Was war. Was wird. Von Abgängen und Anfängen.

Manch Technikprophet erweist sich in der Nachschau als naiv. Ein Blick in die Geschichte mag angesichts aktueller Ereignisse lehrreich sein, meint Hal Faber.

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Wer den Wal hat, hat die Qual ... Okay, der müde Kalauer musste jetzt sein, die armen Grindwale (Globicephala melas) im Bild können nix dafür, dass mir bei Trumps völlig wahnsinniger Irrlichterei während der Wahlauszählung nicht mehr viel einfällt. Und sie mit Trump in einem Atemzug zu nennen, ist auch nicht nett. Für die Wale.

(Bild: Shutterstock)

Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Wenn sich die Geschichte wiederholt, so tut sie das als Farce, hat Karl Marx einmal leicht übermütig formuliert. Angesichts der Art und Weise, wie es US-Medien untersagt wurde, von President-elect (Wahlsieger) #46 Joe Biden zu schreiben und zu reden, angesichts der Drohungen des noch amtierenden Präsidenten Trump an Biden, sich ja nicht mit diesem Titel zu schmücken, schauen wir statt auf die Farce von Plotwork Orange mal in die Geschichtsbücher. Auf den Tag genau heute von 60 Jahren gewann der demokratische Herausforderer John F. Kennedy die Präsidentschaftswahl 1960 vor dem Favoriten, dem ehemaligen Vizepräsident der Republikaner, Richard Nixon. Gerade hat ja die Retro-Mediathek der ARD geöffnet, da lohnt es sich, die durch und durch verqualmte Fensehsendung zur US-Wahl zu schauen. Da wird ein Radio mit den AFN-Nachrichtensprecher-Stimmen abgefilmt, schließlich gab es noch keine Satelliten-Übertragungssysteme für Fernsehsignale: Telstar I startete erst 1962 mit dem erdumspannenden Fernsehen. Das Endergebnis wird von einem Fernschreiber ausgedruckt, mit den Datenleitungen von damals war dies das Maximum an Echtzeitdokumentation.

T-38 am Eingang zum Johnson Space Center der NASA

(Bild: Mark Taylor Cunningham / shutterstock.com)

*** Der jugendlich daherkommende John F. Kennedy kandidierte mit dem Mehrheitsführer im US-Senat, Lyndon B. Johnson, der damit den väterlichen Part übernahm und im Wahlkampf die Südstaaten für Kennedy eroberte. Kennedy und Johnson eroberten 303 Stimmen der Wahlmänner, Nixon und sein "Runnig Mate" Henry Cabot Lodge kamen auf 219 Stimmen. Beim Popular Vote betrug der Vorsprung von Kennedy nur 112.000 Bürgerstimmen, ein bis heute unerreichter Minusrekord. Das entsprach überhaupt nicht den Computerberechnungen, die der Kommunikationswissenschaftler Ithiel de Sola Pool mit seiner Firma Simulmatics für die Kennedy-Kampagne durchgeführt hatte. Von den Berechnungen der Firma profitierte der dystopische Roman 480, der mit der Emordung von Kennedy beginnt und sich mit den Folgen des Computerscorings beschäftigt. Aber auch Ithiel de Sola Pool vom MIT zog eine Konsequenz, die sich in seinem Artikel "Technologies of Freedom. Free Speech in an electronic age" so liest: "Was der Postdienst mit dem Versand der abgegebenen Stimmen in vergangenen Wahlen auch für die entferntesten Gebiete der USA leistete, müssen nun die Telefonsysteme, die Kabeldienste und die Computerkommunikationsdienste übernehmen. Wenn jeder wählen kann, ohne ein Wahllokal aufsuchen zu müssen, haben wir die perfekte Demokratie." Ähnlich wie der marxistische Kybernetiker Georg Klaus war auch der ehemalige Trotzkist de Sola Pool ein bisschen naiv, was den Einsatz der Kommunikationstechnik anbelangt.

*** Wir bleiben in der Geschichte. Mit der Übernahme der Präsidentschaft durch Kennedy hielt sich Johnson aus dem Regierungsgeschäft heraus. Strahlende Reden wie Kennedys legendäre Ansprache über den Aufbruch zum Mond waren nicht seine Sache. Dabei war es Johnson, der den entscheidenden Aeronatics and Space Act von 1958 verfasste, ohne den das Raketenprogramm der USA nicht denkbar war. Nach der Ermordung von Kennedy übernahm er die Regierung und baute das Raumfahrtprogramm erheblich aus. Nicht umsonst heißt das Manned Spaceflight Center der NASA heute Johnson Space Center. Die darauffolgende Wahl im Jahre 1964 gewann Johnson übrigens dank der Unterstützung der schwarzen Bevölkerung für seine Reformen, sein "Popular Vote" brach alle Rekorde – der Rekord ist gerade von Joe Bidend, em 46. Präsidenten der USA, mit ungefähr 75 Millionen Stimmen gebrochen worden.

*** Aber auf Johnson folgte Nixon und ein steiler Abstieg. Das bringt uns zurück in die Gegenwart, die T.C. Boyle in der Süddeutschen Zeitung hinter einer Paywall so beschriebt:"Ich habe unter der mörderischen, kriminellen Herrschaft von Nixon gelebt und über seine ölige, verschwitzte Rücktrittsrede gejohlt. Ich habe während acht langer Jahre gegen die blutige und finanziell katastrophale Big-Business-Präsidentschaft von Bush angeredet. Doch dieser Moment der amerikanischen Geschichte ist viel schlimmer als alles, was ihm bisher vorausging. Joe Biden sagt, bei dieser Wahl gehe es um die Seele Amerikas, und er hat vollkommen recht. Werden wir eine rechte Diktatur, die auf der Freiheit ihrer Bürger herumtrampelt oder eine mitfühlende, offene, fortschrittliche Demokratie, die den Klimawandel bekämpft und unsere Wissenschaftler darin unterstützt, die Pandemie zu beenden?" Boyle betonte noch, dass er die Wahl nicht im TV verfolge, seiner geistigen Gesundheit zuliebe. Kein schlechter Rat, während Donald Trump sich mit Plänen beschäftigt, nach seiner Präsidentschaft mit einer Station wie Trump TV auf Sendung zu gehen.

*** Nun ist es also erstmal geschafft, "Biden Beats Trump" jubelt die New York Times unverhohlen erleichtert nach langer Stimmenzähldurststrecke und titelt in der Langfassung über das "Ende von vier turbulenten Jahren unter Trump". Im deutschen Fernsehen, das Wahlverblödung mit Schlagzeilen wie "Biden holt auf" betreibt und Trumps Lügen zum Wahlbetrug undistanziert überträgt, wird unter anderem der 70. Geburtstag des Bundesamtes für Verfassungsschutz gefeiert. Es wurde von den Alliierten gegründet, um die Bestrebungen westdeutscher Kommunisten im Auge zu behalten. Dieser Verfassungsschutz leistete sich eine hübsche Serie von Affären, die in dem völligen Versagen der Behörde bei der Aufklärung der NSU-Morde gipfelte. "Es war nicht alles Gold" titelte die Tageswegschau in ihrem Bericht zum Jubiläum. Ich möchte da schon auf ein anderes, würdigeres Ereignis aufmerksam machen, von dem ich bereits ausführlicher geschrieben habe. Am 8. November 1965 wurde der deutsche Whistleblower Werner Pätsch wegen "vorsätzlicher Verletzung der Amtsverschwiegenheit" verurteilt. Der BfV-Mitarbeiter Pätsch hatte Beweise für die Zusammenarbeit von CIA und Verfassungsschutz gefunden und an die Öffentlichkeit gebracht. Was den Verfassungsschützern verboten war, übernahmen die Kollegen der CIA. Was 2013 galt, ist heute immer noch gültig: Die Akten zum Fall Pätsch sind nach wie vor nicht einsehbar, "da aus dem Akteninhalt auf konkrete, noch heute relevante Arbeitsweisen und Organisationseinheiten des Bundesamtes für Verfassungsschutz geschlossen werden kann." Wer glaubt, dass dies alles Geschichten aus der Vergangenheit sind, sollte sich nicht mit der Geschichte des US-amerikanischen Whistleblowers Mark McConnell beschäftigen, der über die in den USA verbotene Zusammenarbeit von CIA und FBI aufklären wollte.

Noch immer befinden wir uns im "Lockdown light": In der Öffentlichkeit dürfen sich maximal zwei Haushalte treffen, die Restaurants sind geschlossen und Hotelübernachtungen sind nur mit triftigen beruflichen Gründen gestattet. Auch private Busreisen stehen unter den üblichen Sicherheitsmaßnahmen. Dennoch durften sich gestern nach einer Entscheidung eines Bautzener Gerichtes rund 16.000 angereiste Covidioten in Leipzig versammeln und für ihre verschwurbelten Weltbilder demonstrieren, natürlich ohne den Mindestabstand zu wahren und Mundschutz zu tragen. Die Versammlung wurde zwar relativ schnell für beendet erklärt, weil die Auflagen nicht eingehalten wurden, doch seitdem brodelt es in der Stadt, durch die Querdenker-Demotrupps recht lautstark ziehen. Man könnte sagen, dass sie sich in Clustern bewegen, auch wenn sie sicher ohne Corona-App durch die Straßen laufen. Die Differenz zum übrigen Deutschland, in dem sich die Mehrheit der Deutschen vernünftig verhält und achtsam miteinander umgeht, könnte nicht größer sein.

Das zeigt auch der heutige Tag, immerhin ein Tag der offenen Tür: Es gibt eine Live-Pressekonferenz für Kinder mit Thilo dem Jüngsten, das Bundespolizeiorchester spielt. Familienministerin Giffey liest für die Kleinen aus ihrer Dissertation und Landwirtschaftsministerin Klöckner zeigt ihren Stall oder war das andersrum? Das passiert alles auf den vielen, vielen Kanälen, in denen die Bundesregierung den virtuellen Kontakt zum Bürger hält. Die obligaten Hüpfburgen und Bratwürste fehlen, auch das Klettern in oder auf Polizeifahrzeuge ist diesmal nicht zu machen. Dafür bekommt jeder Besucher die neue Regierungs-App auf sein benutztes Endgerät, um noch besser informiert zu sein. Darf das heile Bild gestört werden? Aber sicher, denn mündige Bürger haben schließlich jeden Tag einen Tag der offenen Tür bei Frag den Staat. Da kann man dann das Lagebild des Krisenstabes zu dieser Coronageschichte einsehen.

Doch das letzte Wort hat natürlich der größte aller Barden, für den alten Geist #45 in einem weißen Haus:

Life's but a walking shadow; a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is herad no more: It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signify nothing. (Macbeth V,5)

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Was ist Leben?
Ein Schatten, der vorüber streicht! Ein armer Gaukler,
Der seine Stunde lang sich auf der Bühne
Zerquält und tobt; dann hört man ihn nicht mehr.
Ein Märchen ist es, das ein Thor erzählt,
Voll Wortschwall, und bedeutet nichts.

(jk)