An die Spitze gemischt

Sie finden, Hybridautos mit einem Verbrennungs- und einem Elektromotor sind eine schlechte Idee? Toyota sieht das völlig anders und hat sich auf diesem Gebiet einen Vorsprung erarbeitet, der weit in die Zukunft reichen könnte.

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An die Spitze gemischt – Beim Hybridantrieb ist Toyota vorne
Lesezeit: 14 Min.
Von
  • Frank Wald
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Sie finden, Hybridautos mit einem Verbrennungs- und einem Elektromotor sind eine schlechte Idee? Zumindest Toyota sieht das völlig anders und hat sich auf diesem Gebiet einen Vorsprung erarbeitet, der weit in die Zukunft reichen könnte.

"HYBRID" schreien zwei Meter hohe Plakate vor der lang gestreckten Fabrik von Toyota Motors in Tsutsumi, Japan. Drinnen, unter Tafeln mit der Aufschrift "Yoi shina, yoi kangae" ("Gutes Denken, gute Produkte"), bauen Monteure in Blaumännern und weißen Handschuhen jeden Tag 400 von Toyotas neuer Hybrid-Limousine Prius zusammen. Abgesehen von den Werbesprüchen, sieht alles aus wie in jeder anderen Automobil-Fertigungshalle – und gerade das ist bemerkenswert. Denn der Prius, der einen Verbrennungsmotor zusammen mit einem Elektromotor als Antrieb benutzt, verbraucht nur rund 4,3 Liter auf 100 Kilometer – etwa halb so viel wie ein vergleichbares Benzinauto. Zudem verzichtet das neueste Modell aus Tsutsumi weder auf Leistung noch auf Komfort und kostet gerade mal 1000 Dollar mehr als Toyotas Mittelklasselimousine Camry.

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Einen Vorgeschmack auf kĂĽnftige Hybridfahrzeuge gibt Toyota mit dem HybridX. (Bild: Toyota)

Hybrid in Kleinwagen bis Pick-up-Truck möglich

Und der Prius gibt nur einen ersten Einblick auf Toyotas ehrgeizige Pläne mit der neuen Hybridtechnologie. Innerhalb eines Jahrzehnts, sagen Toyota-Manager, könnte der Autohersteller die Verbrennungs-Elektromotor-Kombination in jeder Fahrzeugkategorie anbieten, vom Kleinwagen bis zum schweren Pick-up-Truck. "Wenn Toyotas SUVs auf den Markt kommen und die Leute sehen, was ein wirklich leistungsstarkes Hybrid-Elektroauto kann, wird das die Branche gehörig durchrütteln", sagt Robert Stempel, früherer Chairman von General Motors, der heute die Technologiefirma Energy Conversion leitet.

Viele Leute denken, dass Brennstoffzellen, die Elektrizität aus Wasserstoff herstellen, die nächste große Innovation in der Automobilindustrie sein werden – verständlicherweise: Seit Jahren führen GM und andere Autohersteller verschiedene Versionen von Brennstoffzell-Prototypen vor, die völlig ohne Verbrennungsmotor auskommen. Doch es wird mindestens fünf Jahre dauern – nach Meinung vieler Experten sogar ein ganzes Jahrzehnt –, bis Brennstoffzellen-Autos billig genug sind für den Massenmarkt. Dazu kommt das Problem, genügend Wasserstoff zu speichern, der Mangel an Wasserstoff-Tankstellen und die Schwierigkeit, den Wasserstoff überhaupt erst zu produzieren. Hybridautos dagegen gibt es bereits heute zu kaufen, und man kann sie an der Tankstelle um die Ecke auftanken.

Hybride brechen Dominanz der Verbrennungsmotoren

Tatsächlich bedeuten Benzin-Elektro-Hybride den ersten wirklichen Bruch mit der fast 100-jährigen totalen Dominanz des Verbrennungsmotors. Und die Bedeutung einer größeren Verbreitung von Hybriden ist für Konsumenten wie die Automobilindustrie gewaltig. Wenn sich der durchschnittliche Verbrauch von Autos in den USA bis 2012 auf bescheidene sechs Liter pro 100 Kilometer senken ließe, könnten die USA ihren Ölverbrauch um drei Millionen Barrell am Tag reduzieren – mehr als sie derzeit aus allen Golf-Staaten importieren. Im Anschaffungspreis wären die Hybridautos etwas teurer, aber Käufer könnten beim Tanken während der 15 Jahre Lebensdauer eines Fahrzeugs durchschnittlich 5000 Dollar sparen.

Falls sich Hybride auf dem Markt durchsetzen, wird Toyota ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit dominieren – aufgrund seiner massiven Investitionen in die neue Technologie im letzten Jahrzehnt. "Sie haben die Spitzenstellung übernommen", sagt Rich Schaum, früherer Cheftechniker bei Chrysler: "Das ist eine Langzeitstrategie, die die Konkurrenz dazu zwingen könnte, zu reagieren." Viele der wichtigsten Autohersteller wollen in den nächsten fünf Jahren Hybride auf den Markt bringen. Doch sie haben gegenüber Toyota einen großen Rückstand, und manche von ihnen greifen mittlerweile sogar auf Toyota-Technologie zurück: GM und Ford Motor kaufen wesentliche Hybrid-Bauteile wie etwa Nickel-Metall-Hydrid-Batterien und Getriebe ein, die von japanischen Herstellern in Zusammenarbeit mit Toyota entwickelt wurden.

Toyota macht alles selbst

Wie Toyota das geschafft hat, zeigt ein kleiner Ausflug in die Umgebung des Tsutsumi-Werks. Verlässt man die Ansammlung von Autofabriken rund um Tsutsumi und Toyota City und fährt in die Hügel nördlich von Nagoya, stößt man auf ein weiteres Toyota-Werk – diesmal ohne Plakate. In dieser Fabrik namens Hirose tat Toyota etwas für einen Autohersteller höchst Ungewöhnliches: Man baute spezielle Anlagen für die Herstellung von hochwertigen Halbleiter-Computerchips. Viele Autohersteller geben sich damit zufrieden, Elektronik von der Stange zu kaufen oder die Herstellung der Elektronik an Zulieferer auszulagern. Toyota hingegen macht alles selbst. Seine Hightech-Chipfabriken produzieren die Leistungssteuerung, die das Herzstück eines Hybridfahrzeugs darstellt. Das macht Hirose zum Kern eines Hybrid-Investments, das von Analysten auf eine Milliarde Dollar geschätzt wird.