Was war. Was wird.
Die gute Laune kann einem schon vergehen, wenn intergalaktische Pizza-Boten ihren Dienst einstellen, der Hammer nicht mehr kreist und Energiekonzerne die Matrix beherrschen, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ich bin unleidlich. Vor wenigen Tagen noch schien der Frühling auszubrechen, nun herrscht auch auf der norddeutschen Tiefebene wieder die Kälte, und, unterbrochen von kälteklirrenden Sonnentagen, meist auch der Regen und wohl bald wieder der Schneematsch. Es reicht aber jetzt, der Winter dauert schon zu lange, der Blick schweift auch in der Samstagnacht aus dem Fenster hinter dem Bildschirm durch leergefegte Straßen, statt mit Wohlgefallen auf lärmenden Menschen in den Gärten der Kneipen zu ruhen, die es sich in der wohlig warmen Abendluft gut gehen lassen. Dafür dann Olympia-Dauerberieselung im TV mit Volksmusik als Alternative sowie Wiederholungen von idiotischen Komödien, die schon im Kino floppten. Auch dass intergalaktische Pizza-Boten absehbar nicht mehr ihre Ware vor die Tür liefern sollen, hebt die Laune nicht gerade. Die Hoffnungen der Futurama-Fans allerdings machen auch nicht gerade lachen, zumindest nicht angesichts eines Rupert Murdoch, der mit seiner News Corporation und Fox TV bislang nicht gerade als großer Demokratie-Freund bekannt wurde, wenn's um seine Geschäfte ging.
*** Ich bin also unleidlich. Das ist auch kein Wunder, selbst wenn man vom Wetter absieht: Der schöne Beruf des Journalisten entwickelt sich noch endgültig zu einer rufschädigenden Bezeichnung, und das nicht nur wegen Leuten wie Rupert Murdoch, der selbst eine ehrwürdige Einrichtung wie die Londoner Times praktisch zu Grunde richtet. Ähnliches scheint dem stern zu widerfahren. Wenn das einstige Aushängeschild des westdeutschen Illustrierten- und Reportage-Wesens sich online plötzlich auf etwas stützt, was als shortnews bekannt wurde, kommt man ins Grübeln. Stan "the man" Sugarman, bei Gruner + Jahr erst so genannter Channel-Verantwortlicher und damit auch Aus-der-Taufe-Heber des inzwischen endgültig eingestampften Computer-Channels, nun Multimedia-Vorstand bei eben diesem Verlag, spricht von einer "Überarbeitung der journalistischen Inhalte" bei stern.de und meint, nun könne jederman und jedefrau "online veröffentlichte Neuigkeiten zu Nachrichten formulieren". Schön gebrüllt, Löwe, ich bin schon gespannt auf die aus veröffentlichten Neuigkeiten formulierten Nachrichten, die sich solches Schönsprech bedienen. Aber Schönsprech haben auch andere gelernt, man muss nicht nostalgisch veranlagt sein, um angesichts der Werbespots für den neuen iMac den rotbehosten und den Hammer schwingenden Frauen nachzuweinen. Der Kampf von Apple gegen Big Brother ist lange her. Heutzutage kaufen Firmen-Lobbyisten lieber gleich ganze Nachrichtenagenturen. Die Absichten von Hunzinger, unter anderem schon mit Lobby-Aktivitäten für Microsoft unangenehm aufgefallen, ddp zu kaufen, führten zu einem weichgespülten Dementi der Kirch-Gruppe, zu der die Agentur momentan gehört: Man suche keinen Käufer, sondern nur einen starken Partner. Ob allerdings Kirch oder Hunzinger der bessere Inhaber für eine Agentur ist, die eigentlich Nachrichten liefern soll, sei an dieser Stelle einmal nicht weiter untersucht. Auf interessante Formulierungen dürfen wir jedenfalls so oder so gespannt sein.
*** Ohne die Unleidlichkeit jetzt zu weit treiben zu wollen, muss ich doch darauf hinweisen, dass ich es schon einmal geschrieben habe: Die Geschichte lehrt uns, dass sie uns nichts lehrt. Aber manchmal ist er nützlich, der Blick zurück. Es muss ja nicht bis in das Jahr 1890 sein. So alt soll nach dem Streit von Technikhistorikern die erste computerbasierte Mail sein: Zwei Verliebte, die an Hollerith-Maschinen mit der Auswertung der Volkszählung beschäftigt waren, schrieben heiße Schwüre auf Lochkarten, als sie in verschiedenen Schichten arbeiten mussten. Gut, der Computer ist noch nicht komplett zu nennen. Es fehlte zum Beispiel der Bildschirm auf der Basis der Kathodenstrahlröhre, deren Prinzip Ferdinand Braun gestern vor 105 Jahren veröffentlichte. Ist das historische Datum obsolet, wo heutzutage alle Welt vor LC-Displays (vulgo LCD-Bildschirmen) sitzt und klobige Monster allenfalls im 3D-Bereich geduldet sind, wo aus 3D-Display gleich 4D und D4D addiert werden können? Nun, zumindest ist Ferdinand Braun ein Beispiel für die schädliche Wirkung von Patenten: Weil es Streitigkeiten um seine Patente gab, fuhr er 1914 in die USA, wurde vom Krieg überrascht und starb verbittert in New York im Jahre 1918. Als "tragisch" wird auch die Geschichte des Wallace Carothers erzählt, der heute vor 65 Jahren das Patent auf Nylon einreichen konnte, mit dem DuPont viel Geld verdiente. Wenige Wochen nach der Abgabe der Patentschrift entfernte sich Carothers mit Zyanid aus dem Genpool der Menschheit, und wer das für eine zynische Referenz an die Humoristen der Darwin Awards hält, hat unrecht. Carothers hielt sich für einen Versager und wollte versagende Nachkommen verhindern, was nicht ganz gelang. Seine Tochter war schon unterwegs. Das für Zahnbürsten und ähnliches entwickelte Nylon zog nicht nur Frauen an, sondern auch Patentstreitigkeiten.
*** Ich hör sie schon, die Quengeleien der Unleidlichen, was das alles denn nun mit den Computern zu tun habe. Richtig, nichts. Anfang der 70er Jahre beschäftigte sich der der britische Ingenieur Sam Fedida vom Post Office Research Centre mit dem Problem, wie man ein Computerterminal mit einem Fernsehgerät kreuzen könnte. Sein "Viewdata Timesharing Common Carrier" genanntes System wurde im September 1975 der Öffentlichkeit vorgestellt und bald in Prestel umgetauft, nach der Klötzchengrafik, die das System produzierte. In England wurde seine Idee sofort patentiert, weshalb das Patent heute abgelaufen ist. In Amerika gab es kein Patent, weil Fedida vergaß, den Patentantrag ausreichend zu frankieren. Es wurde später nachgereicht. Eine Firma, die die Idee von Viewdata aufgriff und weiterwentwickelte, war IBM. Sie hatte sich einen Auftrag der Deutschen Bundespost zur Entwicklung eines BTX-Systems geschnappt und produzierte die Technik unter dem Namen Trintex. In den USA war das Geschäft mit Fernsehern und Decodern ein völliger Flop, bis IBM Trintex für den Computer modifizierte und in Prodigy umbenannte. Prodigy startete 1989 mit einem Marketing-Etat von 500 Millionen US-Dollar und der Schlagzeile "Finally, what the PC was invented for". Heute streitet sich die British Telecom, Nachfolger vom Post Office, mit den Nachfolgern von Prodigy, wer für den unermesslichen Schaden aufkommen könnte, der mit der Idee der verknüpften Klötzchengrafik entstand, die Seite um Seite den Bildschirm füllen sollte.
*** Unleidlich sind allerdings auch andere Herren, wenn auch wohl in einer anderen Liga spielend, um etwas zu meinen Gunsten anzuführen. Mit einer Software namens Matrix führte der Energiekonzern Enron Buch über die Hebel und Politiker, die man in Washington schmieren konnte. Das I/O-Modul könnte auch bei Microsoft arbeiten. Derweil wurde eine E-Mail entdeckt, mit der Enrons Chefbuchhalter Causey bei den findigen Wirtschaftsprüfern von Arthur Andersen anfragte, ob mit einer Spende von 500.000 US-Dollar die Änderung von Buchhaltungsregeln beeinflusst werden könnte. Das Geld erhielt das International Accounting Standard Board unter dem Vorstand Paul Volcker. Der Mann ist heute Leiter der Kommission, die die Arbeit von Arthur Andersen unter die Lupe nehmen soll. Wie sich diese Querverweise wohl in Matrix abbilden lassen?
*** Wo ich nun schon fast alle Fan-Gruppen in meine Unleidlichkeit einbezogen habe: "Nichts, jedenfalls nichts Großes, Schweres, oder Verantwortung Beanspruchendes gehörte ihnen." Peter Handke hat sich ja schon einiges geleistet, auch ein neues Buch, und nun beschimpft er auch noch die Linux-Gemeinde? Nun ja, so war es nicht gemeint, hätte aber so gemeint sein können, und das für alle Gemeinden, ereiferten sie sich nun für oder gegen den Mac, Linux, Microsoft, Java, C#, AMD, Intel, C64, Altair: "Wir werden nun Schimpfwörter gebrauchen, die Sie gebrauchen. Wir werden niemanden meinen. Wir werden nur ein Klangbild bilden. Sie brauchen sich nicht betroffen zu fühlen." Da ist sie also doch, die Theorie der IT-Religionskriege: Und das Ergebnis der Analyse ist, wie ihr Gegenstand, nur weißes Rauschen. Ende der Geschichte, geschrieben schon 1965.
Was wird.
Aber alles wird gut, natürlich. So sicher, wie der Tod von Tron wohl kein juristisches Nachspiel haben dürfte, so sicher sind immer wieder unsere PR-Flaks unterwegs und beschießen uns mit unsinnigen Pressemeldungen, die sie gleich selbst ad absurdum führen. Wenn united-domains einmal mehr eine Vorregistrierung für eine noch nicht existierende Domain lautstark einläuten, sehen sie sich schon selbst dazu veranlasst, unsereins die Mühen eines blöden Kommentars abzunehmen: "Eine tatsächliche Registrierung der Wunsch-Domain können wir natürlich nicht garantieren. Doch werden wir alles daran setzen, beim Beginn der Registrierungsphase für unsere Interessenten ein optimales Ergebnis zu erzielen." Ah ja, man merkt, es ist Pre-CeBIT, Firmen-Presseabteilungen, PR-Agenturen, Lobbyisten und andere Pressure-Groups laufen zu ungeahnt schlechter Form auf. Wenn das so weiter geht, sehe ich schwarz: Jedem schlägt seine Stunde. Manchem früher, machem später. Aber alles wird gut. Einiges ist jedoch einfach nur kalter Kaffee. (Hal Faber) / (jk)