»Sollen wir zum Mars auswandern, Sir?«
Der britische Astronom Sir Martin Rees erforscht Gefahren für die Existenz der Menschheit – und ob man die Zivilisation noch vor dem Untergang bewahren kann.
- Christian Honey
Rees war von 1973 bis 1991 Professor für Astronomie an der Universität Cambridge und von 2005 bis 2010 Prasident der Royal Society, der britischen Akademie der Wissenschaften. 2005 wurde er zudem ins Oberhaus gewählt. Bei seinem politischen Engagement fiel ihm auf, dass die Gesellschaft bestimmte „existenzielle Risiken“ zu wenig diskutiert. Seine Bedenken fasste er 2003 in seinem Buch „Unser letztes Jahrhundert“ zusammen. 2012 rief Rees gemeinsam mit dem Philosophen Huw Price und dem Skype-Gründer Jaan Tallinn das Zentrum für die Erforschung existenzieller Risiken (CSER) an der Uni Cambridge ins Leben. Es finanziert sich über Stiftungen und private Spenden.
Technology Review: Lord Rees, was sind für Sie existenzielle Risiken?
Martin Rees: Mein Fokus liegt auf katastrophalen Ereignissen, die durch menschliches Handeln verursacht werden. Manche dieser Szenarien laufen auf das Ende der Menschheit hinaus. Existenzielle Risiken umfassen aber weit mehr als das. Grundsätzlich lassen sie sich in zwei Klassen unterteilen: Zu der ersten gehören Konsequenzen kollektiver menschlicher Aktivität wie der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum oder der Verlust der biologischen Vielfalt. Die zweite Kategorie umfasst dagegen Aktivitäten Einzelner oder kleiner Gruppen, etwa den Missbrauch von Biotechnologie, des Internets oder der KI.
Was ist mit natürlichen Ereignissen wie Asteroideneinschlägen oder Vulkanausbrüchen?
Asteroideneinschlage gehören zu den am besten verstandenen Risiken überhaupt. Wir kennen heute die Zahl der Asteroiden im Sonnensystem, und wir kennen ihre Größen und Einschlagsraten. Wir wissen also schon, wie hoch das Risiko ist, von einem Asteroiden ausgelöscht oder dezimiert zu werden. Es ist ziemlich klein, nicht größer, als es für die Dinosaurier war.
Und wie berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, die noch nie passiert sind, zum Beispiel einer künstlichen Pandemie?
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Das konnen wir nicht. Mein Mantra lautet aber: Das Unbekannte ist nicht dasselbe wie das Unwahrscheinliche. Künstlich erzeugte Pandemien sind ein Beispiel dafür. Es ist seit etwa zehn Jahren moglich, Viren so zu modifizieren, dass sie aggressiver und leichter ubertragbar sind, unter anderem mit der Genschere Crispr. Wir konnen zwar die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, nicht zahlenmäßig angeben. Es ist aber plausibel anzunehmen, dass sie so hoch ist, dass wir uns darüber Gedanken machen sollten. Welches existenzielle Risiko am größten ist, darüber sind sich meine Kollegen und ich nicht immer einig. Aber das ist auch gut so. So konzentrieren wir uns auf ganz unterschiedliche mögliche Szenarien.
Was unterscheidet solche Risiken von „normalen“ Naturkatastrophen?
Dass sie „kaskadierende Effekte“ haben. Unsere Gesellschaft ist heute starker vernetzt als je zuvor. Wir haben ein globales Finanzsystem, das Internet, internationale Reisen. Ein lokales Ereignis kann deshalb leichter eine globale Wirkung entfalten. Das bekommen wir aktuell am Coronavirus vorgeführt. Ein weiterer Grund ist, dass unsere Gesellschaft heute fragiler ist als früher, weil die Erwartungen der Menschen höher sind. Im 14. Jahrhundert raffte die Pest die Halfte der Bevolkerung mehrerer europaischer Stadte dahin.
Die Menschen akzeptierten dieses Schicksal. Heute hingegen würde die soziale Ordnung zusammenbrechen, wenn eine globale Pandemie unsere Krankenhauser uberwaltigt und sehr viele Menschen um begrenzte medizinische Ressourcen kämpfen. Das Gleiche gilt für Cyberangriffe auf wichtige Infrastruktur. In einem Bericht des US-Verteidigungsministeriums von 2012 heißt es, dass ein Cyberangriff, der das Stromnetz im Osten der Vereinigten Staaten lahmlegt, eine nukleare Reaktion rechtfertigen wurde.
Glauben Sie noch, dass Fortschritt gut ist?
Technologische Innovation hat sich, trotz ihrer Nachteile, in der Summe positiv auf die Welt ausgewirkt. Ohne sie könnten heute keine siebeneinhalb Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Aber das Risiko, das von neuartigen Technologien ausgeht, ist heute höher als je zuvor. Das liegt vor allem an ihrer Verfügbarkeit. Um eine Atombombe zu bauen, braucht es viele Experten und extrem teure Anlagen, die nicht leicht zu verstecken sind. Biotechnologie, Internet und KI können bereits von einer kleinen Zahl an Menschen missbraucht werden. Genmanipulationen mit Crispr lassen sich bald mit nur ein wenig Sachverstand auf dem Küchentisch durchführen. Selbst wenn sich alle Regierungen der Welt auf Regulierungen zur Gentechnologie einigen würden, wäre es nahezu unmoglich, diese Vorschriften effektiv durchzusetzen – das wäre genauso aussichtslos wie der heutige Versuch, Drogen- oder Steuergesetze durchzusetzen.
Welche existenziellen Risiken stehen aus Ihrer Sicht ganz oben auf der Rangliste?
Wenn Sie mich fragen, ist unsere Gesellschaft mittelfristig vor allem auf Bio- oder Cyber-Ereignisse unvorbereitet. Am CSER erforschen wir aber auch langfristige okologische Risiken. Die Kombination aus Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Verlust der biologischen Vielfalt kann zum Beispiel in Afrika katastrophale Folgen haben. Es gibt Szenarien, in denen sich die Bevolkerung Afrikas zwischen 2050 und 2100 noch einmal verdoppelt, von dann zwei auf vier Milliarden. Es ist unklar, ob das wirtschaftliche Wachstum Afrikas eine solche Entwicklung ausgleichen könnte. Neue Technologien wie kunstliche Intelligenz und Robotik ubernehmen heute zunehmend die Fertigung von Waren. Billige Arbeitskraft wird deshalb, anders als in den vergangenen Jahrzehnten in Asien, fur afrikanische Lander keinen Ausweg bieten. Andererseits könnte Biotechnologie in der Nahrungsversorgung ein Teil der Lösung sein. Und KI kann die Versorgung mit erneuerbaren Energien optimieren. Wir haben es hier also mit einem komplizierten Ruckkopplungssystem mehrerer existenzieller Risiken zu tun.
Was also sollen wir tun?
Um Regulierung von Risikotechnologien werden wir nicht herumkommen, auch wenn die Durchsetzung schwierig ist. Die große Frage ist, wie sehr wir auf das Vorsorgeprinzip setzen wollen. In Afrika südlich der Sahara zum Beispiel benötigen wir dringend robuste und nahrhafte Agrarpflanzen. Im Falle gentechnisch veranderter Pflanzen geht mir das Vorsorgeprinzip in Europa deshalb zu weit. Sicher, wir verstehen die Konsequenzen noch nicht ganz. Aber seit 20 Jahren führen 300 Millionen Amerikaner ein Selbstexperiment mit ihnen durch, ohne dass es bisher zu einer Katastrophe gekommen wäre. Wir müssen also eine Balance finden. Wir sollten sicherstellen, dass sich die nützlichen und defensiven Aspekte von technologischen Entwicklungen als Erstes entwickeln.
Wie arbeiten Sie am CSER konkret daran, solche Entwicklungen zu fördern?
Wir beraten die Regierung und das Parlament. Noch wichtiger ist es aber, die Öffentlichkeit auf existenzielle Risiken aufmerksam zu machen. Denn eines ist klar: Politiker werden nur dann etwas unternehmen, wenn sie den Eindruck haben, dass die Offentlichkeit sie unterstutzt. Es gibt ein beruhmtes Zitat von Jean-Claude Juncker, dem ehemaligen Präsidenten der EU-Kommission: „Wir wissen, was das Richtige ist. Wir wissen nur nicht, ob wir wiedergewahlt werden, wenn wir es getan haben.“ Diese Maxime ist allgemein anwendbar. Deshalb halte ich den aktuellen Protest für mehr Klimaschutz fur eine gute Sache. Ein anderer Weg führt über einflussreiche Persönlichkeiten. Im Sommer 2015 bezeichnet der Papst in seiner Enzyklika die Bewahrung der Schöpfung als eine Verpflichtung des Menschen. Dieser Aufruf brachte ihm stehende Ovationen bei der UN ein und ebnete den Weg zum Konsens auf der Pariser Klimakonferenz im Dezember 2015. Der Papst hat eine Milliarde Anhanger in Lateinamerika, Afrika und Ostasien. Politiker und Offentlichkeit in diesen Landern nehmen das, was er sagt, sehr ernst. Das hat die Sache sehr erleichtert.
Sie haben Ihr Buch „Unser letztes Jahrhundert“ im Jahr 2003 veröffentlicht. Ihr neues Buch trägt den Titel „Unsere Zukunft: Perspektiven für die Menschheit“. Sind Sie heute optimistischer als fruher?
Nein. Im ersten Buch habe ich als einer der Ersten die Gefahr betont, die im Kontext von Bio- und Internettechnologie von gesellschaftlichen Ausreißern und kleinen Gruppen ausgeht. Seither haben sich diese Technologien enorm weiterentwickelt. Leute wie Elon Musk glauben ja, dass Weltraumtechnologie unsere Rettung sein wird. Ich glaube dagegen nicht, dass eine Massenauswanderung zum Mars sinnvoll ist. Auf dem Mars ist es lebensfeindlicher als am Sudpol, und Terraforming, um den Mars bewohnbar zu machen, ist eine weitaus großere Herausforderung, als den Klimawandel einzudämmen.
(bsc)