Drei Radikale

Krisenzeiten sind immer auch Zeiten der großen Gesellschaftsentwürfe. Wie eine andere Gesellschaft aussehen, damit beschäftigen sich mehrere aktuelle Bücher.

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Drei Radikale
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Inhaltsverzeichnis

So dramatisch die Corona-Pandemie ist, die Hoffnung ist groß, dass sie auch ihr Gutes hat. Die Krise hat die Sehnsucht nach einer neuen wirtschaftlichen Ordnung geweckt, von anderen Regeln in der digitalen Ökonomie bis zur besseren Finanzierung wichtiger Fundamente der Gesellschaft – etwa dem Gesundheitssystem. Wenn es aber nicht weitergehen soll wie bisher, wie dann? Drei Bücher versuchen den großen Wurf.

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In "Digitalismus" überlegt Daniel Rebhorn, wie sich globale Vernetzung und künstliche Intelligenz zum Guten wenden lassen. Eigentlich steht der Springer-Wissenschaftsverlag für Bücher, in denen aktuelle Forschungsergebnisse dargelegt werden. Dieses ist allerdings alles andere als die nüchterne akademische Darstellung neuer Erkenntnisse. Denn Rebhorn ist kein Akademiker, sondern war früher selbstständiger Software-Entwickler sowie IT-Berater und ist mittlerweile Managing Director von Diconium, einer Agentur, die sich selbst als "Digital-Dienstleister" bezeichnet und große Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation begleitet.

Aus diesem reichen Erfahrungsschatz heraus ist für den Autor klar, dass der digitale Wandel, globale Vernetzung und künstliche Intelligenz nicht aufzuhalten sind. Werden diese Technologien jedoch nur für kurzsichtige Eigeninteressen verwendet, richten sie mehr Schaden an, als sie nutzen. Rebhorn präsentiert daher einen radikalen Diskussionsvorschlag: Er skizziert eine neue Gesellschaftsform, in der Software statt Menschen die Regierung übernimmt, denn künstliche Intelligenz, so Rebhorn, handelt nicht aus eigenem Interesse und ist auch nicht korrumpierbar. Vielmehr kann sie politische Rahmenbedingungen so gestalten, dass daraus ein Optimum für Gesellschaft, Menschen und Umwelt entsteht.

Zwar entkräftet der Autor die wichtigsten Einwände – so wird auch in einer digitalistischen Gesellschaft die Gewaltenteilung erhalten, indem einzelne KIs miteinander konkurrieren. Das ist in seiner Radikalität sehr erfrischend. Die große Schwäche des Buches ist aber, dass der Entwurf an vielen Stellen sehr unkonkret und vage bleibt.

Daniel Rebhorn: "Digitalismus", Springer, 342 Seiten, 24,99 Euro (E-Book 19,99 Euro)

Konkreter werden da schon Georg Diez und Emanuel Heisenberg in ihrem Buch "Power to the People". Getreu dem Untertitel "Wie wir mit Technologie die Demokratie neu erfinden" beklagen sie, dass die mächtigen Werkzeuge zur Gestaltung der Zukunft – die Daten und die mit ihnen gefütterte künstliche Intelligenz – in den Händen einiger weniger Konzerne sind. Holen wir sie uns zurück, lautet ihr Plädoyer. Beim "Wie" wird es dann aber leider recht dünn. Das Neue ist zwar konkret, aber leider so isoliert eingestreut, dass kein schlüssiges Bild entsteht. Natürlich ist es richtig, auf das Beispiel Barcelona als eine Smart City zu verweisen, die tatsächlich für die Einwohner und nicht für die Tech-Konzerne gebaut wird. Aber wie nun "eine sensorische Infrastruktur mit drei Millionen Datenaufzeichnungen täglich, aus 40.000 Müllcontainern, 40.000 digital kontrollierten Ampeln, 80.000 öffentlichen Parkplätzen" die Demokratie voranbringt und die Digitalkonzerne zurückdrängt, bleibt nebulös.

Auch der Vorschlag, auf Peer-to-Peer zu setzen, also Dienste von der Mobilität bis zur Energie von User zu User anzubieten, endet im Ungefähren. Klar wäre es gut, auf diese Weise die großen Plattformen auszuschalten, aber das Konzept ist auch im Digitalen nicht viel mehr als Nachbarschaftshilfe. Diez und Heisenberg stellen also die großen Fragen, geben aber leider nur die kleinen Antworten.

Georg Diez, Emanuel Heisenberg: "Power to the People", Hanser Berlin, 174 S., 18 Euro (E-Book 13,99 Euro)

Mariana Mazzucato hingegen gelingt beides. Ihr Buch "Wie kommt der Wert in die Welt?" erschien zwar schon im März 2019, aber in der jetzigen Situation lohnt es sich hineinzulesen. Die Ökonomin geht der Frage nach, wer im heutigen Wirtschaftssystem eigentlich Wert schafft, wer also produktiv ist – und wer es nur behauptet. Den grundsätzlichen Fehler sieht sie darin, die Produktivität rein über das verdiente Geld zu messen. Denn damit verschwindet der Unterschied zwischen Wertschöpfung und Abschöpfung, zwischen jenen, die Güter herstellen und verkaufen, und jenen, die Gewinne abzweigen, etwa über Aktienbesitz. Für Mazzucato steckt hinter dieser Argumentation zudem ein bequemer Zirkelschluss. "Man schafft Erträge, weil man produktiv ist, und man ist produktiv, weil man Erträge schafft." Die Begründung für Millionengehälter ist geschaffen.

Noch bedeutender aber ist, wer in dieser Welt als unproduktiv angesehen wird. Staaten etwa gelten vorwiegend als Geldverschwender, weil sie keine Erträge erwirtschaften – ungeachtet der Tatsache, dass ihre Technologieförderung viele Erträge von Unternehmen überhaupt erst möglich macht. Ein Niedriglohnsektor vom Krankenpfleger bis zum Müllentsorger entsteht – ungeachtet dem Umstand, dass ohne diese Arbeitskräfte eine moderne Gesellschaft nicht funktioniert. Und die Denkweise verleitet dazu, Klimaschutz als Kostenfaktor zu sehen und nicht als Investition. Um das zu ändern, macht Mazzucato klar, brauchen wir eine ökonomische Wertedebatte.

Mariana Mazzucato: "Wie kommt der Wert in die Welt?", Campus, 407 S., 26 Euro (E-Book 21,99 Euro)

(jle)