Post aus Japan: Fukushima und Olympia
Nippons Desaster-Trinität aus Mega-Beben, Tsunami und Atomkatastrophe jährt sich zum 9. Mal. Wie weit ist der Wiederaufbau gediehen?
- Martin Kölling
Der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe hatte sich das so schön ausgemalt. In seiner Bewerbungsrede für die Spiele versprach er der olympischen Bewegung, dass die Lage im havarierten Atomkraftwerk Fukushima 1 "unter Kontrolle" sei. Bei der Olympiade wollte er nun den Beweis antreten. Auch wenn immer mehr Beobachter auf eine Absage des globalen Sportfests wegen der Coronavirus-Krise wetten, planen die Gastgeber immer noch, den olympischen Fackellauf hochsymbolisch am 26. März in Fukushima zu starten, genauer im "J-Village".
Normalität am Ground Zero
Das Trainingszentrum des japanischen Fußballbundes wurde nach dem Dreifachdesaster vom 11. März 2011 aus Mega-Erdbeben, Super-Tsunami und der Atomkatastrophe zum Ausgangspunkt der Rettungsaktion. Hier, 40 Kilometer südlich der strahlenden Atomruinen quasi direkt auf der Grenze der Evakuierungszone, wohnten tausende Arbeiter und zogen jeden Tag in langen Buskonvois in Schutzkleidung zu den Aufräumarbeiten aus. Jetzt versucht Regierungschef Abe die Spiele als "Wiederaufbau-Olympiade" zu verkaufen, um die Fortschritte in Fukushima ins globale Rampenlicht zu stellen.
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Tatsächlich sehen die Arbeiter am Atomkraftwerk mit seinen vier zerstörten Reaktorgebäuden und drei Kernschmelzen heute fast schon normal aus. Schon seit Jahren können sie in eigenen Autos vorfahren und sich seit einiger Zeit in den meisten Teilen des nahezu vollständig mit Beton eingedeckten Geländes ohne Schutzanzüge bewegen. Dass die Lage vollständig "unter Kontrolle" sei, wollen die Fachleute allerdings so nicht sagen.
Akira Ono, der beim Betreiber des AKWs Tepco die Dekommissionierung der Atomruinen leitet, spricht lieber von "stetigen Fortschritten". In den zerstörten Reaktoren ist seiner Meinung nach die Wärme der Kernbrennstäbe bereits so weit gefallen, dass selbst bei einer erneuten Unterbrechung der Kühlung genügend Zeit für Gegenmaßnahmen bleibt. Zudem will der Stromversorger 2021 beginnen, geschmolzene Kernbrennstäbe mit Robotern zu bergen.
Die Verseuchung geht weiter
Aber noch immer verseucht das AKW die Umwelt. 170 Tonnen verstrahltes Kühl- und Grundwasser fallen pro Tag an. Bisher wird das strahlende Wasser abgepumpt und in Anlagen von radioaktiven Nucleiden gereinigt. Nur lässt sich das toxische Tritium nicht herausfiltern. Daher lagern inzwischen mehr als 1,18 Millionen Tonnen tritiumhaltiges Wasser in 965 Tanks auf dem Gelände. Das Problem: Bald wird der Lagerraum knapp. Und so muss die Regierung bald entscheiden, ob das Wasser erneut gereinigt und stark verdünnt in den Ozean gepumpt oder verdampft werden soll.
Auch das Leben in der Gegend um das Atomkraftwerk ist noch lange nicht wieder normal. Masao Uchibori, der Gouverneur der Präfektur Fukushima, spricht daher von "Licht und Schatten". Ein lichter Moment ist für ihn, dass die Evakuierungszone inzwischen durch Dekontaminierung von 12,5 auf 2,5 Prozent des Gebiets Fukushimas geschrumpft ist. Außerdem sei das Strahlenniveau der meisten Ortschaften außerhalb der ursprünglich evakuierten Region nicht mehr höher als in anderen Gegenden der Welt, sagt der Politiker Auch die Lebensmittel aus der Region übertrafen seit Jahren die Grenzwerte nicht mehr.
Aber er sieht auch Schatten. Noch immer sind 40.000 der ursprünglich 165.000 Evakuierten nicht zurückgekehrt. Viele der zur Besiedlung frei gegebenen Ortschaften haben zudem nur einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Bevölkerung. Naraha, Heimat des J-Villages, weist etwa 50 Prozent der ursprünglichen Einwohnerzahl auf, in den Ortschaften Namie und Tomioka sind es nur 8,2 beziehungsweise 12,9 Prozent.
Hohes Strahlenniveau
Außerdem wird auch die Lebensqualität der Rückkehrer von radioaktiver Strahlung eingeschränkt. Die Grundstücke, Straßen und viele Felder versuchte die Regierung zwar zu dekontaminieren. Aber noch immer ist das Strahlenniveau oft höher als in nicht verstrahlten Gebieten, was zumindest psychologisch belastet. Außerdem konnten die Wälder nicht entseucht werden.
Noch immer sind daher Waldspaziergänge oder der Fischfang in den klaren Flüssen tabu. Und auch in der Umgebung lauern strahlende Hotspots. Eine Bürgergruppe hat auch entlang der Route des olympischen Fackellaufs einige gemessen. Greenpeace meint zudem, dass zwei starke Taifune im vorigen Jahr Radioaktivität aus den Bergen in die Niederungen gespült hat. Es sei an einigen Stellen zu einer "Rekontaminierung" gekommen. In den Augen der Umweltschutzorganisation widersprechen die Messergebnisse der Behauptung der Regierung, dass das Entseuchungsprogramm erfolgreich gewesen sei.
Derartige Berichte kommen Gouverneur Uchibori gar nicht gelegen. Er kämpft dafür, dass Fukushimas Name wegen anderen Qualitäten wieder strahlt. "Wir wollen die schädlichen Gerüchte bekämpfen", sagt er. Die Zahl der Klassenfahrten aus anderen Landesteilen liegt noch immer um 28 Prozent unter dem Niveau vor der Krise. Außerdem können die Bauern ihre einst gerühmte Ware nur zu niedrigen Preisen verkaufen.
Seine Regierung versucht daher, Bauern zur Beantragung des GlobalGAP-Zertifikats zu ermutigen. Dabei handelt es sich um ein Qualitätssicherungs- und Zertifizierungssystem für landwirtschaftliche Produkte, das von der Foodplus GmbH in Köln geleitet wird. "Wir wollen die Nummer 1 in GlobalGAP-Zertifizierungen werden", sagt Uchibori. Die olympischen Spiele hat er sich dabei als Werbeveranstaltung gedacht. "Wir wollen zertifizierte Produkte bei den Spielen anbieten und das Lächeln auf den Gesichtern der Athleten und Offiziellen sehen, wenn sie Produkte aus Fukushima konsumieren."
(bsc)