Transsyberia 2008 – Die russische Realität

Wir sind eine Etappe der Rallye Transsibiria mitgefahren und dabei wahrlich nicht ungeschoren davongekommen – doch was in Erinnerung bleibt, sind unsere Eindrücke auf und abseits der Strecke

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  • gh
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Omsk (Russland), 18. Juli 2008 – Das Innere des Porsche Cayenne ist mit schwarzem Klebeband gepflastert. Klebeband, das die Wunden verschließt, die der russische Zoll gerissen hat. Navigationsgeräte und Musikanlagen lassen die Beamten mit Vorliebe mitgehen. Und damit sie überhaupt ihre Arbeit aufnehmen, sind vierstellige Euro-Summen an Schmiergeld fällig. Meine Angst, dass mir am Moskauer Flughafen von überall lauernden Dieben was gestohlen wird, erweist sich hingegen als unbegründet – ganz davon abgesehen, dass mir meine Wertsachen vor einer Woche in Mecklenburg-Vorpommern geklaut wurden. Zumindest am Airport erweist sich der Moskauer als wenig kooperativ. Bestellen wir an einem Ende einer vier Meter langen Bar eine Cola, wird sie uns vom Barkeeper am anderen Ende serviert. Andere Mitarbeiter geben sich ähnlich servicefreundlich, sodass wir froh sind, als unsere Aeroflot-Nord-Maschine Richtung Omsk abhebt. Omsk, komplett ab vom Schuss, mitten in Sibirien.

Das rostige Eisentor scheint sich aus der Zarenzeit herübergerettet zu haben. Gelangweilt quietschend wird es von zwei Polizisten aufgedrückt. Dann laufen wir direkt von der Rollbahn in die Stadt. Erwartet werden wir von einem Taxifahrer, der uns zu seinem weißen Wolga führt. Die Hälfte des Kofferraums ist mit einer monströsen Bass-Box ausgefüllt, deren billiges Scheppern uns die nächsten 30 Minuten begleiten wird. Anschnallgurte im Fond sind serienmäßig nicht vorgesehen und der facettenreich gesprungene Rückspiegel ist so breit wie das ganze Land. Der Fahrer ist genauso wie alle Leute hier: entspannt, freundlich und zuvorkommend. Ein paar tausend Kilometer entfernt von der kaum noch bezahlbaren Business-Stadt Moskau breitet sich hier südländisches Flair aus. Der über 4000 Kilometer lange Irtysch fließt durch die sibirische Metropole. Die aufgeschütteten Sandstrände nutzt der Omsker ausgiebig zum Sonnen und Badengehen. Und viele Menschen sprechen uns in geschliffenem Deutsch an, wollen mehr über die Transsyberia und unsere Autos wissen. Und genau diese Rallye steht für uns als Etappe Omsk – Nowosibirsk auf dem Programm.

Transsyberia 2008 – Die russische Realität (50 Bilder)

Schreck: Der britische Cayenne in Flammen - die Reste des Wagens zeigen wir am Ende der Galerie.

Abends um 23:00 Uhr ist Team-Briefing. Der Cayenne des englischen Teams ist komplett ausgebrannt, keiner weiß warum. Fahrer Martin Rowe und Beifahrer Richard Tuthill können sich und ihr Gepäck retten. Tuthill bemerkt im letzten Moment, dass seine geliebte Digitalkamera mit vielen privaten Erinnerungsbildern auf dem Beifahrersitz liegt. Rowe kann ihn nur mit Mühe davon abhalten, nochmal in die jetzt hoch lodernden Flammen zu rennen. Es dauert Stunden, bis das 130.000 Euro-Auto ausgebrannt ist, zurück bleibt ein Haufen verzundertes Blech. Zwischendurch kommt ein Russe mit seinem UAZ-Geländewagen vorbei und fragt belustigt: „Do you need fire?“ Beim Briefing quittiert Event-Veranstalter Richard Schalber den Schaden mit den Worten: „Der Wagen mit der Nummer neun ist heute abgebrannt. Das war's, ich hoffe wir sehen uns das nächste Mal wieder.“ Selbst die in britischem Humor und Selbstironie geübten Engländer gucken jetzt ziemlich fertig aus der Wäsche und müssen mit einem Gefühl der Hilflosigkeit die Besprechung für die nächste Etappe über sich ergehen lassen.