch wenn der Hauptsitz des Unternehmens München wird, sollen auf Grund der nötigen "regionalen Nähe" zu den Portal-Angeboten die Hamburger Redaktionen erhalten bleiben.

Für das Ziel schwarzer Zahlen haben beide Unternehmen 2001 neue Standbeine hinzugefügt. So kam bei Focus Digital die Softwareschmiede HEXMAC hinzu, Tomorrow nahm bei seiner auch im Internet präsenten Immobilien-Dienstleistungstochter die Bausparkasse Schwäbisch-Hall mit ins Boot. Für die Telekom-Tochter T-Mobil liefert Tomorrow seit jüngstem redaktionelle Inhalte für mobile Anwendungen wie SMS. Insbesondere das Geschäft mit mobilen Inhalten für Handy-Standards wie WAP und UMTS soll ausgebaut werden, wie Vorstandschef Christian Hellmann schon vor der Hauptversammlung im Juli herausstellte.

Den Aktionären versprach er auch, im 4. Quartal die Gewinnschwelle zu erreichen. Für dieses Jahr fällt bei Tomorrow noch ein Verlust von bis zu 14 Millionen Mark an. Der Umsatz soll auf mehr als 65 Millionen Mark verdoppelt werden; Focus Digital wies für 2000 rund 28 Millionen Mark Umsatz aus.

Hellmann, der in den Aufsichtsrat wechseln soll, hatte auch versichert, dass die Hauptaktionäre von Tomorrow, Verlagsgründer Dirk Manthey (30,7 Prozent) und der Burda-Verlag mit seinem italienischen Partner Rizzoli (30,7 Prozent), von den Zukunftsaussichten des Unternehmens überzeugt seien. In diese Zukunft wird das neue Schiff von Jörg Bueroße gesteuert, bisher Vorstandschef von Focus Digital. Seine Arbeit soll der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus, Helmut Markwort, als Aufsichtsratsvorsitzender kontrollieren. Auch wenn die Firmenbewertung, die Aktientausch- und Mehrheitsverhältnisse noch ausstehen: Durch die Personalentscheidungen für die Spitze ist das Medienhaus Burda bereits bestens vertreten. (Almut Kipp, dpa) / (jk)