KI bewertet Produktivität von Mitarbeitern

Das Startup Enaible entwickelt Ăśberwachungswerkzeuge fĂĽr Arbeitgeber. Algorithmen sollen im Homeoffice messen, wie schnell Mitarbeiter ihre Aufgaben erledigen.

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KI bewertet Produktivität von Mitarbeitern

Fröhliche Mitarbeiter.

(Bild: Shutterstock)

Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Will Douglas Heaven
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In den letzten paar Monaten gingen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt nicht mehr in ihre BĂĽros, sondern begannen, von zu Hause aus zu arbeiten. Aber auch wenn sie nicht mehr in Sichtweite ihrer Manager sind, aus deren Sinn sind sie deshalb noch lange nicht.

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Der Umbruch wurde von einem Anstieg bei der Verwendung von Überwachungssoftware begleitet, mit der Arbeitgeber verfolgen können, was ihre Mitarbeiter tun. In diesem Fahrwasser schwimmt auch das in Boston ansässige Startup Enaible. Es entwickelt Software für maschinelles Lernen, die misst, wie schnell Mitarbeiter verschiedene Aufgaben erledigen, und Möglichkeiten vorschlägt, diese zu beschleunigen. "Stellen Sie sich vor, Sie managen jemanden, und Sie könnten ihn den ganzen Tag beobachten und ihm Empfehlungen geben, wie er seine Arbeit besser machen kann", sagt Geschäftsführer Tommy Weir. "Das versuchen wir zu tun. Das haben wir gebaut."

Weir ist überzeugt, dass Mitarbeiter in der Pflicht stehen, so produktiv wie möglich zu sein. Kritiker argumentieren jedoch, dass die Überwachung am Arbeitsplatz das Vertrauen untergräbt und die Moral schädigt. Arbeitnehmerrechtsgruppen warnen, dass solche Systeme nur nach Rücksprache mit den Mitarbeitern installiert werden sollten. "Es kann zu einem massiven Machtgefälle zwischen Arbeitnehmern und Management führen. Und die Mitarbeiter haben weniger Möglichkeiten, das Management zur Rechenschaft zu ziehen", sagt Cori Crider, ein in Großbritannien ansässiger Anwalt und Mitbegründer der gemeinnützigen Anwaltskanzlei Foxglove. Sie kämpft gegen Technologiemissbrauch durch Regierungen und große Unternehmen.

Weir gründete Enaible 2018, nachdem er 20 Jahre lang Geschäftsführer trainiert hatte. Das Unternehmen bietet seine Software bereits mehreren großen Organisationen auf der ganzen Welt an, darunter der Zollbehörde von Dubai und der Omnicom Media Group, einem multinationalen Konzern für Marketing und Unternehmenskommunikation. Weir behauptet jedoch, auch in fortgeschrittenen Gesprächen mit Delta Airlines und CVS Health zu sein, einer US-Gesundheits- und Apothekenkette, die auf der Fortune 500-Liste auf Platz 5 steht. Keines der Unternehmen wollte kommentieren, ob oder wann es das System einführen wolle.

Warum der plötzliche Interessenanstieg seit der Pandemie? "Chefs haben seit jeher versucht, ihren Arbeitern den letzten Tropfen Produktivität und Arbeit abzuringen", sagt Mitarbeiterschützerin Crider. "Aber die Genauigkeit der jetzt verfügbaren Überwachung ist mit nichts zu vergleichen, was wir bisher gesehen haben."

Die als "AI Productivity Platform" bezeichnete Enaible-Software geht über das Verfolgen von E-Mails, Slack, Zoom oder Websuchen hinaus. Nach der Installation läuft die Software immer im Hintergrund und überwacht die Datenspur, die Unternehmen für ihre Mitarbeiter bereitstellen. Mithilfe eines Algorithmus namens "Trigger-Task-Time" lernt das System den typischen Workflow für verschiedene Mitarbeiter: Welche Auslöser (Trigger) wie E-Mail oder Telefonanrufe führen zu welchen Aufgaben und wie lange dauert ihre Ausführung?

Sobald die Software ein typisches Verhaltensmuster für einen Mitarbeiter gelernt hat, gibt sie dieser Person einen Produktivitätswert zwischen 0 und 100. Die KI ist unabhängig von Aufgaben, sagt Weir. Theoretisch können Arbeitnehmer in einem Unternehmen immer noch anhand ihrer Punktzahl verglichen werden, selbst wenn sie unterschiedliche Aufgaben ausführen. Ein Produktivitätswert zeigt auch an, wie man die Produktivität anderer Mitarbeiter im Team erhöht oder verringert. Dieser Ansatz weist allerdings offensichtliche Einschränkungen auf. Das System funktioniert am besten mit Mitarbeitern, die viele sich wiederholende Aufgaben etwa in Callcentern oder Kundendienstabteilungen ausführen, und weniger bei komplexeren oder kreativeren Positionen.

Die Idee ist jedoch, dass Manager diese Ergebnisse verwenden können, um zu sehen, wie ihre Mitarbeiter vorankommen. Sie können sie belohnen, wenn sie ihre Arbeit schneller erledigen, oder sich bei ihnen melden, wenn die Leistung nachlässt. Um ihnen zu helfen, enthält die Software von Enaible auch einen Algorithmus namens "Leadership Recommender" (Führungsempfehlung), der bestimmte Punkte im Workflow eines Mitarbeiters identifiziert, die effizienter gestaltet werden könnten.

Die Rede von Kostensenkung und Zeitersparnis ist jedoch seit langem nur ein anderer Ausdruck für die Entlassung von Mitarbeitern. Während die Wirtschaft absackt, bewirbt Enaible seine Software damit, dass Unternehmen mit ihr jene Mitarbeiter identifizieren könnten, die sie behalten sollten – "die einen großen Unterschied beim Erreichen der Unternehmensziele und der Gewinnsteigerung bewirken" –, um sie bei der Heimarbeit motiviert und fokussiert zu halten. Die Kehrseite ist natürlich, dass Manager die Software auch als Entscheidungshilfe dafür verwendet können, wen sie feuern sollten. "Unternehmen werden Menschen entlassen – das haben sie immer", sagt Weir. "Aber Sie können dabei objektiv oder subjektiv sein."

Crider sieht das naturgemäß anders. "Das Heimtückische an diesen Systemen ist, dass sie einen Anstrich von Objektivität haben", sagt die Anwältin. "Es ist ja eine Zahl auf einem Computer – wie kann das etwas Verdächtiges sein? Sie müssen jedoch nicht sehr stark an der Oberfläche kratzen, um zu erkennen, dass hinter der überwiegenden Mehrheit dieser Systeme Werte stehen, die bestimmen, was priorisiert werden soll."

DarĂĽber hinaus enthalten Algorithmen fĂĽr maschinelles Lernen auch versteckte Vorurteile durch die Daten, mit denen sie trainiert wurden. Eine solche Verzerrung ist noch schwerer aufzudecken, wenn sie in einem automatisierten System vergraben ist. Wenn diese Algorithmen zur Beurteilung der Leistung eines Mitarbeiters verwendet werden, wird es schwierig, gegen eine unfaire ĂśberprĂĽfung oder Entlassung Einspruch einzulegen.

"Was Sie hier sehen, ist der Versuch, einen Menschen in eine Maschine zu verwandeln, bevor die Maschine sie ersetzt", sagt Crider. "Sie müssen ein Umfeld schaffen, in dem die Menschen darauf vertrauen können, dass man sie ihre Arbeit tun lässt. Das bekommt man nicht, wenn man sie überwacht."

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(vsz)