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Was war. Was wird. Vom Leben im Metaverse und im Länd

Facebooks dystopisches Metaverse errichtet die neuen Klowände des Internets, auf denen alle alles absondern können. Vom neuen Logo bekommt Hal Faber Migräne.

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Wer sich an Halloween nicht gruselt, kann die Facebook Papers durchlesen oder dieses komische Metaverse näher betrachten – vor beidem kann man sich trefflich gruseln.

(Bild: Thomas Wittwer / shutterstock.com)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Rübe hohl und Kerze rein, feiern wir ausgeschlafen Halloween, dieses gruselige Fest, das die Christen den alten Kelten untergejubelt haben – oder so. Denn Anlässe zum Gruseln und Unterjubeln gibt es ja immer, auch wenn sich Microsoft nicht mehr vor Linux gruselt wie damals bei den Halloween Papers. Heute gibt es die Facebook Papers und dieses komische Meta, vor dem man sich trefflich gruseln kann. Natürlich gibt es unerschrockene Geister wie Neal Stephenson, der tapfer darauf hinweist, dass sein von ihm erfundenes Metaverse nichts mit den dystopischen Plänen von Facebook zu tun hat, sondern in der heiteren Welt von Snow Crash angesiedelt ist. Kurzer Kommerz-Disclaimer: Das 1992 erschienene Buch ist in dieser Woche in einer lesenswerten neuen Übersetzung erschienen. Neal Stephenson hätte sich auch schon 2008 beschweren können, als die Uni Stanford das Metaverse okkupierte. Hier wird wohl Mark Zuckerberg die Idee geklaut haben oder eben hier, sollte er wirklich längere Texte lesen. Jedenfalls sind Welten aus dem Computer seit langem bekannt und keine wirklich neue Sache.

Des Ländle hedd a Werbefilmcha broduziera lassa, des so beinlich isch, dess es gloi haufenweise Schbodd uf sich gzoga had.

*** Natürlich lesen wir Meta im deutschen Kontext ganz anders, denn schließlich produziert unser Weltmarktführer Meta die wunderhübschen WC-Trennwände, die Meta geschmackssicher als "Privacy Solutions" verkauft. Nennen wir die Dinger einfach Klowände und hopplahopps sind wir bei den "Klowänden des Internet", bekannt und berühmt seit dem Jahre 2006, als der Werber Jean-Remy von Matt schrieb: "2. Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)" JR von Matt war seinerzeit schwerstens beleidigt, weil er mit der Werbekampagne Du bist Deutschland haufenweise Miesepetrigkeit kassierte, nicht nur wegen des Logos der Kampagne, das an einen Hundehaufen erinnerte. Apropos Logo: Was der schmerzfreie Mark Zuckerberg sich da für seinen Firmen-Überbau Meta als Logo ausgesucht hat, stammt von der deutschen Migräne-App M-Sense.

Videos by heise

*** Ja, was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Vielleicht ist es die unfassbare Blödheit der Werbung? Nach "Du bist Deutschland" ist jetzt "The Länd" angesagt. Man nehme nur das peinliche Werbevideo für The Länd, produziert von der Werbeagentur Jung von Matt Neckar. Die 21 Millionen Euro teure Werbekampagne für Baden-Württemberg soll merkfähig sein, "alleinstellend, selbstbewusst, durchaus wieder selbstironisch, in allerschönstem T-Shirt-Englisch, und eben weltweit verständlich." Ja, das klingt schon anders als der alte Claim "Mir kenned älles aussr Hochdeitsch". Die neue Werbung ist jedenfalls so verständlich geworden, dass es bereits "Parodien" wie The Cäsh gibt, pünktlich zu den am 1. November startenden Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst. Ein Lied gibt es auch schon: This Länd is your Länd, this Länd is my Länd, from Bäden-Bäden to Lindau-Isländ... Das erklärte Ziel der Kampagne ist die Anwerbung von Fachkräften, die nach "The Länd" ziehen sollen. Sicher sind wieder Brommhommler, Bruddler und Kudderer da, wie Miesepeter im Länd genannt werden.

*** Fragen wir noch einmal: Was berechtigt jeden Computerbesitzer, seine Meinung zu veröffentlichen? Eine etwas gewundene Antwort könnte einige Menschen verunsichern. Nachdem der 92-jährigen Jürgen Habermas über die Rolle von Plattformen wie Twitter und Facebook nachgedacht hatte, schreibt er: "Für die Medienstruktur der Öffentlichkeit ist dieser Plattformcharakter das eigentlich Neue an den neuen Medien. Denn damit entledigen sich die Plattformen jeder produktiven Rolle der journalistischen Vermittlung und Gestaltung von Programmen, die die alten Medien wahrnehmen; insofern sind die neuen Medien keine 'Medien' im bisherigen Sinne. Sie verändern auf radikale Weise das bisher in der Öffentlichkeit vorherrschende Kommunikationsmuster. Denn sie ermächtigen alle potentiellen Nutzer prinzipiell zu selbständigen und gleichberechtigten Autoren. Die 'neuen' unterscheiden sich von den traditionellen Medien dadurch, dass sich digitale Unternehmen diese Technologie zunutze machen, um den potentiellen Nutzern die unbegrenzten digitalen Vernetzungsmöglichkeiten wie leere Schrifttafeln für eigene kommunikative Inhalte anzubieten. (...) Sie produzieren nicht, sie redigieren nicht und sie selektieren nicht; aber indem sie als 'unverantwortliche' Vermittler im globalen Netz neue Verbindungen herstellen und mit der kontingenten Vervielfältigung und Beschleunigung überraschender Kontakte inhaltlich unvorhersehbare Diskurse anstoßen und intensivieren, verändern sie den Charakter der öffentlichen Kommunikation tiefgreifend."

*** Das lange Zitat von Jürgen Habermas stammt aus einem Sammelband zum neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Es zeigt jedenfalls, wie modern der Philosoph sein 1962 erschienenes Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" interpretiert. Das hat in dieser Woche vielen gefallen, von der tageszeitung bis zum Spiegel. Hinter einer Bezahlschranke räsoniert sogar die FAZ über die wüsten Geräusche "in fragmentierten, in sich selbst kreisenden Echoräumen". So gesehen ist es doch schön, wenn sich ein 92-jähriger Autor 59 Jahre nach seinem erfolgreichsten Buch von jüngeren Denkern anregen lässt, die sich mit der Plattformökonomie befassen.

*** In dieser Woche haben alle deutschen Minister und die Bundeskanzlerin die Urkunde darüber erhalten, dass sie aus dem Dienst für dieses unser Land entlassen sind und somit nur noch geschäftsführend im Amt sind. So führen einige ihr Geschäft, während andere zu den Gipfeln fliegen, sei es nach Rom (G20) oder Glasgow (COP26). Andere versuchen es mit Englisch: "Boostern sie ihren Impfschutz für den Winter" und ernten damit Kritik und den derzeit so beliebten Vorwurf der Fake News. Was ungerecht sein kann, denn neben der Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff gegen Corona sind auch die Impfungen gegen die Grippewelle angelaufen.

Denn die einen sind im Dunkeln
Und die anderen sind im Licht.
Und man sieht nur die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.

Was Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper andeutete, haben die kritischen InformatikerInnen als Motto ihrer Konferenz zur Selbstbestimmung in digitalen Räumen gewählt, die in München stattfinden wird. Wie bei Habermas geht es dabei um diese Plattformen, nur werden sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: "Informationstechnik verändert rasant, wie wir kommunizieren, denken, uns bewegen und handeln. Sie dringt in persönliche und zwischenmenschliche Bereiche vor und beeinflusst unser Verhalten, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Wo wir uns als handelnde Subjekte sehen, werden wir oft als Objekte vermessen, bewertet und behandelt. Auf Plattformen und in sozialen Netzen, in smarten Infrastrukturen und in Scoring-Systemen wirken höchst profitable Geschäftsmodelle, die wir kaum durchschauen, geschweige denn (selbst) bestimmen können." Die Frage stellt sich, ob man den Durchblick hat, alles durchschauen kann und Wege findet, wie es anders gehen kann. Der Verhaltensforscher Gerd Gigerenzer spricht über digitale Risikokompetenz, der Strafrechtler Christoph Burchard über das Zero Trust Paradigma, das z.B. bei der telematischen Infrastruktur 2.0 des Gesundheitswesens der Leitgedanke der nächsten Vernetzung ist. Die Supatopcheckerbunnies treffen sich im freien Süden, wie Bayern seit Neuestem vom höchsten Bayern genannt wird. Ganz ohne Werbekampagne.

Das Plakat der FIfF-Konferenz.

(Bild: FIfF)

(tiw)