Was war. Was wird.
Wie wechsle ich den Fernsehkanal, wie klick ich mich durchs Internet? An diesem Wochenende erteilt uns Hal Faber eine Lehrstunde in Ahnungslosigkeit.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war
***Viele Leser wissen, was sie erwartet, wenn sie die tanzenden 'W' anklicken. Doch was ist mit dem ahnungslosen, dem unbefangenen Rezipienten, der sich in einer eisigen Sonntagnacht hierher verirrt? Vielleicht ergeht es ihm wie den Fernsehzuschauern, die den Musikantenstadl von Karl Moik einschalten wollen, aber beim Scheibenwischer von Dieter Hildebrandt landen. Nun künden beide Sendungen gleichermaßen vom Humorstandort Deutschland, unterscheiden sich aber doch so, dass man finsterste Verschwörungen und abgefeimte Billigungen vermuten könnte, wenn man sich unbefangen verirrt. Der unbefangene Zuschauer, der unbefangene Leser, sie spielten beide in der vergangenen Woche vor Gericht die Rolle von Kronzeugen. Das jedenfalls in der Vorstellung einer Richterin, die Hildebrandt bemühte und einem Staatsanwalt, der sich offensichtlich im Musikantenstadl wähnte. Zur Sache ging es nur im Plädoyer des Angeklagten, der Rest war eine Lektion in -- nun ja -- nennen wir es ruhig Unbefangenheit.
***Das hohe Ziel eines Staates scheint es zu sein, die Unbefangenheit seiner Bürger zu schützen und über die Ahnungslosigkeit gegenüber Fernsehen und Internet ein schützendes Mäntelchen zu legen. Die Hilflosigkeit des Individuums (wie wechsle ich den Sender, wie klick ich mich weg) darf einfach nicht ignoriert werden. Wöchentlich, täglich, stündlich wird uns eingebimst, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, in der Ambivalenzen ausgehalten werden müssen. Es wird geträllert, dass Information alles ist; doch ist es der unbefangene, der ahnungslose Bürger, der von Staats wegen geschützt werden muss. Der Unbefangene ist nur der noch nicht Gefangene. Das ist natürlich ein Sarkophagismus, oder so. "Du aber darfst dem Staat nicht geben, was des Staates nicht ist", heißt es in der Antigone des Sophokles.
*** Fast zeitgleich zur berühmt gewordenen Justizposse fand in den Münsteraner Gerichtsgebäuden eine Verhandlung mit beziehungsweise gegen Jürgen Möllemann statt, der sich mit einem selbst finanzierten Flugblatt als Engine of Agression aus der Politik profilierte. Wie Politik auf den unbefangenen Zuschauer wirkt, ist eine unstatthafte Frage. Mit einem gewissen Bedauern haben sich die konservativen Forenkämpfer von ihrem Hoffnungsträger verabschiedet.
*** Das WWWW hält es mit dem Freimüthigen, der Berlinischen Zeitung für gebildete, unbefangene Leser, als das Wort noch Synonym für unerschrocken und aufgeschlossen war. Wenn der Mann Moses gegen Frodo Beutlin mit einem BNC-Stecker beköpft an der Seite von Christus kämpft, so könnte man von einem vollumfänglich billigen Link sprechen, der religiöse Gefühle verletzt. Doch so einfach ist das nicht. Wer weiß heute noch, was religiöse Gefühle sind? Der Weg in die Hölle ist jedenfalls mit guten Vorsätzen gepflastert, ähnlich wie der Weg in den Himmel.
*** Nun ist die Eroberung des Himmels eine schwierige Angelegenheit. Das musste Bill Gates erfahren, als der Plan scheiterte, mit Teledesic ein weltumspannendes Netz von mehr als 800 Satelliten aufzubauen. Jetzt erfolgt der nächste Anlauf mit einer geschickten Besetzung der Radiofrequenzen mit einem Datendienst, der Uhren auf Trab bringen soll. Das Ganze muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass auch in den USA das digitale Radio bevorsteht, wenn auch in technisch anderer Form als in Europa. In den USA wird diese Form der Breitbandkommunikation dazu benutzt, die kleinen Radiostationen zugunsten der großen auszuhebeln. Wenn jetzt allenthalben das Radio entdeckt wird, dann nur, weil der Verteilungskampf um einen neuen Datenkanal begonnen hat.
*** Manchmal sind Verteilungskämpfe sehr unauffällig. Inmitten der Botschaften über die glitzernde Welt der Konsumelektronik auf der CES verblasste die Nachricht, dass Lexmark das DMCA-Gesetz der USA benutzen will, um das unrechtmäßige Nachfüllen abzustellen. Es zeigt nicht nur, wie herzlich egal den einschlägigen Herstellern die Elektronikschrott-Verordnung ist, sondern wie weit der Digital Millenium Copyright Act noch führen kann. Gewinnt Lexmark, kann jeder Apfelmushersteller einen Transponder mit Informationen auf die Etiketten pappen und den Klageweg betreten, sobald hausgemachte Marmelade eingefüllt wird. Aus gegebenem Anlass erfolgt darum der Verweis auf Phish, wo ausdrücklich das Brennen und Kopieren gestattet ist und entsprechende Booklets angeboten werden.
*** Den wichtigsten Geburtstag dieser Woche feierte zweifellos die Stalinallee. Dieser sozialistische Prachtboulevard wurde am 7. Januar vor 50 Jahren von Kadern bezogen und von Mitgliedern aller Klassen bewundert. Über jeden Zweifel erhaben und traurig genug ist der Tod des bekanntesten, meistfotografierten Internet-Kaninchens Oolong. Immerhin starb es wohldokumentiert, was man vom heutigen Geburtstagskind Jack London nicht sagen kann, wie es der Kampf um Encarta zeigt. Und sicher wäre es meinem Namensvetter Hal 9000 ganz unrecht, wenn ich den Todestag von Pierre de Fermat verschweigen würde, zumal er gerade im Fach Mengenlehre zu Ehren kommt. Die Frage der Woche kann ich nicht beantworten: Was unterscheidet Nordkorea vom Irak? Es gibt eben aberwitzige Sach- und Lachgeschichten.
Was wird
Am Mittwoch wird dem Geburtstagskind Joseph Weizenbaum die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen. Man trifft sich in der berühmten Bibliothek des Warburg-Hauses, wo ein digitales Archiv der politischen Ikonographie entsteht, das unter anderem Bilder zum 11. September 2001 sammelt.
Während sich Microsoft und Thomson daran machen, dem Fernseher die allgemeine Schutzverletzung anzugewöhnen und Nokia mit Pepsi im finnischen Hauptquartier eine Show abliefert, sollte an ein Jubiläum erinnert werden, das ebenfalls am Mittwoch in Hannover gefeiert wird: vor 40 Jahren startete das Farbfernsehsystem "Phase Alternating Line". Damals dabei die Firma Telefunken, die später von Thomson geschluckt wurde. Wer glaubt, dass Rekorder im Stil von TiVo dieses Ungemach umgehen können, sollte die Presse-Meldung zur CES studieren, mit der das Verschlüsselungssystem TiVo Guard gepriesen wird, das die Rechte der Content-Provider schützen soll.
Es ist eine Lust, bei Microsoft oder Intel oder auch bei Network Appliance zu arbeiten: In der jährlich aufgemachten Liste der angenehmsten amerikanischen Arbeitgeber belegen diese Firmen vorderste Plätze. Doch Hewlett Packard, mit dem HP Way einst die unbestrittene Nummer 1 der IT-Branche, ist nicht mehr darunter. Die Regeln der Garage zählen nicht mehr. Nun zählt nur noch der Return on IT, für den Frau Fiorina vom Handelsblatt bewundert wird.
Bei Microsoft Deutschland rüstet sich alles für die Riesensause, mit der der Start der deutschen Niederlassung vor 20 Jahren gefeiert werden soll. In Hinblick auf das Mega-Spektakel kann man die abgelaufene MacWorld betrachten, auf der unter anderem ein neuer Browser und ein Präsentationsprogramm debütierten. Noch fehlt die Textverarbeitung, doch der Angriff auf die Pfründe von Microsoft ist klar und deutlich genug. Hier soll nur daran erinnert werden, dass die gesamte internationale Expansion von Microsoft dereinst von Apple bezahlt wurde, weil es an Anwendungen für den Apple III mangelte. (Hal Faber) / (em)