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Was war. Was wird.

Mit der Ich AG sollen in Deutschland Wahlen gewonnen werden, doch dafür braucht es die Beziehungs AG -- und ausgerechnet die IT-Branche gibt das Modell dafür ab. Ein Hoch auf unsere Verschwörungstheoretiker, meint Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Mit der Ich AG sollen in Deutschland Wahlen gewonnen werden, doch dafür braucht es die Beziehungs AG, in der Führungsoffiziere die Agenda setten, nicht nur für "sparsame" Schwaben. Tja, Microsoft wird mit seiner Bundes-Kärrnerarbeit gegen Linux nicht mehr von Hunzinger betreut. Die Warnungen vor den Gefahren im Gefolge des 11.Septembers sollen nun von ECC Kohtes und Klewes kommen, Slogan "Dialog Macht Politik". Diese Yahooligans haben schon die BSE-Krise der Gelatine gemeistert und mit Cafegästen wie Miriam Meckel oder Peter Glotz einfach das bessere Product Placement im SPD-Umfeld. Auch bei den Medien haben sie es besser drauf.

*** Halt, stop. Wenn ich so weitermache, verliere ich meinen gesunden Zynismus und ziehe mich aufs Altenteil zurück -- die Sonne auf den Pelz brennen und Hunzinger Özdemir sein lassen (oder Merz, oder Koch, oder Scharping, oder Bury, oder wen auch immer, mag jeder nach seiner Coleur selig werden), ja, das wärs. Oder doch nicht? Ein Reboot notwendig? Starten wir also nochmal: Nach der vergangenen Woche ist die Vorstellung einer Parallelwelt nicht mehr von der Hand zu weisen. Hunzinger ist ja kein Unbekannter, sein höflich "Beziehungsarbeit" genannter Lobbyismus selbst seinen vermeintlichen Kollegen unter den PR-Flaks lange schon ein Dorn im Auge. Wenn sich dann der anatolische Schwabe Cem Özdemir anfangs in der Öffentlichkeit als naives Unschuldslamm gebärdet, das nach seiner ersten Wahl einen Kredit des PR-Geiers Hunzinger unproblematisch gefunden haben will, kann man nicht einmal mehr lachen. Höchstens noch darüber, wie sämtliche politischen Gegner und angeblichen Freunde der Grünen mitten im Wahlkampf Kreide fressen und dem dann doch erfolgten Rücktritt Özdemirs unisono "Ehrenhaftigkeit" bescheinigen. Nicht einmal eingeschworene Microsoft-Hasser wunderten sich schließlich über die Versuche des Software-Konzerns, mit Hilfe des Beziehungsarbeiters im Bundestag an den richtigen Fäden zu ziehen. Die Neuvergabe des Etats und das Schweigen der Lämmer im Fall Özdemir aber dürften selbst dem gewieftesten Verschwörungstheoretiker als zu eindeutig erscheinen. Da sage noch einer, IT sei unpolitisch.

*** Ein Rückblick auf Gold-Zack Hunzinger sei auch noch gestattet. Schließlich startete die Firma an der Börse mit dem schönen Satz "In Orwells Welt gäbe es keine Hunzinger Information AG, in Huxleys Welt geht sie an die Börse." Huxleys schöne neue Welt bei Hunzinger, wie wahr: Die Menschen lieben nun einmal ihre eigene Desinformation. Eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Analyse zum Politik-Theater erklärt uns, dass die Politiker ihre Anhänger nur noch über das Internet mobilisieren können und für den Rest des Volkes auf die Kraft des Laberns in Talkshows vertrauen. Da passt es, wenn der Ex-Hunzinger-Vorstand Bury nun bei Gerhard Schröder als "Kanzlerpilot" das Internet erklärt. Da sind wir aber voll gespannt, wie der navigiert. Manpage Bruchlandung?

*** Von Huxley führt uns eine kleine Spur zu Popper, Sir Karl. Der Mann hat heute seinen 100. Geburtstag und wird vom Feuilleton gefeiert. Nichts ist wahr, bis man bewiesen hat, dass es falsch ist, das wäre doch ein schönes Motto für diese Kolumne. Wir können die Unwahrheiten aufdecken, aber die Wahrheit nicht kennen. Der Papst der offenen Gesellschaft war kritischer Rationalist und ein wissenschaftlicher Krieger, der die damalige Sowjetunion mit dem Abwurf von Atombomben-Attrappen erschrecken wollte. Es gehört zu den Dramen der offenen Gesellschaft, dass Poker-Face Popper Zeit seines Lebens Probleme hatte, die Geschichte seiner Auseinandersetzung mit Wittgenstein auf ihre Wahrheit zu überprüfen. Popper zerlegte übrigens die Welt in drei handliche Teile. Neben der Theorie (Welt 3) gab es für ihn eine Welt der physischen Körper (Welt 1) und der psychischen Zustände (Welt 2), die er beide offenbar nicht sonderlich interessant fand. Diese Dreiteilung wird heute, wie so vieles andere zum Einstieg in die objektorientierte Programmierung nützlich sein.

*** Zur Feier eines anderen Jubiläums lade ich nun in die Welt 2 ein: Vor nunmehr 30 Jahren erschien im Sommer ein Werbespot für das Getränk Afri-Cola, der sich mit den Alpha-Wellen beschäftigte, die beim Trinken von Brause frei schwingen. 1972 war die Welt noch heile und der Elektrosmog der Mobiltelefone lag in weiter Ferne, auch bei den Spielen ging es eher ruppig zu. Mit dem zunehmenden Weichkochen der Hirne sind freilich ganz andere Theorien populär geworden. Wenn man heute ganz entspannt im Hier und Jetzt auf einer Party in den Afriflowerpowerpc-Rausch floatet, gibt es glücklicherweise Geräte, die uns die richtige Peilung wieder geben.

*** Und? Sind wieder zu viele Links im Text? Macht nichts.

*** Zu den seltsamsten Geräten, mit denen junge Leute auf die Erfordernisse des Lebens vorbereitet werden, gehören Dinge wie das Leappad-Bilderbuch, der Turbotwist-Büffler, der iQuest-Jaucher und die Mindstation zum Anschluss an das Internet, all dies -- den Globus Explorer nicht zu vergessen -- von der Firma Leapfrog. Die konnte dieser Tage einen feschen Börsenstart hinlegen, sehr zur Freude von Larry Ellison. Mit den Geräten für die Generation Pis@ fährt der Leapfrog-Miteigner satte Gewinne ein und Anerkennung, die er für andere Pläne nicht unbedingt bekommt. Dabei wartet die Welt auf ein Oracle Portal-to-Go für die Jungfrösche, das alle Sprünge überwacht. Erinnert sich jemand noch an das Versprechen, die Zahl der Internet-Nutzer mit einem Schlag zu verdreifachen?

*** Worauf die Welt mit Spannung wartet, das sind die Auswirkungen des genialen Vorschlags, den US-Senator Howard Berman zur Bekämpfung der P2P-Piraterie gemacht hat. Er soll es den US-amerikanischen Rechteinhabern digitaler Produkte gestatten, sich in Tauschbörsen einzuhacken, in denen möglicherweise die Rechte der Inhaber verletzt werden. Sollten die "guten Hacker" dabei vertun und digitalen Kollateralschaden anrichten, so gibt es immer noch die Möglichkeit, sie von der juristischen Verfolgung ganz oder etwa für 12 Monate auszuschließen. Dafür gibt es kopierfreie Vorlagen.

Was wird.

Es ist tatsächlich Sommer. Im Liegestuhl, vielleicht mit einer kühlen Afri-Cola in der Tatze, lässt sichs genießen, wie die Nachrichten austrudeln. Selbst die Meldungen über Viagra, Kräuter mit Viagra-Effekt und Angebote, meinen Penis zu verlängern, werden weniger -- das mag an den diversen Ab- und Anschaltungen dieser Woche liegen oder einfach nur daran, dass auch die Spammer auftanken. In Berlin (Stadt/Land mit den wenigsten Ferien und der größten Bobo-Dichte) wird gar ein Feiertag verschenkt, der Schweiztag, wohl in Erkenntnis der Tatsache, dass man ganz ohne Organverlängerung und borern via Internet Kinder kriegen -- und Pleite gehen kann. Aber Abschalten, hey, das tun auch die, bei denen früher Milch zwischen den Brüsten floss. In Ruhe kann man nun die Bücher lesen, mit denen man immer schon angeben wollte, etwa Balzac oder auch Frontpage for Dummies. Für diese schönen Dekos muss ich mich ausdrücklich bei Don Alphonso bedanken, dass ich so lachen konnte. "Dieses Lachen wird, ich weiß es genau, schon bald ein Weinen sein!"

Am ersten August startet übrigens ein Film in unseren Kinos, der vom Verleih als das Nonplusultra der Kryptografie beworben wird, während die Kinder längst mit ihrer Puppe spielen. Während die Alten sterben, bleibt doch die Frage nach dem Weiterleben? Wo Schröders Greencard-Inder bei uns längst so versackt sind, dass Firmen Arbeit nach Indien schicken müssen und in Indien das billige freie Internet abgeschafft werden muss, da ist es doch nur logisch, wenn die Indianer ran müssen. Für Schröder und Stoiber ist das doch eine gute Gelegenheit, sich mit der Navajo-Card zu exponieren, die unsere Privatsphäre schützt. Mein Indianer mit Via Voice, das hat doch was. Howgh! (Hal Faber) / (jk)