Story: Higgsbi. Ein neues Zeitalter. Kapitel 4

Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft, der vierte von fünf Teilen in täglicher Folge.

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Story: Higgsbi. Ein neues Zeitalter. Kapitel 2
Lesezeit: 107 Min.
Von
  • Klaus Dorer
Inhaltsverzeichnis
Higgsbi

Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft. Es ist noch nicht lange her, dass in praktisch jeder Tageszeitung ein Fortsetzungsroman die Leser in andere Bereiche jenseits des in der Zeitung beschriebenen Alltags entführte. Etwas Ähnliches bringen wir auf heise online: eine Story jenseits des alltäglichen News- und Technik-Geschehens, in fünf Teilen, an fünf Tagen.

Seit Einstein wissen wir, dass die Zeit bei Zweien, die sich zum zweiten Mal begegnen, fĂĽr diejenige am schnellsten vorangeschritten ist, die den kĂĽrzesten Weg durch die Raumzeit zwischen den beiden Orten ihrer Begegnung genommen hat.

Ein Roman von Klaus Dorer
Ein Roman von Klaus Dorer

Klaus Dorer ist Professor fĂĽr Informatik an der Hochschule Offenburg. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt im Schwarzwald. Das Buch entstand zwischen 2013 und 2019 in den Sommerurlauben in Italien.

Alle hatten sich für den Start von Levinger zur Sicherheit auf ihren eher unbequemen Sitzen angeschnallt, obwohl es klar war, dass die Kräfte auf sie minimal sein würden. Durch die Mitte des kompletten Raumschiffs zog sich ein circa ein Meter dickes Rohr, in dem der Linearbeschleuniger sowie der Demass untergebracht waren. Um das Rohr herum waren im vorderen Bereich die vier Plätze der Crew angeordnet. Wobei der Begriff vorne eher daher kam, dass dort eben die Piloten saßen. In Bezug auf die Flugrichtung war das Cockpit ganz hinten im Raumschiff. Von der Flugrichtung bekam man aber nicht wirklich etwas mit in Levinger.

Albert saß am zentralen Steuerpult und überwachte die Daten des Schiffs, das sich im Normalfall komplett selbstständig steuerte. Neben ihm saß Giulia, die sich hauptsächlich auf die Daten der Startracker, also der Geräte zur Bestimmung von Richtung und Geschwindigkeit konzentrierte. Alva überwachte alle Parameter des Demass sowie teilweise auch den Reaktor, der für den Start von Levinger maximale Leistung liefern musste, da jetzt der Linearbeschleuniger erstmals im Dauerbetrieb war. Diesen behielt Nathan im Auge. Anfangs wurden nur wenige Teilchenpakete pro Sekunde durch den Beschleuniger geschossen, bis er auf eine maximale Austrittsgeschwindigkeit der Teilchen optimiert war. Dann wurde schrittweise die Zahl der Teilchenpakete und damit die Beschleunigung erhöht.

Während dieser ersten Phase des Starts bestand zudem auch Funkverbindung zur Erde und zur Annabell. Die Beschleunigung war zunächst nicht viel größer als mit herkömmlichen Ionenantrieben, da Levinger ja noch so schwer wie eben ein Raumschiff seiner Größe war. Allerdings wurde es schnell leichter, da ja die Promass-Materie, also die Teilchen, die die Masse von Levinger aufgenommen hatten, durch den Beschleuniger nach hinten geschossen wurden. Sobald die letzten dieser Teilchen ausgestoßen würden, würde der Funkkontakt abbrechen und die Zeitreise endgültig beginnen.

heise online: Welten / Die c't Stories
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heise online und c't werfen mit zwei Science-Fiction-Buchreihen nicht nur einen Blick in die Zukunft. Mit den Reihen "heise online: Welten" und den "c't Stories" wollen wir auch den Blick dafür schärfen, wie Digitalisierung die Welt verändert. Die Bücher sind im d.Punkt-Verlag erhältlich.

Beim Start waren zur Sicherheit noch alle vier Besatzungsmitglieder an ihren Kontrollbildschirmen. Später konnte ein Crewmitglied alle Systeme überwachen und nur bei Abweichungen von der Norm den zuständigen Piloten hinzuziehen.

Hinter dem Kommandobereich lagen außen angeordnet die für ein Raumschiff eher großzügig bemessenen Schlafkabinen der Crew, die wie die Kabinen der Passagiere einen gepolsterten Schlafbereich und Platz boten, um sich um alle Achsen ein wenig bewegen zu können. Dann kam ein Ring aus vier Andockstellen. An zwei gegenüberliegenden waren die beiden Lander angedockt. An der dritten war eine Druckschleuse mit Raumanzügen, durch die man zur Not Reparaturarbeiten außen am Raumschiff erledigen konnte. An sie war vor dem Start das ATV angedockt. Die andere Andockstelle war frei, seit die Annabell abgedockt hatte.

Dahinter waren die sechs Sitze der Passagiere außen im Kreis angeordnet. So konnten sich zumindest die benachbart sitzenden Passagiere sehen. Der Blick zum Gegenüber war durch das Beschleunigerrohr verbaut, bzw. durch die um das Rohr angeordneten Displays, auf denen der Blick zurück zur Erde sowie die aktuelle Geschwindigkeit und Entfernung zur Erde angezeigt wurden. Die spannendste Anzeige war aber die aktuelle Zeit auf der Erde, die im Moment noch nicht von der Zeit im Raumschiff abwich, dies aber insbesondere durch die Beschleunigung und das Bremsen dann tun sollte. Natürlich war diese Anzeige rein rechnerisch. Ob sie tatsächlich in der Zukunft auf die Erde zurückkehrten, musste sich erst zeigen, wenn sie zurück waren.

Levinger war groß genug, dass man zwischen Rohr und Sitzen noch bequem hindurchpasste und in den hinteren Teil des Schiffes gelangen konnte. Dort waren in zwei Ringen jeweils vier Kabinen der Passagiere angeordnet. Mathis' Kabine war schon frühzeitig für Proviant beschlagnahmt worden, und auch Franks Kabine war nicht lange leer geblieben. Nachdem seine Entscheidung bekannt war, wurde die Kabine kurzerhand als weitere Lagermöglichkeit genutzt, um so das ansonsten sehr kompakte Verstauen in allen Ecken und Ritzen zu vereinfachen. Im hintersten Teil der Druckkabine waren die beiden Toiletten, der Waschraum sowie ein kleiner Fitnessbereich untergebracht. Es war wichtig, die Muskeln während der Reise zu trainieren, damit sie sich nicht zurückbildeten. Vom Fitnessraum gelangte man durch ein Schott in den Maschinenraum, d.h. zum Reaktor und dem Higgsbi-Kern, die ebenfalls im Druckbereich von Levinger waren, sodass man die Kontroll- und Wartungsarbeiten ohne Druckanzug erledigen konnte.

Im Grunde war es nach der anfänglichen Aufregung über den Start die ersten paar Stunden dann ziemlich langweilig. Die Erde wurde nur unmerklich kleiner, die Anzeigen veränderten sich zögerlich und von der Beschleunigung zu spüren war gleich gar nichts. Robert schlief sogar. Lisa bemerkte zuerst, dass der Funkverkehr zwischen Erde und Levinger hektischer wurde. Dann rief Alva nach hinten zu den Passagieren: "Achtung, noch eine Minute bis Promass-Zero. Wir wissen nicht genau, wie stark uns die Beschleunigung in die Sitze drücken wird. Sie wird aber auf jeden Fall zu spüren sein. Haltet euch fest und aufrecht in den Sitzen." Violet gab Robert einen Stoß und wiederholte die Ansage von Alva. "Promass-Zero in fünf, vier, drei, zwei, eins..."

Es war gewaltig. Zu spüren war nur ein kurzer, kräftiger Stoß. Aber auf den Bildschirmen verschwand die Erde als hätte sie jemand ausgeknipst. Sofort erschien ein schwarzer Kreis in der Mitte des Bildes und wurde rasch größer. Die Geschwindigkeitsanzeige zeigte jetzt nicht mehr km/h, sondern Prozent der Lichtgeschwindigkeit an. In kürzester Zeit waren die 99 Prozent erreicht, in wenigen Stunden würde 99,99 überschritten sein und weitere Neunen hinter dem Komma dazu kommen. "Strahlung im Inneren des Schiffs normal", hörte man Alva sagen. "Geschwindigkeit und Richtung im grünen Bereich", ergänzte Giulia. "Demass und Linearbeschleuniger bereit zur Umstellung auf Durchflussbetrieb", berichtete Nathan. "Umstellen auf Durchflussbetrieb", ordnete Albert an und ergänzte: "Ich weiß, ihr seid alle extrem abgebrüht. Aber einen kleinen Applaus sollte dieser Bilderbuchstart doch wert sein." Allen, auch Robert, lockte dieser Satz ein Lächeln ins Gesicht und Bailong war der Erste, der in die Hände klatschte.