IEA-Bericht: Warum die Erneuerbaren vor einem nie dagewesenen Boom stehen

In den kommenden fünf Jahren könnte enorm viel Solar- und Windkapazität hinzugebaut werden. Willige Politik stößt auf niedrige Kosten.

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(Bild: TimSiegert-batcam/Shutterstock.com)

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Von
  • James Temple

Die Erneuerbaren sind weltweit auf dem Vormarsch. Der Bau von Solaranlagen, Windrädern und anderen nachhaltigen Energiequellen wird in den nächsten fünf Jahren sprunghaft ansteigen, meinen Experten. Einer der Grüne: Viele Länder verfolgen eine strengere Klimapolitik und setzen sich ehrgeizigere Emissionsziele.

Laut dem neuen "Renewable Market Report" der Internationalen Energieagentur IEA wird die neuerrichtete Kapazität erneuerbarer Energien in diesem Jahr mit 290 Gigawatt einen neuen Rekord aufstellen. Diese Energiemenge entspricht in etwa dem Bau von fast 300 Kernreaktoren oder rund 150 Staudämmen von der Größe des Hoover Dam – und das trotz vieler Probleme in der globalen Lieferkette, steigenden Materialkosten und Einschränkungen bei Stromlieferungen in vielen Regionen.

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Bis 2026 wird die weltweite Kapazität der Energieerzeugung ohne fossile Brennstoffe um mehr als 60 Prozent gegenüber dem Jahr 2020 steigen, so die Prognose der IEA. Das entspricht einer Leistung von 4.800 Gigawatt und damit der Leistung aller fossilen und nuklearen Kraftwerke des Planeten aus heutiger Sicht. Darüber hinaus werden die erneuerbaren Energien in diesem Zeitraum 95 Prozent des gesamten Kapazitätswachstums im Stromsektor ausmachen.

Der Bau neuer Wind- und Solarkraftwerke bedeutet nicht zwangsläufig, dass die erneuerbaren Energien die fossilen Brennstoffe verdrängen, denn auch die Nachfrage nach Energie insgesamt steigt. Und es bleibt abzuwarten, wie schnell sich CO2-freie Energiequellen weltweit zur dominierenden Stromquelle entwickeln – und Kohle, Erdgas und andere klimaschädliche Energieträger verdrängen werden.

Zwar entfällt der größte Teil der neu errichteten Kapazitäten auf erneuerbare Energien, doch die Menge der Stromerzeugung aus diesen Quellen kann von Jahr zu Jahr erheblich schwanken – etwa je nach Wetterbedingungen oder Kostenstruktur. In den letzten Jahren ist die Stromerzeugung aus Kohle allerdings durchaus zurückgegangen, während Solar-, Wasser- und Windkraft laut dem Forschungsunternehmen BloombergNEF zugenommen haben. Tatsächlich entfiel das gesamte Wachstum der Stromerzeugung im vergangenen Jahr auf diese drei Quellen, während die Stromerzeugung aus Kohle-, Erdgas- und Kernkraftwerken zurückging.

Die Schätzungen der IEA für die Erneuerbaren im Jahr 2026 wurden nun deutlich nach oben korrigiert und liegen um mehr als 40 Prozent über den Prognosen des letzten Jahres. Als Gründe nannte die Agentur unter anderem die sich verbessernde Wirtschaftslage, stärkere nationale Verpflichtungen zur Emissionsreduzierung im Vorfeld der jüngsten UN-Klimakonferenz sowie innenpolitische Entwicklungen und vom Gesetzgeber angestrengte Maßnahmen.

Dazu gehörten die Verpflichtung Chinas, bis 2060 ein Netto-Null-Emissionsziel zu erreichen, die Verlängerung von Subventionsmaßnahmen in den USA im Rahmen des "Build Back Better"-Gesetzes der Biden-Regierung sowie die Bemühungen sowohl von Mitgliedstaaten als auch von Unternehmen in der Europäischen Union, die sich auf härtere Emissionsziele verpflichten. China, Europa, die USA und Indien werden fast 80 Prozent des Zubaus an erneuerbaren Energien ausmachen.

Trotz des Aufschwungs bei den erneuerbaren Energien ist die Welt jedoch noch weit vom Ziel entfernt, einen klimaneutralen Energiesektor aufzubauen, der letztlich notwendig ist, um die globale Erwärmung aufzuhalten. Damit die Länder dieses Szenario bis 2050 erreichen können, muss sich der durchschnittliche jährliche Zubau an erneuerbaren Energien gegenüber dem von der IEA für die nächsten fünf Jahre erwarteten Niveau sogar verdoppeln.

Dies erfordert unter anderem weitaus aggressivere klimapolitische Maßnahmen und Ziele, noch billigere Wind- und Solartechnologien und andere CO2-freie Energiequellen sowie die rasche Entwicklung neuer Technologien, die erforderlich sind, um den steigenden Anteil schwankender erneuerbarer Energien im Netz auszugleichen. Das heißt: Bessere Speicher müssen her – oder überhaupt welche.

(bsc)