Schweden: "Klimaschule" für Manager und Vorstände
Größere Energie- und Ressourceneffizienz spart Kosten in Unternehmen. In Schweden werden Führungskräfte ans Resilienzdenken herangeführt.
(Bild: Rawpixel.com / Shutterstock.com)
- Hanns-J. Neubert
"Es ist wichtig, die verbleibenden CO2-Budgets im Blick zu haben und nicht auf ein bestimmtes Datum für die Klimaneutralität fixiert zu sein“, fordert Karsten Kieckhäfer, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Supply-Chain- und Nachhaltigkeitsmanagement an der Fernuniversität Hagen. "Das gilt für Staaten und für Unternehmen." Üblicherweise geht es immer darum: Wie viel Prozent an Treibhausgase können eingespart werden? Wann sind wir klimaneutral?
Doch nur die Budgets zeigen, wie viel CO2 die Welt, ein Staat oder ein Unternehmen überhaupt noch ausstoßen darf, um die 1,5-Grad- oder auch die 2-Grad-Grenze der Erderwärmung nicht zu überschreiten.
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Würde es halbwegs gerecht zugehen, wäre Deutschlands Budget 3,3 Gigatonnen CO2. Im Jahr 2020 emittierte Deutschland aber immer noch 644,31 Megatonnen. In fünf Jahren müsste Schluss sein. Dabei ist die historische Schuld von 93,1 Gigatonnen CO2 seit Beginn der Industrialisierung noch nicht einmal eingerechnet.
Genau deshalb kritisiert Kieckhäfer auch die Beschlüsse der Glasgower UN-Klimakonferenz, bei denen es weiterhin nur um Reduktionsziele und Jahreszahlen geht, nicht aber um die verbleibenden CO2-Budgets.
Weniger Treibhausgase, höhere Profitabilität?
Dennoch sieht der Betriebswirtschaftler in der Industrie eine steigende Tendenz zur Einsparung von Treibhausgasen. Da ist zum einen nämlich die Drohung mit regulatorischem Druck durch die Politik, wofür möglicherweise die aktuelle Zusammenlegung von Wirtschaft und Klimaschutz in einem Ministerium stehen könnte.
Doch es gibt auch Motive, die der Profitabilität zugute kommen. Größere Energie- und Ressourceneffizienz spart Kosten und es gibt die Hoffnung, dass der Markt und die Verbraucherinnen und Verbraucher honorieren könnten, wenn Klimaschutz ein Unternehmensziel ist. Das aber kann dann gleichzeitig auch Teil eines Risikomanagements sein. Denn wie sich in der Ahrtal-Flutkatastrophe zeigte, führen klimabedingte Wetterkapriolen zu durchaus schmerzlichen Produktionsausfällen.
Ob ein Klimaengagement auch tatsächlich vom Markt belohnt wird, ist schwer zu sagen. "In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine Evidenz dafür, dass dem so ist", sagt Kieckhäfer. "Es ist aber nicht eindeutig, das muss man ganz klar sagen." So hat etwa VW nach dem Diesel-Abgasskandal höhere Gewinne eingefahren. Das lag aber eher daran, dass die zahlreichen Rabatte die Kunden zurück brachten, nicht an den Versprechungen, es in Zukunft besser machen zu wollen.
Bei Unternehmern die Motivation zum Klimaschutz wecken
Doch es gibt auch einige wenige Unternehmen, die aus Überzeugung nachhaltiger produzieren wollen. Manche davon setzen sich sogar ehrgeizigere Ziele, als die Politik sie vorsieht, so Kieckhäfer. "Das erhöht auch den Druck auf die Politik, entsprechende Rahmenbedingungen zu setzen."
Um die innere Motivation zu mehr Klimaschutz von Führungskräften großer Unternehmen zu wecken und zu stärken, gibt es in Schweden seit 2018 eine erfolgreiche "Klimaschule" für Topmanager und Vorstandsvorsitzende. Sie werden hier auf Universitätsniveau an ein Resilienzdenken herangeführt und lernen, was es mit dem globalen Wandel und den planetaren Grenzen auf sich hat. Die bisherigen Kursteilnehmer stehen immerhin für Unternehmen, die zusammen fast die Hälfte des schwedischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, die Hunderttausende von Menschen beschäftigen und Millionen Kunden weltweit erreichen.
Üblicherweise nehmen 16 Wirtschaftsbosse an einem solchen Klimakurs teil, der im November beginnt und im folgenden März endet. Es gibt drei persönliche Klausurtreffen, davon eines über zwei volle Tage. Dozenten sind namhafte schwedische und internationale Klimawissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperten.
Initiatorin war Lisen Schultz, Direktorin am Stockholmer Resilienzzentrum und Gründerin der ebenfalls daran beteiligten Pontus-Schultz-Stiftung für eine menschlichere Wirtschaft. Johan Rockström, damals auch einer der Direktoren des Resilienzzentrums und heute einer der beiden Direktoren des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, unterstützte sie maßgeblich bei der Entwicklung des Programms. Er ist nach wie vor als Dozent engagiert.
H&M, Husqvarna und mehr gehen in die "Klimaschule"
Zu den diesjährigen Teilnehmern gehören beispielsweise die Chefs von Stora Enso, dem zweitgrößten Forstunternehmen der Welt und einem der größten Papier- und Verpackungsmittelhersteller, und der Forst- und Gartengerätehersteller Husqvarna. Aber auch Helena Helmersson ist dabei, die neue Geschäftsführerin des Modekonzerns H&M, der sich in der Vergangenheit durch Greenwashing und Sozialdumping in den Zulieferländern ausgezeichnet hatte. Helmersson hatte sich aber 2020, kurz nachdem sie auf den Chefposten gerückt war, in einem Gespräch mit Johan Rockström auf Youtube als zukünftige Klima- und Sozialreformerin für ihr Unternehmen vorgestellt.
Ob die Klimaschulung tatsächlich zu einem Umschwung in schwedischen Großunternehmen führt, kann Schultz nicht wissenschaftlich evident belegen. Aber: "Wir sehen immerhin Beispiele für die Umsetzung. Ich denke, es ist auch fair zu sagen, dass diese CEOs vielbeschäftigte Leute sind. Sie würden sich nicht mit einem Problem wie diesem befassen, wenn sie ihr Wissen nicht umsetzen wollten."
Sie habe auch noch von keinem Unternehmen gehört, das dieses Programm in seiner Kommunikation als Greenwashing-Maßnahme verwendet hat. "Es ist gut, dass die Leute ihr Wissen erweitern", sagt sie. "Aber es ist noch nicht unbedingt ein Zeichen von Nachhaltigkeit, wenn man etwas über Nachhaltigkeit lernt."
Der Fisch stinkt vom Kopf her, heißt es in Norddeutschland. Vielleicht liegt es wirklich am Unverständnis für Emissionsbudgets und planetare Grenzen in den Führungsebenen von Unternehmen, dass sich nicht mehr tut. Denn nach wie vor ist die Industrie mit rund 43 Prozent der größte Emittent aller Klimagase weltweit. Was das CO2 angeht, so bleiben der Menschheit seit 2020 noch 300 Gigatonnen, um die Erderwärmung mit 83-prozentiger Chance unter 1,5 Grad zu halten. Doch in den vergangenen zwei Jahren ist das Budget weiter auf 228 Gigatonnen gesunken, in sechs bis sieben Jahren müsste also Schluss sein. Vielleicht kommt die Nachhilfe doch zu spät.
(jle)