Story: Higgsbi. Ein neues Zeitalter. Kapitel 3
Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft, der dritte von fünf Teilen in täglicher Folge.
Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft. Es ist noch nicht lange her, dass in praktisch jeder Tageszeitung ein Fortsetzungsroman die Leser in andere Bereiche jenseits des in der Zeitung beschriebenen Alltags entführte. Etwas Ähnliches bringen wir auf heise online: eine Story jenseits des alltäglichen News- und Technik-Geschehens, in fünf Teilen, an fünf Tagen.
Kapitel 3: Die Vorbereitung
Bei der Reise zu den Sternen ist der Blick stets zur Seite gerichtet. Denn nach hinten wird der Weltraum schwarz und nach vorne so hell, dass kein Auge und keine Kamera der Welt mehr ein Bild erfassen kann.
3.1 Mission
"Woher wussten sie, dass wir kommen?", fragte Lisa in einem fast vorwurfsvollen Ton noch bevor sie im Büro von Markus Landknecht Platz genommen hatten. Etwas verunsichert von dem scharfen Ton überlegte Herr Landknecht erst kurz bevor er sagte: "Wir sind nicht in den USA. Wenn in Europa eine Horde Wild Gewordener mit Automatik Gewehren herumballert, ist das schon noch eine Meldung in den Nachrichten wert. Gleich nachdem wir davon in den Nachrichten hörten, riefen wir bei CernMatter an und wollten uns erkundigen, ob alles in Ordnung war. Die Leitungen waren allerdings tot und auch die Mobiltelefone schienen alle gestört zu werden. Schließlich erreichte uns ein Anruf von unserer Zentrale in Paris, dass der Higgsbi-Kern", er zuckte zusammen und schaute seine Gäste unsicher an. "Sie wissen Bescheid was in dem Paket drin ist", forderte ihn Pinja auf, seine Erklärung fortzufahren. "Paris ließ uns also wissen, dass der Higgsbi-Kern bei dem Versuch, ihn in Sicherheit zu bringen, von den Angreifern abgefangen wurde. Die Missionsteilnehmer sollten aber erst informiert werden, wenn die Lage klarer ist."
"Das erklärt noch nicht, wieso sie auf uns gewartet haben", beharrte Lisa unbeeindruckt auf eine Erklärung. Wer wusste schon, wie weit die Arme dieser Angreifer reichten? Vielleicht war er einer von ihnen? Sie wusste zwar nicht, wie sie dann hier wieder aus dem Haus kommen sollte, aber noch hatte sie das Paket und wollte das in jedem Fall nutzen, um so viel wie möglich aus diesem Landknecht herauszubekommen. "Mathis hat vermutet, dass ihr hierherkommt", sagte eine Stimme hinter Lisa. Alle drehten sich um und Pinja lief sofort zu dem Mann, der hinter ihnen im Rollstuhl zur Türe hereinkam: "Mathew! Wie geht es Mathis? Wie geht es ihm?" Sie fiel Mathew Wildsmith, dem CEO von CernMatter, um den Hals und ließ ihn dann sprechen: "Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Er hat einen Lungenriss, wird aber wieder ganz gesund. Das dauert nur noch etwas. Am liebsten wäre er selbst hierhergekommen. Man musste ihn beinahe fest binden, damit er es nicht tut." Pinja lächelte und war sichtlich erleichtert. Ihre größte Sorge all die Tage war endlich beruhigt. Mathis ging es gut. Naja, nicht gut, aber er würde wieder gesund werden. Sie strahlte förmlich über diese gute Nachricht.
Lisa und Frank sahen Mathew an wie einen Außerirdischen. Natürlich hatten sie schon Menschen in Rollstühlen gesehen und auch schon einen selbstfahrenden. Aber sie hatten sich nicht vorstellen können, dass einer der reichsten Menschen der Welt im Rollstuhl war. Als Pinja von ihm erzählt hatte, hatten sie sich einen jungen, dynamischen, eben gesunden Mann vorgestellt. Aber auch reiche Menschen können krank werden und Mathew Wildsmith litt an einer progressiven Muskeldystrophie, einem Muskelschwund, der seine Muskeln schon so stark geschwächt hatte, dass er bevorzugt im Rollstuhl unterwegs war, auch wenn er noch ein paar Schritte ohne ihn laufen konnte.
"Nehmen wir doch Platz", bat Herr Landknecht die Türe zuziehend seine Gäste an seinen Besprechungstisch. "Bitte bedienen Sie sich an den Getränken." Lisa hätte sich eine eiskalte Milch gewünscht, nahm aber mit einem Wasser vorlieb. Frank öffnete eine Apfelschorle und Pinja wollte erst einmal nichts trinken. "Es gibt viel zu besprechen und wie viel Zeit wir dafür haben wissen wir nicht." Etwas unsicher meldete sich Frank zu Wort: "Ich müsste jetzt dann irgendwann mal meinen Chef anrufen und erklären, warum ich nicht zur Arbeit gekommen bin." Mathew Wildsmith sah ihn ungerührt an und erwiderte in nüchternem Ton: "Ihr Chef hat bereits gestern eine Krankmeldung erhalten, die sie die ganze Woche entschuldigt. Und ihre beiden Termine diese Woche..." , er sah Lisa an, "...haben wir uns ebenfalls erlaubt abzusagen." Frank war beruhigt, doch Lisa konnte es einmal mehr nicht leiden, dass diese Leute von CernMatter sich in ihre Angelegenheiten einmischten. Gerade wollte sie sich lautstark beschweren, als Pinja ihr ins Wort fuhr: "Sie wissen noch nichts von der Mission." Frank und Lisa sahen die sich errötende Pinja verwundert an. Sie hatte ihnen doch von Higgsbi erzählt, vom Demass auf dem Raumschiff Levinger und der Möglichkeit, mit Levinger sehr sehr schnell durch den Weltraum fliegen zu können. Was also wussten sie noch nicht? "Es hat sich noch keine Gelegenheit ergeben, die Mission zu erklären."
"Fangen wir also mit der Mission an", übernahm Mathew Wildsmith die Kontrolle über das Treffen, wie er es gewohnt war und obwohl er hier bei der ESA eigentlich der Gast war. "Haben wir eine Mission? Wie viel Higgsbi haben wir im Kern?" Er sah zu Lisa: "Entschuldigung, Frau Aquitaine, wie unhöflich von mir. Möchten sie ihr Paket nicht lieber ablegen?" Lisa verneinte vehement. Sie wollte jetzt endlich alles wissen und hatte das Gefühl, es im Besitz des Paketes schneller zu erfahren. "Bei der letzten Messung kurz vor dem Angriff hatten wir genau 1,920 tausendstel Gramm Higgsbi-Materie, also 95% der bestellten Menge", antwortete Pinja. "Reicht uns das?", fragte er Herrn Landknecht. "Nun, wir müssen 5% der Masse von Levinger einsparen. Das wird nicht einfach. Aus dem Stegreif würde ich sagen, geht es nicht ohne eine Einschränkung der Nutzlast." "Das verstehe ich nicht", meldete sich Frank zu Wort. "Sie haben doch einen Demass. Was spielt es da für eine Rolle, welche Anfangsmasse das Raumschiff hat, wenn man die ganze Masse damit einfach weg bekommen kann, außer vielleicht, dass es etwas länger dauert?" "Man kann nicht die ganze Masse demassen", antwortete ihm Pinja geduldig, denn sie hatte es eigentlich schon einmal erklärt. "Zum einen geht das theoretisch nicht, weil auch Masse letztendlich gequantelt ist,..." Sie wurde von einem resignierend lauten Ausatmen von Frank unterbrochen. "...egal, zum Zweiten würde eine völlige Demassifizierung bedeuten, dass das Raumschiff und alle seine Insassen dann gezwungen wären, mit Lichtgeschwindigkeit zu fliegen, was wir sicher nicht wollen, aber vor allem kann der Demass ganz praktisch durch seine Bauart und Leistung eine gewisse Grenze an Gewichtsreduzierung nicht unterschreiten. Und die maximale Größe dieses Restgewichts ist durch die Dichte im Weltraum und die Größe der Ansaugöffnung von Levinger festgelegt. Wir müssen ja mithilfe der wenigen Teilchen im Fast-Vakuum des Weltraums beschleunigen und bremsen. Außerdem legt die Menge an Higgsbi-Materie auch die maximale Geschwindigkeit fest, die wir fliegen können. Da die relativistische Energie quadratisch mit der Geschwindigkeit wächst, ist irgendwann eine Grenzgeschwindigkeit erreicht, ab der der Demass die zusätzliche relativistische Masse nicht mehr kompensieren kann. Die erreichen wir aber erst kurz nach dem Zeitpunkt, bevor wir eh wieder abbremsen müssen."
"Durch den Angriff und vor allem der vermutlichen Größe unseres Gegners ist eine neue Situation entstanden", nahm Herr Wildsmith wieder das Wort. "Wir müssen die Mission so schnell wie möglich starten. Wie schnell können wir starten?", fragte er Herrn Landknecht. "Vonseiten der ESA-Zentrale weiß ich, dass sowohl Levinger als auch die Ariane 6 in Kourou sehr schnell startklar gemacht werden könnten. Durch die Verzögerung der Higgsbi Produktion im März und Mai liegen wir mit den Arbeiten im All ausnahmsweise mal vor dem aktualisierten Zeitplan." "Was heißt sehr schnell?" "In, sagen wir, zwei Wochen. Das Problem ist, dass wir mit dem Training der Teilnehmer noch deutlich länger benötigen, insbesondere...", er sah in die Runde, "...da einige geplante Teilnehmer noch gar nicht mit dem Training begonnen haben. Der Start war ja eigentlich erst in drei Monaten geplant", gab Herr Landknecht zu bedenken. Mathew Wildsmith nickte: "Der Starttermin ist natürlich Sache der ESA, aber ich denke es ist niemandem geholfen, wenn wir unseren Gegnern mehr Zeit als irgend nötig geben, um einen erneuten Angriff vorzubereiten. Der Angriff kam nach allem, was wir heute wissen, von einem Flugzeugträger im Mittelmeer. Ich wäre beim Start der Ariane 6 sehr viel beruhigter, wenn ich diesen Flugzeugträger noch weit weg von Kourou wüsste."
Pinja lief eine Träne über das Gesicht: "Aber wird Mathis in zwei Wochen schon wieder gesund genug sein, um mitzufliegen?" "Sicher nicht", antwortete Mathew etwas kühler als beabsichtigt, "Aber er wird auch in drei Monaten noch nicht wieder fit genug sein für die geplante Mission. Das weiß er. Er hat bereits eine Ersatzperson benannt, die für ihn mitfliegen soll." "Eine Person weniger würde uns sehr helfen, die 5% Masse einzusparen", meldete sich Markus Landknecht zu Wort. "Für die Produktion des Higgsbi-Kerns waren drei Tickets vereinbart", bestand Mathew Wildsmith auf den Vertrag. "Auch die zu liefernde Menge stand in dem Vertrag", gab Herr Landknecht kämpferisch zurück. "Lassen sie mich ausreden", deeskalierte Wildsmith. "Es waren drei Tickets vertraglich vereinbart und ich als der Geldgeber habe entschieden, dass neben mir Mathis Dupont und Pinja Rieki ein Ticket erhalten."
Frank blieb die Luft weg und er starrte Pinja ungläubig an. Lisa jedoch zeigte sich wenig überrascht und meinte dann: "Du bist die Wissenschaftlerin, die Higgsbi vorhergesagt hat." Pinja nickte verlegen. Sie hatte Higgsbi vorhergesagt und war damit auf allen Konferenzen gescheitert. Sie hatte sich an Mathew Wildsmith gewandt und den Nachweis von Higgsbi am LHC wissenschaftlich begleitet. Ihre Anstellung als Beraterin des Sicherheitsteams war reine Tarnung. Sie hatte auf den Nobelpreis verzichtet für die Aussicht, in die Zukunft zu fliegen. "Mathis hat entschieden, auf sein Ticket zu verzichten", fuhr Mathew Wildsmith fort. Pinja ließ sofort den Kopf hängen. Mathis war ihr wie ein Vater. Diese Entscheidung würde nicht nur bedeuten, dass sie ohne ihn auf die Reise gehen musste. Sie bedeutete auch, dass er nicht mehr lebte, wenn sie zurückkam. "Unter einer Bedingung", wurde Wildsmith etwas lauter. "Das Missionsziel bleibt das geplante, wofür er die letzten fünf Jahre seines Lebens geopfert hat. Das heißt auch, dass die beiden Missionsspezialisten, deren Rolle ja teilweise umstritten war, auf jeden Fall dabei sein müssen."
"Das kann ich nicht entscheiden", wich Landknecht dieser Forderung aus und hielt dabei die Hände entschuldigend in die Höhe. "Wir müssen gleich mit Paris reden und dabei auch klären, wie wir den Higgsbi-Kern sicher verwahren. Es war nie vorgesehen, dass er hierherkommt. Vermutlich ist es das Beste, wenn er direkt nach Kourou geflogen wird. Solange können wir ihn hier in meinem Büro lagern. Hier ist er so sicher oder besser gesagt unsicher wie im ganzen Komplex hier." "Der Higgsbi-Kern wird erst übergeben, wenn wir uns einig sind", bestand Mathew Wildsmith auf das Prozedere. "Dann lassen sie uns jetzt Paris anrufen. Vorher sollten wir aber unseren Gästen die Möglichkeit geben, sich auszuruhen", schlug Landknecht vor. "Ich bin nicht müde!", war die unmittelbare Reaktion von Lisa. "Gut, dann lassen sie es mich etwas deutlicher sagen: ich möchte die Besprechung gerne ohne sie und Herrn Baumgartner halten." Jetzt war Lisa doch etwas stutzig über die Deutlichkeit der Ansprache. "Pinja, würdest du die beiden in den Ruheraum begleiten?", fragte Mathew schlichtend und Pinja nickte. "Wenn ich dort mit Mathis reden kann." "Reden nicht, aber chatten. Meine Sekretärin wird sie begleiten", sagte Markus Landknecht und stand auf. "Ich denke, wir werden euch in einer Stunde wieder dazu rufen. Passt mir so lange schön auf das Baby auf!", rief ihnen Mathew durch die Türe noch nach.
"Bevor du mit Mathis chattest, will ich erst wissen, von welcher Mission die Rede war. Was gibt es außer Levinger noch? Was müssen die jetzt ohne uns reden?", bohrte Lisa noch auf dem Weg in den Ruheraum nach. "Genau das will ich zuerst mit Mathis besprechen. Eigentlich sollte er euch die Mission erklären. Später. Aber da es später jetzt wohl nicht gehen wird wie es aussieht, und er es nicht kann, wie es aussieht, werde ich das wohl übernehmen." Nach Lisa verstand jetzt auch Frank, dass da etwas im Gange war, das schon vor ihrer Bewerbung geplant war. Die Bewerbung war anscheinend wie so manches, das sie inzwischen erfahren hatten, nur ein Ablenkungsmanöver. Man hatte sie geangelt wie zwei ahnungslose Fische. Doch mit dem Angriff auf CernMatter wurden die Angler selbst zu Gejagten.