Was war. Was wird. Vom Traum einer Regenbogenrepublik in Zeiten der Ampel.
Was verteidigt wird? Unbedingt ein Land, in dem eine Pride-Parade stattfindet und das soldatische Orchester anderes als Marschmusik beherrscht, meint Hal Faber.
Ach, ja. Man mag Kant so manches vorhalten. Jedenfalls betrachtete er Menschen nicht als etwas, das einen Preis hat. Er sprach ihnen Würde zu. Dass sich die Diktatoren dieser Welt davon beeindrucken lassen, ist unwahrscheinlich. Es wäre aber auch so manchem ungebetenen Kommentator angemessen.
(Bild: lazyllama / Shutterstock.com)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "United in Love! Gegen Hass, Krieg und Diskriminierung!" Das ist das Motto des Christopher Street Day in Berlin, der stattfindet, während das WWWW entsteht. Hunderttausende werden durch die Straßen zum Brandenburger Tor ziehen. 40 Rednerinnen und Redner sind angekündigt, darunter auch solche, die nicht diesen beiden Geschlechtern zugeordnet werden wollen. 100 Trucks sind auch mit von der Partie, denn es ist ja auch eine Pride Parade mit Tanz und Gedröhn.
Ein Truck fährt in den Farben der Ukraine und wirbt für die Unterstützung der LGBTQ+-Soldaten, der Slogan lautet "Arm Ukraine – Make Pride in Mariupol possible. "Wir demonstrieren, haben einen Forderungskatalog und eine politische Agenda. Dass dabei auch das queere Leben gefeiert wird in all seinen Facetten, steht außer Frage. Das macht uns aber eben nicht zu einer Parade, sondern zu einer wirklichen Demo", meint der Pressesprecher Ulli Pridat. Gleich drei Regenbogenflaggen wehen erstmals auf dem Bundestag als Zeichen der Solidarität. Noch im März wäre eine solche Beflaggung verboten gewesen, doch im April hatte das Innenministerium offiziell die Genehmigung erteilt, dass die Regenbogenflagge zu bestimmten Anlässen vor oder auf Dienstgebäuden des Bundes gehisst werden darf. Nun ist es soweit und es sieht gut aus.
*** Nicht allen gefällt das. Der ganz rechtsaußen drehende CDU-Politiker Hans-Georg Maaßen, laut Twitter-Selbstdarstellung "Antifaschist" empörte sich: "Für was sollen unsere Soldaten eigentlich unser Land mit ihrem Leben verteidigen? Für eine woke Regenbogenrepublik? Ist es das wert?" Die Antwort könnte ein schlichtes Ja sein oder ein lautes "Unbedingt!!" angesichts der toxischen Männlichkeit, die Russland gegenüber queeren Menschen praktiziert. Dort wurden bekanntlich alle LGBTQ-Gruppen zu ausländischen Agenten erklärt und viele Aktivisten verhaftet. Noch schlimmer vielleicht die Situation in Belorussland, wo queere Personen in die Ukraine flüchten mussten. Es ist wert, die Regenbogenrepublik zu verteidigen, doch wie soll das jemand verstehen, der in seiner Zeit als Präsident des Verfassungsschutzes geflohene queere Iraner beobachten ließ? Claudia Roth, ein Mitglied der Bundesregierung, sieht es besser, auch wenn es etwas ungelenk formuliert ist: "Angesichts des Putin-Angriffskrieges auch gegen die Grundprinzipien einer offenen und vielfältigen Gesellschaft gilt heute besonders Solidarität zu zeigen mit der queeren Community in Europa und weltweit.“
*** Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang ein Interview zu lesen, dass die Slavistin Marci Shore mit dem Schriftsteller Wolodimir Rafejenko geführt hat. Rafejenko schrieb seine Bücher auf Russisch, mittlerweile hat er nach seiner doppelten Flucht aus Donezk und einer Datscha nördlich von Kiew die Sprache verlassen und schreibt auf Ukrainisch. Im Gespräch der beiden geht es um eine Welt ohne Werte, aber voller Preise, in der Putin und seine Kamarilla lebt: "Wahrscheinlich gibt es einen Daseinszustand, in dem ein Mensch völlig entmenschlicht ist und eine Umkehr nicht mehr möglich ist. Dies bezieht sich auf ganze Gemeinschaften, welche ihr eigenes Wir als Maß aller Dinge sehen und alles und jeden verachten, der nicht dazugehört", antwortet Rafejenke, worauf Shore zum großen philosophischen Besteck greift: "Das bringt mich wieder zu Kant: 'Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann etwas anderes, als Äquivalent, gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat seine Würde.' Ein Mensch hat keinen Preis, er kann weder ersetzt noch ausgetauscht werden. Ein Mensch hat Würde. Daraus folgt Kants kategorischer Imperativ: Behandle einen Menschen stets als Zweck an sich und niemals als Mittel." Kant, nicht etwa der Kapitulationsapologet Richard David Precht ist der Maßstab.
*** Aber was sind schon Maßstäbe und Abkommen: Nachdem am Freitag in Istanbul ein Abkommen zwischen den Vereinten Nationen, der Türkei als organisierendem Staat, der Ukraine und Russland über Getreideexporte geschlossen wurde, zeigten die russischen Militärs, was sie von dem Abkommen halten und beschossen Odessa. Dass selbst die Vereinten Nationen protestierten, dürfte Putin kaum interessieren.
*** Was die Preise und nicht die Menschen anbelangt, zeigt dieser US-amerikanische Text, wie Russland langsam in den Abgrund schlittert. Selbst bei Öl- und Gas-Verkäufen läuft es nicht besonders gut für die russische Wirtschaft. Aber bis zur totalen militärischen Niederlage ist es noch ein langer Weg. Schon lustig, dass ausgerechnet in der taz ein ehemaliger Bundeswehrgeneral vor dem "Salonbellizismus" in deutschen Talkshows warnt und eine anhaltende Konfrontation heraufziehen sieht, "die gravierender sein wird, als dies zum Höhepunkt des Kalten Krieges war." Die Bestandsaufnahme endet nüchtern: "Politisch-moralische Argumente sollten nicht, von einer höheren Warte blickend, realpolitischen Kalkülen gegenübergestellt werden. Denn im Kern geht es um das verantwortungsbewusste, rationale Navigieren in einer Dilemmasituation, in der es gar keine eindeutig richtigen Wege aus der Gefahr gibt."
*** Am vergangenen Samstag ist Herbert W. Franke gestorben. Er machte sich viele Gedanken über den bionischen Menschen und maschinelle Intelligenzen, die auf den Menschen folgen könnten. Sein nunmehr wieder angebotener Klassiker Papa Joe & Co kann als Vorwegnahme von Donald Trump gesehen werden, der dieser Tage durch die USA zieht, um mit der nächsten Präsidentenwahl zu kokettieren. Zeitgleich sind weitere Details vom 6. Januar 2021 bekannt geworden, nach denen Trump tatenlos der Berichterstattung von Fox News zusah und sich weigerte, ein Machtwort zu seinen Anhängern zu sprechen.
*** Auch Uwe Seeler ist gestorben. Der Popstar seiner Zeit war der sprichwörtliche Volksheld. Zur Heimkehr der Nationalmannschaft nach dem elenden Tor von Wembley wurde "Uwe, Uwe" gerufen, nicht "Deutschland, Deutschland". Und das Bild vom niedergeschlagenen Kämpfer, dass der große Fotograf Sven Simon schoss, brachte es zum Sportfoto des Jahrhunderts. Mit den Computern hatte Uwe Seeler wenig zu tun, nur einmal, als er fast gestorben war, spielten Computerchips eine Rolle.
*** Und heute geht die Tour de France zu Ende. Schade. Ich höre zwar jetzt schon wieder alle möglichen Leute über die "Pharma-Veranstaltung" lästern - geschenkt, die reale Situation ist komplizierter, als es sich der normale Pöbler vorstellen kann. Zudem: In Anlehnung an Arthur C. Clarkes Diktum "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" kann formuliert werden: "Jeder hinreichend ambitionierte Leistungssport lässt sich von Unterhaltung nicht unterscheiden". Wobei wir wieder bei Herbert W. Franke wären: Seine Romane und Geschichten sind nicht nur intellektuell anregend, sondern auch großartige Unterhaltung. Dankenswerterweise kann man sie alle nachlesen, da der kleine Verlag p.machinery das Gesamtwerk Frankes (von seinem ursprünglichen Verlag Suhrkamp sträflich vernachlässigt) herausgibt. "Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist, ein klein wenig über diese hinaus in das Unmögliche vorzustoßen", meinte Clarke. Möglichwerweise für die Tour de France, auf jeden Fall aber gilt dies für Franke.
Was wird.
Die Warnung "Achtung, kann Spuren von Nüssen enthalten" kennt jede:r. Weniger bekannt ist die Warnung vor ganz besonders harten Nüssen, den Hackern. May Contain Hackers, dieses Treffen am Badeplatz in der Nähe von Zeewoude in den Niederlanden. Noch bis Dienstag räkeln sich Hacker in der Sonne, hören Hacker-Talks zu und kratzen Hacker-Daten zusammen. Das auf einem wackeligen Server gehostete Programm ist vielfältig, selbst Covid, der Krieg in der Ukraine und die Unterstützung der Antikriegsbewegung in Russland werden besprochen. Wer an der Cyberfront kämpft, kann in der Hängematte liegen, wie die Bilder von MCH2022 im Fediverse zeigen. Die Livestreams aus den Vortagszelten sind online zu finden, auch die Aufzeichnungen werden nach und nach online erscheinen. Zur Beruhigung: Bald wird es wieder kühler. Dass Hacker das Wetter hacken können, ist bisher nicht bekannt geworden. Das mit dem Klima hacken ist gar nicht so einfach.
(Bild:Â heise online/vbr)
Nach dem elenden Tor von Wembley wurde daheim "Uwe, Uwe" gerufen – in Wimbledon mag es dagegen auch mal "Boris, Boris"-Rufe gegeben haben, doch hatte das nichts damit zu tun. Die Hitze tat Hal Faber beim Schreiben wohl nicht gut...
(jk)