Kommentar: Facebook zeigt verquere Inhalte – so what
Facebooks Algorithmus hat eine Zeitlang nicht so funktioniert, wie es die Nutzerschaft gewohnt ist. Möglicherweise wachen nun einige davon auf.
(Bild: Facebook / heise online)
Die Unart, Inhalte von Algorithmen kuratieren zu lassen, hatte mich vor gut drei Jahren bewogen, Facebook endlich Lebewohl zu sagen. Als angemeldeter Nutzer für immer; für mich als Journalisten gibt es leider manchmal Anlässe, dort nachzuschauen, was Unternehmen oder öffentliche Institutionen über Facebook zu verbreiten meinen zu müssen. Ansonsten habe ich mich dem Newsfeed, Gruppen und alle dem blau und mit Reklame umrahmten Allerlei entzogen, weil ich mich von Facebook undurchschaubar bevormundet fühlte.
Heute haben die Algorithmen einmal nicht so funktioniert, wie sich Facebook das vorstellt. Nutzer bekamen Beiträge angezeigt, die wenig oder gar nichts mit ihren Interessen zu tun haben. Sie sahen Kommentare fremder Menschen in Gruppen, denen sie angehören. Inhalte von Freunden oder Seiten, denen sie folgen nicht zu sehen. Das alles natürlich von Werbeanzeigen unterbrochen.
Was erwarten Facebook-Nutzer?
Nun wird berichtet, die Lage normalisiere sich langsam, die Facebook-Nutzer bekommen wieder das zu sehen, was sie erwarten, Postings von Freunden, Beiträge aus Gruppen, erwartbare Kommentare. Doch was erwarten Facebook-Nutzer eigentlich? Wissen Sie, dass Facebook ihnen vieles vorenthält, um – angeblich – das Nutzerlebnis zu verbessern? Manche gewiss, doch genauso gewiss nicht alle. Und dann gibt es noch jene, die um Facebooks Maschen wissen, aber nicht auf ihrer Gruppen für Spezialinteressen verzichten wollen.
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Facebook betreibt "Technologien und Dienste, mit deren Hilfe sich Menschen miteinander vernetzen, Gemeinschaften bilden und ihre Unternehmen stärken können", wie das Unternehmen selbst schreibt. Seine Algorithmen sorgen dafür, dass die Nutzer potenzielle neue "Freunde" vorgeschlagen bekommen, und schiebt Beiträge in ihr Blickfeld, die aufgrund irgendwelcher Maßgaben für einzelne Nutzer geeignet erscheinen.
Das hat zu meinen Facebook-Zeiten zum Beispiel dafür gesorgt, dass ich lange Zeit Postings von mir als sehr angenehm befundene Menschen nicht zu sehen bekam, wenn ich nicht bewusst danach gewühlt hatte. Vermutlich posteten sie zu selten, werden wenig gelesen und kommentiert, und deshalb fallen sie aus dem Facebook-Raster. Andererseits wurden mir immerzu Postings von Wichtigtuern aufgedrängt, mit denen ich mich aus reiner Zweckdienlichkeit "verfreundet" hatte. Der daraus resultierende Effekt der "Filterblase" wird häufig diskutiert und es wird vermutet, dass er sich zum Beispiel auf die US-Präsidentschaftswahl 2016 ausgewirkt haben kann, die Donald Trump für sich entschied.
Wenn nun der Facebook-Feed "verquere Inhalte" ausspuckte, zucke ich mit den Achseln, das war doch schon immer so. Und ich kann mich der Hoffnung hingeben, dass wenigstens ein paar Facebook-Nutzer aufgewacht sind und darĂĽber nachdenken, was ihnen das soziale Netzwerk bisher eigentlich so geboten hat und wie sehr sie mit dessen Algorithmen verstrickt sind.
(anw)