Das Bill-Gates-Paradoxon

Warum wir wieder in die BĂĽros mĂĽssen, obwohl wir dort weniger produktiv arbeiten.

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Ich muss gestehen: Ich stehe vor einem Rätsel. Ich nenne es das Bill-Gates-Paradoxon.

Aber der Reihe nach: Die vergangenen Wochen haben vielen Büro-Arbeitern praktisch vorgeführt, dass es gar nicht nötig ist, jeden Tag stundenlang im Stau zu stehen oder in der überfüllten S-Bahn zu fahren, um seine Arbeit zu erledigen. Unter günstigen Umständen – genügend Platz, schnelles Internet, keine schulpflichtigen Kinder – hat es sogar dazu geführt, dass die Betroffenen deutlich konzentrierter und entspannter arbeiten konnten, als im betrieblichen Großraumbüro.

Möglicherweise hat auch die Kollegin Claudia Mäder eine ähnliche Erfahrung gemacht, denn sie schreibt im Feuilleton der NZZ eine Art Nachruf auf das Büro. Der typische Schreibtisch-Arbeitsplatz für Verwaltungs- und Organisationsarbeiten wurde demnach schließlich im Gefolge des Taylorismus analog zur Fertigung in der Industrie konzipiert: Unter direkter Kontrolle von Vorgesetzten mit mechanisch ausführbaren Mikro-Aufgaben unter effizientester Ausnutzung des Raumes. In den Nachkriegsjahren lockerte sich diese Fabrikdisziplin in den Bürolandschaften mit Zimmerpflanzen und Stellwänden zwar auf. Die Arbeitsdisziplin im Büro wurde aber durch eine vermehrte soziale Kontrolle untereinander aufrecht erhalten. Aber der weitere Wandel der Arbeitswelt hat auch diesen Kontrollmechanismus obsolet gemacht, argumentiert sie, also werde das klassische Büro früher oder später aussterben.

In einem Gastkommentar für den Guardian vertritt auch die Gründerin Brianne Kimmel eine ähnliche Linie – wenn auch deutlich zugespitzer: Denn der Kern ihrer Kritik ist, dass es im modernen Büro-Alltag mehr darum geht, so auszusehen, als sei man beschäftigt – und nicht, was man tatsächlich schafft. Womit wir – endlich – bei Bill Gates währen. Von dem Michelle Ruiz in der Vogue erzählt, dass er sich in der Frühzeit von Microsoft morgens die Nummerschilder von Untergebenen auf dem Microsoft-Parkplatz gemerkt hat, um abends kontrollieren zu können, wer vor ihm gegangen war.

Das ist, für einen Mann, der höchstwahrscheinlich sehr intelligent ist, ein verblüffend irrationales Verhalten. Aber genau so verhalten sich im Moment viele Unternehmen, weshalb ich das Phänomen Bill-Gates-Paradoxon getauft habe: Sie bestehen darauf, dass ihre Mitarbeiter wieder ins Büro kommen, obwohl das nachweislich weniger effizient ist. Und das, obwohl Effizienz im Kapitalismus beinahe den Status einer Religion hat. Wer weniger effizient wirtschaftet, macht weniger Gewinn als sein Wettbewerber, und wird früher oder später geschluckt.

Warum ist das so? Ich verstehe es nicht. Stattdessen bringt der Markt Absurditäten hervor wie diese Scheuklappen für genervte Büro-Arbeiter oder diesen überdimensionaler Helm – zum Glück nur Design-Studien. Startups wie Room bieten allerdings mittlerweile eine Art Telefonzelle für Großraumbüros an, in denen man in Ruhe telefonieren, aber auch ungestört lesen oder nachdenken kann.

(wst)