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Was war. Was wird.

Von Pompeji bis Dresden scheint es nur ein kleiner Schritt zu sein. Gilt das Gleiche für Schröder und Stoiber? Beide gehören nach Ansicht der Konkurrenz keiner Internet-Partei an. Nichts aber liegt Hal Faber ferner als die Demontage der Demokratie.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Was war, war nicht von kühlem Schlamm, sondern von der heißen Sorte: Am 24. August vor 1923 Jahren begann der Vesuv damit, das Leben in der Stadt Pompeji zu beenden. Plinius der Jüngere beschrieb das Ereignis einer entfesselten Natur, die seinen Onkel, den alten Plinius das Leben kosten sollte. Jener Plinius war einer der Ersten, der den Bauplan einer vernünftigen Natur erkunden wollte. Sein Glaube an die Beherrschbarkeit der Natur ehrt ihn, kostete ihn aber das Leben. In diesen Tagen sitzt das Klima und besonders die gut ausgebaute Elbe auf der Anklagebank. Der Fluss produziert eine "beispiellose Jahrtausendflut" -- und ganz nebenbei die Hoffnung, dass nun endlich wächst, was zusammengehört, das trockene West- und das gebeutelte Ostdeutschland. Aber was ist schon beispiellos? An dieser Stelle sei an die Loire erinnert, einen einst felsenreichen Fluss, aus dem der Herzog von La Feuillade alle Felsen wegsprengen ließ, um mehr Einnahmen aus der Schifffahrt zu erzielen. Die Folge waren regelmäßig wiederkehrende Fluten, in denen Zehntausende starben -- und ein lakonischer Satz des Herzogs Saint-Simon: "Die Ursache wurde genau erkannt, aber sie war nicht wieder aus der Welt zu schaffen." So schießen wir zur besseren Erkenntnis die Second Generation in die Luft.

*** Was aus der Welt geschafft werden kann, das ist der Eindruck, ich mache mich über die kommende Bundestagswahl zwischen "oh, oh"-Schröder und "ha, ha"-Stoiber lustig, noch dazu auf Kosten diverser Minderheiten. Nichts liegt mir ferner als die Demontage der Demokratie. Heute Abend, wenn der letzte Leser dieser Kolumne sich schaudernd von den Links im Misthaufen Internet abgewendet hat, startet das erste große, ganz ernsthafte TV-Duell. Da kann man mit der SPD im Erftkreis tippen, wie viele "Ähms" Herr Stoiber zusammenbringt. Eigens dafür wurde die Internet-Adresse Aehms salonfähig und klingt auch besser als das Schwarzbuch Stoiber. Bei der CDU wird gezählt, wie oft Herr Schröder "Ich will mal sagen" im Duell zückt. In der Spaßgesellschaft muss ein Duell halt Spaß machen bis zur letzten geschleuderten Sahnetorte. Insofern ist Wiglaf Droste ein Miesmacher, obwohl er Recht hat. Was wirklich angesagt ist, beweist die "Premium SMS Applikation Kanzlerwahl" der Rate One GmbH mit der wahrhaft demokratischen Belehrung: "Die Stimmabgabe erfolgt vom Handy per SMS an die Kurzwahl 72857 mit dem Inhalt 'Wahl' gefolgt von A für Schröder, B für Stoiber oder C für Westerwelle. Im Gegensatz zur echten Wahl sind Mehrfachstimmen erlaubt!". Ja, so soll es sein, eine A-Partei, eine B-Partei und eine mit dem C, weg mit den ganzen Programmen, dem C für Christlich und dem S für Sozialdemokratisch. Denn das steht nun für Short Message und die Mehrfachstimmen ohne D-, E- und F-Partei sind einfach ökologisch gerecht. So ist das mit dem Wählen.

*** "So what?", bläst mir Miles Davis da den Marsch. Wie wäre es, wenn die Kreuze des Herzens bei der Partei gemacht werden, die die beste WTC-Verschwörung präsentiert? Oder man geht nach den Klammotten, wie es eine Focus-Studie vorschlägt: Zegna/Cerutti (SPD) kontra van Laack/Burberry (CDU), assistiert von Cinque (FDP), Kenzo (PDS) und Prada (Grüne). Turnschuhe sind jedenfalls out. Noch in der vergangenen Woche stand er da, der Satz von der Internetpartei FDP. Doch dann kam die Frankfurter Rundschau und schrieb im Portrait "Unser Kanzler Guido" über den Straftatbestand der Beleidigung des Geistes. Nun ist das Dokument eines mit 18 % gefüllten Hirnes nur noch im Cache von Google zu haben: "Das Internet kennt keine Grenzen, kennt keine Zensur. Deswegen ist das Internet das Medium des Liberalismus schlechthin. Darum ist die FDP die Internetpartei in Deutschland." Tja, darum ist Westerwelle draußen und Vobis dabei, obwohl der Slogan "Make Pici not War" gleich mehrere geistige Straftatbestände erfüllt. Aber vielleicht ist der Vobis-Unsinn ein subtiler Kommentar zu Spiegel Online, das uns in seinem Wahl-Special seit Tagen immer wieder mal mit einem seltsamen Bild begrüßt. Darth Vader mit Bierkrug als Illustration von "alles, was Sie zur Bundestagswahl wissen müssen" -- das hat was.

*** "Some people without brains do an awful lot of talking, don't they?" Heute vor 63 Jahren kam der "Wizard of OZ" in die Kinos, damals als Flop tituliert, weil Judy Garland statt der vorgesehenen Shirley Temple die Hauptrolle spielte. Aber nein, die Hauptrolle gebührt dem Büchsenmann, dem Ur-Roboter, gespielt von Buddy Ebsen, der mit Metallfarbe lebensgefährlich vergiftet wurde. Ja, ich liebe Filme, und diesen Wizard ganz besonders, weil er so passend von den "Wizards of OS" abgeleitet ist. Ja, das Internet ist vielleicht moralfrei, dafür aber ganz sicher das witzigste Betriebssystem aller Zeiten. Der in unserer kleinteiligen IT-Welt wichtigste Film hatte aber erst vor 15 Jahren Premiere: Damals stellte Apple sein Video zum "Knowledge Navigator" vor, produziert von Doris Milsch und Hugh Dubberly nach den Ideen der üblichen Verdächtigen, Nicholas Negroponte und Alan Kay. Ein Film, der zu genialen Unfällen wie dem Newton und soliden Produkten und Betriebssystemen führte. Sicher wird eines Tages der Knowledge Navigator in der Tradition der großen Computerfilme stehen, die heute noch nützlich sein können.

*** Heute ist der 89. Geburtstag von Walt Kelly, begnadeter Zeichner und Schöpfer von Pogo. Gemeint ist nicht die Programmiersprache, die seinerzeit die Atari-Fraktion schwerstens begeisterte, sondern ihr Vorläufer, eine Kunstsprache in der Verpackung eines Cartoons. Mit Pogo verständigte man sich in den USA über die Kommunistenhatz von Simple J. Malarkey (Senator Joseph McCarthy) und andere Misslichkeiten. Und, wie aktuell: Zu US-Wahlen zeichnete Walt Kelly die Politiker als Maschinenpüppchen, die Unsinn quasselten. Walts Motto: "Don't take life so serious, son -- it ain't no how permanent." Heute ist Pogo vergessen, auch wenn es Pogo-Shops gibt. Aber im Internet gibt es halt gar viele Shops.

Was wird.

Böse geht es in der Welt zu, jedenfalls dann, wenn man dem Interview von Till Meyer mit his AMMnes in der Jungen Welt Glauben schenkt. Wo die Datenvermeidung nicht greift, und nützliche Daten in Gefahr sind, bekommt der Datenschutz Arbeit. Morgen startet zu Kiel die traditionelle Sommerakademie der Datenschützer, die das Recht auf Anonymität festigen soll. Diesmal ist es ironisch, was die Nordlichter machen: Etwas nördlicher, in Dänemark werden die Geschäfte der EU betrieben. Dort arbeitet man im Projekt "Sicherheit ohne Grenzen" an einer Gesetzes-Vorlage so richtig nach dem Geschmack von Interpol und Co, mit der die Mindestspeicherzeit von privaten Telefonverbindungsdaten auf ein Jahr festgelegt wird.

Dass die Mathematik zum Krieg gehört, ist seit dem ersten Versuch des Menschen, eine Flugbahn zu berechnen, eine feste Größe. Ohne Mathematik keinen Krieg, ohne Krieg keine Fortschritte der Mathematik. Mit diesem feinsinnigen Thema beschäftigt sich nördlich von Kiel eine wissenschaftliche Konferenz in Karlskrona, die von dem Krypto-Knacker Alan Turing bis zum Cyberwar der neuesten Generation alles abdeckt. Mit Nicolas Bourbaki nimmt ein Mathematiker teil, dem sich ein Hal Faber natürlich verbunden fühlt.

Ein Datum hätte ich noch, ein ganz leises, ein ganz schüchternes Datum aus dem längst vergangenen Jahrhundert. Am 28.8.1987, der Knowlegde Navigator war gerade in der Welt, erschien auf Seite 3 im Neuen Deutschland ein viel wunderlicheres Gebilde, als alle Wissenspeicher türmen können: "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit", vulgo späterhin als SPD-SED-Papier bekannt. Der "Wisch" (Honecker) versuchte nach langer, langer Zeit, die Position beider Deutschlands zu vermitteln: "Dialog ist dort am nötigsten, wo er unmöglich erscheint." Aber was ist schon ein Dialog, wenn nicht eine ausgestorbene Kommunikationsform des vergangenen Jahrhunderts? Was heute zählt, ist das Duell, von Oh und Ha und überhaupt: "Die Ente bleibt!" "Herr Klöbner!" (Hal Faber) / (jk)