Story: Higgsbi. Ein neues Zeitalter. Kapitel 5
Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft, der letzte von fünf Teilen in täglicher Folge.
Zwischen Teilchenphysik, Weltraumreise und Kriminalfall - eine Geschichte aus der Zukunft. Es ist noch nicht lange her, dass in praktisch jeder Tageszeitung ein Fortsetzungsroman die Leser in andere Bereiche jenseits des in der Zeitung beschriebenen Alltags entführte. Etwas Ähnliches bringen wir auf heise online: eine Story jenseits des alltäglichen News- und Technik-Geschehens, in fünf Teilen, an fünf Tagen.
Kapitel 5: Die Herrscherin
Wenn es uns klar ist, dass wir bei einer Reise in die Zukunft Wesen der Zukunft begegnen, dann sollte uns auch klar sein, dass wir in der Zukunft auch Wesen der Vergangenheit begegnen können.
5.1 Haft
"Wie geht es dir Giulia?", wollte Robert wissen, nachdem die Heuschrecken sich aus dem Gefängnis zurückgezogen hatten, in das sie sie gesteckt hatten. Seine Zelle lag neben der von Giulia, die sie nach der Anwendung des Elektroschockers mit einem scheinbar leichten Hieb k.o. geschlagen hatten. "Geht schon wieder", war ihre knappe, gepresst klingende Antwort.
"Habt ihr gesehen, wie sie kommunizieren?" kam es von gegenüber aus Alvas Zelle. "Sie verändern die Haut wie einen Bildschirm. Es sind hoch entwickelte Wesen! Ihre Gefängnisse machen aber nicht gerade einen hoch entwickelten Eindruck", spottete Robert. "Erdboden, Holzstangen und ein Gestank, als wenn unsere Vorgängerinsassen noch immer hier verrotten." "Und doch sind es die ersten Lebewesen außerhalb der Erde, die wir kennen. Mein Traum wurde wahr, noch zu Lebzeiten zu erfahren, ob es außer auf der Erde noch intelligentes Leben gibt", schwärmte Pinja. "Kam in deinem Traum auch vor, dass dieses ’intelligente’ Leben uns in ein stinkendes Drecksloch sperrt?", gab sich Robert bissig.
"Wo sind die anderen vier?", erkundigte sich Giulia besorgt. "Albert, Mathew und Bailong haben sie nicht hierher gebracht. Zumindest wurden sie in einer Gruppe weiter vorne an dieser Behausung vorbeigeführt", antwortete Alva und ergänzte, "Lisa habe ich nicht gesehen. Es ging alles so schnell." "Ich glaube, sie haben sie nicht gekriegt. Sie war hinter einem Busch, als wir überfallen wurden und konnte sich dort verstecken. Ganz sicher bin ich aber nicht."
"Auf dieser Reise läuft aber auch alles schief", fluchte Giulia. "Alleine wird sie es kaum schaffen, hier zu überleben. Sie war schon sehr schwach, als wir hier ankamen. Wie wir alle. Wenn die uns hier etwas zu essen geben, geht es uns besser als ihr." Robert lachte spöttisch: "Und wenn nicht?" "Dann gehen wir heute Nacht selbst Essen suchen", verwunderte Giulia die anderen. "Diese primitiven Holzgitter sollten uns ja nicht wirklich von einer Flucht abhalten, oder? Und wenn wir etwas zu essen bekommen, dann suchen wir heute Nacht nicht nach Essen, sondern nach den anderen drei und Lisa. Wie weit haben uns diese Heuschrecken getragen?" "Sehr weit. Mindestens 15 km, wenn nicht weiter", war die besorgte Antwort von Alva.
Einige Zeit später verriet ein fahles Leuchten vom Ende des dunklen Ganges, dass mindestens eine der Heuschrecken zurückkam. Tatsächlich waren es vier. Zwei führten oder besser zerrten offensichtlich eine Dritte in ihrer Mitte in Richtung der Zellen, während eine Vierte hinterherging. Anstatt sie wie von Giulia erwartet in eine der noch leeren Zellen zu stecken, blieben sie vor Giulias Zelle stehen und der Vierte, es schien eine Art Anführer zu sein, wandte sich an Giulia mit seinem Visual.
Zunächst verstand Giulia die Bilder nicht. Als dann der Anführer Bilder von Albert zeigte und wie ihm die Heuschrecken einen Finger herausrissen, konnte sie nur hoffen, dass das eine Drohung für die Zukunft und keine Erinnerung an tatsächlich Geschehenes war. Wobei, eine Drohung war es auf jeden Fall für sie, soviel war klar. Er wiederholte die erste Frage und Giulia erkannte eine Art Raumschiff - nicht ihres - und schloss als sie Bilder von sich selbst und ihrer Gefangennahme sah, dass er wissen wollte, wie sie auf diesen Planeten gekommen waren. "Wir sind hierher gelaufen", sagte Giulia in sicherer Gewissheit, dass sie auch "Bananenbrot" hätte sagen können, was die Heuschrecken genauso wenig verstanden hätten.
Ihr Staunen war grenzenlos, als der Anführer den Blick auf die vorgeführte Heuschrecke richtete und diese nach einem Schlag auf ihr kürzeres Bein und einem roten Aufleuchten ihres Visuals darin zeigte, wie Giulia lief, wie sie ihre Beine beim Laufen zeigte. Der Anführer schlug noch einmal auf ihr Bein und zeigte jetzt völlig Unverständliches auf seinem Visual nicht unähnlich einem Ameisenrennen auf einem Fernseher auf der Erde, der kein Signal hat. Auch sein Gegenüber antwortete nach einem weiteren roten Aufleuchten jetzt in unverständlichem Ameisenrennen.
Giulia verstand zwar nicht, was sie redeten, aber sie erkannte in dieser sehr kurzen Situation doch blitzschnell drei Dinge. Diese eine, kleine Heuschrecke hatte sie aus irgendeinem Grund verstanden. Der Grund konnte eigentlich nur sein, dass sie auf dem richtigen Planeten waren, dass diese Heuschrecke ihre Sprache von einem Menschen gelernt hatte. Das Zweite war eigentlich offensichtlich: Sie war nicht freiwillig hier, sondern als unfreiwilliger Übersetzer für eine scheinbar andere Gruppe von größeren Heuschrecken. Als Drittes erkannte sie, dass das vorgeführte Wesen auf ihrer Seite war und absichtlich in einer ihnen verständlichen Videosprache geantwortet hat, um ihnen zu zeigen, dass sie sie verstand. Noch bevor sie weitere Schlüsse ziehen konnte, hatte sie der Anführer am Kragen gepackt und hielt sie scheinbar leicht in die Höhe.
Robert rastete komplett aus: "Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, bringe ich dich eigenhändig um. Ich stecke deine vier Finger einzeln in jedes von euren Augen. Ich schlage euch so lange auf eure Beine, bis das Rot aus eurer Videohaut nur so heraustropft. Ich..." Die Heuschrecke setzte Giulia ab und sah wieder zu ihrem Übersetzer. Dieser zeigte nur ein komplett grünes Visual. Robert war zufrieden mit sich. Seine Drohungen schienen gewirkt zu haben. Was er nicht begriff war, dass der Anführer glaubte, seine eigene Drohung hatte Wirkung gezeigt und Robert plauderte jetzt alles aus, was er wissen wollte. Beide irrten, aber die Heuschrecke bemerkte ihren Irrtum schneller.
Als auch nach weiteren Schlägen auf das Bein des Übersetzers dessen Visual nur zwischen grün und rot wechselte, zeigte der Anführer noch einmal das Video vom Herausreißen des Fingers und ging zusammen mit den beiden Schlägern, die den humpelnden Übersetzer mit sich zogen, zurück zum Ausgang. "Denen hab ich’s gezeigt. Wir dürfen denen keinen Millimeter nachgeben. Das sind Tiere", gab sich Robert großspurig. "Sie hätten mir nichts getan. Sie wollten nur wissen, wer hier das Sagen hat. Und sie wissen es jetzt. Hoffentlich ist Albert inzwischen ausgebrochen. Sie werden wahr machen, was sie gezeigt haben. Trotzdem Danke!"
Während Pinja sich ängstlich in die hinterste Ecke ihrer Zelle gedrückt hatte, hatte Alva das Ganze hochinteressiert von ihrem Gitter aus verfolgt. Auch wenn sie den Anführer nur von hinten zu sehen bekam, hatte sie doch den Übersetzer deutlich sehen können. "Sie verstehen uns", strahlte sie zu Giulia, "Die Heuschrecke hat dich eindeutig verstanden. Wisst ihr was das heißt?" Giulia antwortete auf diese eigentlich rhetorische Frage: "Wir sind nicht die ersten Menschen hier. Das macht unsere Situation gefährlicher als ich dachte." Robert und Alva sahen sie fragend an. "Sie kennen bereits Menschen und trotzdem, oder gerade deswegen, haben sie uns eingesperrt. Und noch etwas wird immer klarer: nicht alle verstehen uns. Nur eine hat uns verstanden. Sie ist auf unserer Seite. Es gibt also zwei Seiten, zwei Parteien. Und wir sind der falschen in die Hände gefallen."
Sofort begann sie, an den Holzstäben zu zerren und den Boden zu bearbeiten. Sie konnten nicht auf die Nacht warten, sie mussten hier raus. Nach 30 Minuten gaben sie auf und mussten erkennen: so primitiv waren ihre Zellen tatsächlich doch nicht. Das Holz war deutlich stabiler, als auf der Erde. Auch wenn sie nicht so schwach gewesen wären, hätten sie die Stäbe wohl kaum brechen können. Die Verbindungen zwischen den Stangen, die sie erst für einfache Seile gehalten hatten, erwiesen sich als extrem zähe, drahtseilartige Geflechte, an denen sie sich buchstäblich die Zähne ausbissen, obwohl sie nicht aus Metall waren. Direkt unter dem Erdboden war blanker Fels, in den die Holzstäbe eingelassen waren. Ihre Zuversicht schwand. Sie waren Gefangene ihres eigenen Erfolgs. Und ihrer Naivität. Hätten sie daran geglaubt, dass ihre Mission erfolgreich sein kann, wären sie nicht mit primitiven Elektroschockern in fremde Welten geflogen. Hätten sie Mathis ernst genommen, wäre ihnen klar gewesen, dass Außerirdische, die Lebewesen anderer Planeten verschleppten, nicht nette, freundliche Kumpels waren.