Was war. Was wird.
Was man alles entdeckt, wenn man nur lange genug sucht: Anstößiges im Internet ist da noch das Geringste, findet Hal Faber -- aber nicht in einer Suchmaschine.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Ostern! Mit allen Wassern gewaschen präsentiert sich das Fest rund um den Oschter Haws, seine Vettern und ihre bunten Eier. Allen LeserInnen und LesErn darum Good Vibrations. Oder so und soundso und sodelelala.
*** Mit allen Wassern gewaschen präsentiert sich Amazon, das in dieser Woche ein Patent für die Benachrichtigung nach einer Auktion erhalten hat und nun beim Groß-Auktionator eBay den Artenschutz streitig machen will. Hat da jemand BountyQuest gerufen? Ach was, das war nur eine unsinnige Idee aus Zeiten, als alle Bobos gute Bobos waren.
*** Nicht mit allen Wassern gewaschen wurde übrigens Bill Gates auf der Brainshare der Firma Novell, die Linux etwas tolpatschig umarmte. In einer als Keynote inszenierten Show auf Kindergartenniveau kündigte der Conferencier Ledbetter den echten Bill Gates an, worauf die Novellistas zur Wasser-Pumpgun greifen mussten. Am Ende war es nur der Bill Gates, der als Netware-Administrator die Server jener Akademie betreut, die den Oscar verleiht. Währenddessen startete der andere echte Bill Gates das Projekt MyLifeBits, das Gordon Bell, der Vater der Vax, bei Microsoft entwickelt. MyLifeBits ist ein Projekt, das Datenschützern noch Tränen in die Augen treiben wird: Jeder Aspekt im Leben einer Person kann mit dem Memex-Nachfolger gespeichert werden, auf Microsoft-Servern und mit Microsoft-Software. Das Ganze hatte dereinst Novell auch schon einmal vor. Geblieben ist davon nur Digital Me, ein Adressbüchlein.
*** Wasser auf die Osterfeuer der gläubigen Kopierschutzaktivisten dürfte die Entscheidung des Bad Schwartauer Niels Provos sein, seine Forschungsergebnisse außerhalb der USA zu präsentieren, weil derzeit die Gesetzgebung einiger Bundesstaaten dramatisch verändert wird. Wenn ein redlicher Bad Schwartauer sich nicht einmachen lassen will, sondern sich aufmacht, die Früchte seiner Arbeit vor einer vage formulierenden Technologiepolizei zu retten, die sich als Agent einer hysterischen Industrie versteht, dann sollte das auch denen zu denken geben, die mit der Rede von den Rechten der Künstler, Autoren und Wissenschaftler den unbeschrankten Zugriff verzuckern.
*** Heute ist der Geburtstag des Führers. Es sollte ausreichen, wenn eine russiche Ausstellung nüchtern seinen Hut zeigt, doch so einfach liegen die Dinge nicht. Nicht in Deutschland, wo die NPD auf den Ostermärschen mitläuft und die Parolen der Autonomen gegen den amerikanischen Imperialismus grölt. Wo die jüdische Weltverschwörung wieder entdeckt wird, wenn es heißt: "Die Ölquellen von Mossul und Kirkuk liegen gleich neben Jerusalem." Sieht so die Milchmädchenrechnung zum Embedded Business aus? In all diesem Embedded-Geschäft entdeckt sicher auch noch jemand den schwarzen Untermenschen, der den vielleicht ja doch arischen Araber demütigt. Bis es soweit ist: Nur ruhig Blut. Mag auch Nietzsche in seinem Grab rotieren, wir finden ja doch bald Saddams Hut auf eBay.
*** Ja, es gibt Anstößiges im Internet und das nicht nur auf Autos oder Panzern. Nehmen wir nur die angebliche Sicherheitslücke bei CNN, die dafür verantwortlich sein soll, dass voreilig Nachrufe (die jeder Nachrichtendienst auf Lager haben muss) verbreitet wurden. Nehmen wir nur das WWWW, für das eine orgiastisch gestimmte Sharon Stone bei AOL Werbung macht. So gibt es Nodes, die bewusst mit der ganzen Chose Schluss machen, weil sie einfach keine Zeit haben, in Ruhe eine Nachricht zu lesen. Vom Interesse an lustigen Bulk-Archiven einmal ganz zu schweigen. Es ist ganz einfach eine reichlich dumpfe Sache, dieses Netz, und anstrengend ist es auch noch.
*** So bleibt an dieser Stelle nur die fröhliche Chronistenpflicht, auf eine Einschätzung der Fraunhofer-Gesellschaft hinzuweisen, nach der es keinen Beleg dafür gibt, dass die Regierung Kohl am Ende Datenvernichtung betrieb. Drei Tage lang wurde kopiert, was das Zeug / die Datenträger aushielten, doch Schande über den, der Schlechtes dabei denkt. Ein Sicherheits-Backup passierte, wie es jeder Admin produziert, der sich baldigst wieder einarbeiten will. Die Kohl-Administration hat aus der Geschichte gelernt: Als Bush Senior das Weiße Haus verließ, deklarierten seine Mitarbeiter 135 Festplatten und 4.852 Bandkassetten als persönliches Eigentum -- und mussten es abliefern. Als Ronald Reagan ausschied, waren es 1.855 Bänder. Auch damals wurde eine "erhöhte Datenaktivität" gemeldet. Oliver North löschte 750 von 758 E-Mails in seiner "User Area", Chef-Berater John Pointdexter brachte es auf 5012 Löschungen von 5062 gespeicherten E-Mails. Während das Buch zu diesem Thema längst aus den Bibliotheken verschwunden ist, hat die beiliegende Diskette überlebt, im Internet. Wer weiß, vielleicht sucht die "erhöhte Datenaktivität" nur einen Verlag mit Chuzpe? Zum bevorstehenden Jahrestag der Hitler-Tagebücher darf so etwas vermutet werden.
Was wird.
Wenn die letzten Eier gefressen sind, der letzte Eierlikör getrunken ist, wenden wir uns mit vollen Bäuchen einem vergnüglichen, gar drolligen Thema zu: Der Entscheidung von Super-Minister Wolfgang Clement, ob er am Dienstag die "Welt" und die "Morgenpost" versenkt oder lieber den "Tagesspiegel" und die "Berliner Zeitung". Ja, so funktioniert sie, die freie Marktwirtschaft. Wirklich beruhigend ist dabei, dass die Sozialdemokraten auf eine lange Tradition zurückblicken können, in der sie Zeitungen auf jede nur denkbare Weise geschlossen, geknebelt und in die Unkenntlichkeit wegfusioniert haben. 70 Zeitungen erwischte es, den Vorwärts eingeschlossen, da wird in dieser allgemeinen Münteferisierung doch ein Leichtes sein, ein paar Bürgerliche auszukegeln.
Zum nächsten Wochenende werden die genannten Blätter und andere zu großer Form auflaufen, denn es naht der Jahrestag von Erfurt, einst ein Amok-Lauf, heute ein Schul-Massaker. Die Gewalt in der Schule ist wieder das Thema, natürlich auch die Ego-Shooter und vielleicht auch die Tatsache, dass es in den Schulen viel kälter geworden ist in diesem einen Jahr. Kaum ein Schulgelände, das nicht als Hintergrund-Textur für Counterstrike verfügbar ist und jede Menge Texte über Eltern, die ihre Kinder am Rechner verwahrlosen lassen. Von einer erhöhten Denkaktivität keine Spur, im Münte-Land. (Hal Faber) / (jk)