Telekom-Chef Sommer gerät erneut unter Druck
Es ist schon fast ein Ritual. Immer wenn die T-Aktie abstürzt und neue Tiefststände erreicht, werden die Rufe nach Ablösung von Ron Sommer laut.
Es ist schon fast ein Ritual. Immer wenn die T-Aktie abstürzt und neue Tiefststände erreicht, werden die Rufe nach seiner Ablösung lauter: Ron Sommer muss weg, fordern Kleinaktionäre, und Politiker werden mit dem Telekom-Chef zunehmend ungeduldiger. Innerhalb von zwei Jahren wurden durch den Kurssturz fast 300 Milliarden Euro vernichtet. Erstmals seit ihrem Börsengang kürzt die Telekom wegen hoher Verluste die Dividende.
Und die Pechsträhne reißt nicht ab: Am Mittwoch eröffnete die EU-Kommission ein Kartellverfahren gegen die Telekom wegen mutmaßlicher Ausnutzung ihrer marktbeherrschenden Stellung. Hintergrund ist der erschwerte Zugang zum Telefon-Ortsnetz für die Konkurrenz. Das Unternehmen verlange von den Wettbewerbern höhere Gebühren auf der Vorleistungsstufe als von seinen eigenen Endkunden, rügen die Brüsseler Wettbewerbshüter. Telekom-Sprecher Stephan Broszio nennt diese Vorwürfe nicht nachvollziehbar. Schließlich seien die gesamten Produkte in dem Bereich reguliert. Warum zudem ausgerechnet Deutschland ins Blickfeld gerate, sei unverständlich. Die Telekom habe schließlich 700.000 Teilnehmeranschlussleitungen (TAL) vermietet, während es in den übrigen EU-Ländern weniger als 100.000 seien. "Unsere Preise liegen am unteren Ende."
Dass die Telekom im Ortsnetz mit einem Marktanteil von mehr als 90 Prozent weiterhin über ein Quasi-Monopol verfügt, passt auch der deutschen Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post nicht. Aber sie hat dem Unternehmen erst vor wenigen Wochen den TAL-Mietpreis (12,48 Euro) genehmigt. Macht die Konkurrenz in diesem Bereich Boden gut, würde die Telekom im Festnetzgeschäft weitere Erträge verlieren.
Durch das Vorgehen Brüssels gerät Vorstandschef Sommer weiter unter Druck. Ohnehin wird der Manager in diesen Tagen einmal mehr für den Schlamassel einer gesamten Branche verantwortlich gemacht. Der Zeitpunkt ist günstig: Ende Mai hält die Telekom ihre jährliche Hauptversammlung ab. Und Sommer steht wieder im Fadenkreuz der Kritik. Sowohl die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) wie auch die Schutzgemeinschaft für Kleinaktionäre (SdK) kündigten bereits an, den Vorstand nicht zu entlasten. "Es gibt überhaupt keinen Anlass für Rücktritts-Spekulationen", sagt ein Konzern-Sprecher entnervt. In einem Interview mit dem "Manager-Magazin" stärkte auch der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dietrich Winkhaus dem umstrittenen Manager den Rücken: "Ron Sommer ist ein guter Chef", sagte er der Online-Ausgabe des Magazins.
Wer den Job an der Spitze der Telekom übernehmen könnte, darauf wissen auch Experten keine Antwort. "Was sollte ein neuer Vorstandschef denn anders machen?" fragt Hans Huff, Telekom-Analyst der Berliner Bankgesellschaft. Ein neues Aushängeschild könnte ein positiver Image-Gewinn sein, heißt es bei der DSW. Gerade die gescheiterte internationale Expansion hatten Börsianer und Aktionärsschützer Sommer lange Zeit vorgehalten. Der kostspielige Ausbau des Konzerns zum Global Player, der Erwerb von sündhaft teuren UMTS-Mobilfunklizenzen, vor allem in Deutschland, habe die T-Aktie zum Absturz gebracht, sagen sie. Hinzu komme die enorme Verschuldung des Unternehmens.
Tatsächlich ist die Entwicklung der T-Aktie für Sommer zu einem Albtraum geworden. So fiel die einst beliebte Volksaktie in dieser Woche auf ein Allzeittief von 12,38 Euro. Aber die Telekom steht nicht alleine da. Alle Konkurrenten haben Federn lassen müssen -- die britische Vodafone ebenso wie die hoch verschuldete France Télécom, die niederländische KPN oder die spanische Telefonica. Oliver Pfluger von der WGZ-Bank nennt das "Sippenhaft" und Sommer "Liebesentzug durch die Finanzmärkte". Schlechte Zahlen bei einem Unternehmen schlagen gleich auf die Aktienbewertung der anderen durch, besonders dann, wenn es um die Ertragsaussichten im künftigen UMTS-Mobilfunkgeschäft geht.
Angesichts der Malaise in der Branche hat sich die Telekom mit der Anhebung der Vorstandsbezüge um 90 Prozent auf 17,4 Millionen Euro einen Bärendienst erwiesen. Die Kleinaktionäre sind frustriert und Zoff auf der Hauptversammlung ist programmiert. Doch auch das gehört zu den Ritualen, wenn es am Ende des Aktionärstreffens wieder heißt: "Herr Sommer, ein Autogramm, bitte." (Peter Lessmann, dpa) / (jk)