Was war. Was wird.
Das neue Jahr kommt langsam in die Gänge, aber ob die ewige Warterei endlich ein Ende hat? Und auf was warten wir überhaupt? Das fragt sich wohl nicht nur Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "No matter how I struggle and strive, I'll never get out of this world alive", sang der große Hank Williams in seinem letzten Song. Die boomende Country-Musik hieß damals noch Hillbilly. Zu Neujahr war der 50. Todestag des "Country"-Sängers, der einige der schönsten Lieder des vergangenen Jahrhunderts schrieb. Sie hatten alle nur ein Thema: Erst hatten wir Unglück, dann kam das Pech. Mithin ist das ein bekanntes Thema der Dot.com-Ökonomie, wie es das Memo der Synergie GmBH beweist, das selbst hart gesottene Leichenfledderer erstaunt. Im Sternzeichen der neuen Ehrlichkeit und Offenheit lohnt es sich, das eine oder andere Memo zur Pressearbeit zu lesen. Aufschlussreich auch die Jahresendbelehrung bei Oracle, wo man für McDonalds das weltgrößte private Netzwerk einrichten wollte. Das erste echte "Digital Nervous System" sollte es werden, das Bill Gates' Idee eines Firmenhirns verwirklichen sollte. Vorbei, vorbei, das Hackfleisch wird weiter ohne vermaschte Intelligenz gebraten. "Move it on over", können wir mit Hank Williams anstimmen.
*** Ein weiteres Memo kommt dieser Tage zu Ehren, weil es vom Evangelisten Eric Raymond jedem Pressevertreter in die Mailbox gestopft wurde, mitunter gar mehrfach. Natürlich stammt es von Microsoft und ist daher etwas für Halloween, auch wenn es nach Neujahr die Runde macht. Vielleicht ist es ein Indiz dafür, dass Microsoft Linux wie jeden anderen Konkurrenten ernst nimmt und sich nicht länger mit unsinnigen Argumentationsketten befasst, nach denen jede Entscheidung für Linux eine ideologische ist. Passend zum neuen Jahr gab es übrigens eine Vielzahl von Prognosen, die sich mit der Zukunft von Microsoft beschäftigten. Das wohl interessanteste Urteil findet sich bei meinem Kollegen Cringely an neunter Stelle: Die Leute merken, dass Microsofts Palladium eine sehr aufdringliche Sache ist und bringen den Vorstoß zum Scheitern.
*** Zum Jahresrückblick, der die Wochenmitte zierte, kam die Meldung eines Rechtsanwaltes, der seinen Konkurrenten gerne falsch schreibt und damit in einer falsch geschriebenen Suchmaschine 19.200 Treffer landet. Nun, "man muss nicht unbedingt ein Huhn sein, um ein gutes Ei von einem faulen unterscheiden zu können", heißt es dazu im Impressum seines besten Kunden. Immerhin stimmt es merkwürdig, dass bei dem bayerischen Pilotprojekt der ach so unverfänglichen Nummernschild-Überwachung kein Produkt besagten Kundens bekannt ist, der marktführend beim automatisierten Auslesen von Nummernschildern sein soll. Tja, alles ist möglich. Doch wo ist der freundliche Rottweiler geblieben? Etwa hier?
*** Zu den erfreulichen Neuerungen des gerade erst begonnenen Jahres gehört ein hochaktueller Weblog aus dem Jahre 1660, der am 1. Januar gestartet wurde. Er zeigt, dass Vergangenes eine eigene Gegenwart hat. Was lehrt uns die Geschichte von den Toten, etwa von Robert-Francois Damiens, der heute vor 245 Jahren nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf Ludwig XV. verhaftet wurde? Was ist noch von Georg Elser bekannt, der gestern seinen 100. Geburstag hatte? Was ist eine Briefmarke gegen all die Stauffenberg-Schulen? Nicht eben viel. Nun können wir verfolgen, wie Pepys endlose Tricks, Pläne und Absprachen im politischen Ränkespiel schmiedet und darüber lächeln, in einer aufgeklärten Zeit, die doch das Internet hat und damit nichts.
*** Vor einiger Zeit trafen sich die Forscherinnen und Forscher, die sich mit dem Orang Utan beschäftigen. Ihre Bestandsaufnahme führte dazu, den Orang Utans kulturstiftende Fähigkeiten anzuerkennen. Jetzt reagiert, von wissenschatflichen Berichten angeregt, die Presse. Selbst das Jugendblatt dieses Verlages nahm sich des Themas an, natürlich wegen der Onanie. Kultur als konstruierte, überlieferte Lebensform ist also mindestens doppelt so alt wie bisher angenommen, wenn die Forscher Recht haben. Dafür verdienen es die Affen, ausgerottet zu werden. Und unsere Kultur?
*** Nun, möglicherweise ist unsere Kultur längst tot, wir warten nur immer noch auf ihr Ende. Müssen wir uns alle entscheiden: Entweder Wladimir oder Estragon, dazwischen gibt es nichts? Gott ist tot, nur hat es uns niemand gesagt -- warten wir alle brav weiter auf Godot. So lange wie diese Warterei dauerte es immerhin nicht, bis das Stück von Samuel Beckett heute vor 50 Jahren zum ersten Mal gegeben wurde -- wenn auch erst nach mehrjährigen Schwierigkeiten, überhaupt Geldgeber und Schauspieler für eine Aufführung zu finden. Nichts also wird besser, aber wir sind klüger: Wissen wir doch inzwischen um die Gaben Becketts. Dass aber das muntere Parlieren von Wladimir und Estragon beim Warten auf Godot eine prophetische Parabel auf die absurden Dialoge zwischen Windows- und Linux-Jüngern sei, ist definitiv ein Gerücht. Aber eine schöne Vorstellung:
Wen hätten sie beschimpft?
Den Erlöser.
Warum?
Weil er sie nicht erlösen wollte.
Von der Hölle?
Ach was! Vom Tode.
Na, und?
Sie mĂĽssen also beide verdammt worden sein.
Und dann?
Der andere hat doch gesagt, einer sei erlöst worden.
Nu ja? Sie sind sich nicht einig, das ist alles.
*** Die Kultur ist also tot? Was zu beweisen wäre: "Zwischen Computerspielen, Cybersex und Robotic Art spielt sich mittlerweile ein großer Teil des Lebens im virtuellen Datenraum ab, ob geschäftliche Korrespondenzen, Freizeitkontakte oder private Beziehungen. Von der Laptop-Musik zur standardisierten Unterhaltungsindustrie, vom Computerspiel zum Chat im Internet, von der Gentechnologie bis zum Gebrauch intelligenter Werkzeuge, ist 'Konstruiertes Leben' selbstverständlich", heißt es in der Ausschreibung zum deutschen Medienkunstpreis. Längst bewegen wir uns jenseits der Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit, schwärmt Es. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Und wartet ...
Was wird.
Das Warten hat mittlerweile auch schon jemand anderes zum Kult erhoben, zumindest für eine weitere der IT-Fangemeinden. Seit 1980 gibt es bei Apple die schöne Tradition, den Januar und die MacWorld mit einem neuen oder wesentlich verbesserten Produkt zu begehen. Vor 20 Jahren war dies der Apple ][e, der im Gegensatz zur heute viel gelobten Mit-Debütantin Lisa wirklich erfolgreich war. Die Produktion dieser Rechner-Familie wird erst im November 1993 (mit dem IIe extended) eingestellt. Mit seiner Tischlampe hat Apple im letzten Januar das Aufsehen der Lisa kopieren können, leider aber auch die mangelnde Akzeptanz beim Käufer. Nun schießen die Spektulationen ins Kraut, vom farblich emotional reagierenden Computer im Stil einer Maus bis zum ultimativen Harddisk-Recorder reichen die Spekulationen. "Wir haben fertig" ist seltsamerweise nicht darunter.
Als aufregendes Experiment wird in den USA der Verkauf von XP Plus Digital Media Edition bezeichnet, mit dem Microsoft ab Dienstag angeblich erstmals seine problematischen Activation Keys via Download verkauft. Gemessen an dem Hype, der einst um die Application Service Provider entstand, ist es ein kleiner Schritt für die Menschheit und ein noch kleinerer für Microsoft. Für ein Programm, das 19,95 Dollar kostet und Windows XP erweitert, ist das Experiment aufwendig. So freut sich die Welt auf den Plus! Analog Recoder, mit dem alte LPs und Kassetten in saubere, digitale Bits mit Eigentumsstempel transferiert werden. Wenn die Bänder auf dem Müll sind, endlich all die liebevoll gemalten Inlets der Kassetten im Schredder, dann wissen wir, wie sich die Orang Utans fühlen, wenn eine Kultur untergeht. Mind your own business, mögen sich die Orang Utans denken. (Hal Faber) / (jk)