Mit Vollgas in die Krise, Teil 1
Die besten Autos der Welt zu bauen, wird in Zukunft nicht mehr reichen. Was es braucht, sind radikal neue Strukturen, neue Konzepte und neue Ideen.
- Frank Wald
Während Volkswagen mit dem Bugatti das schnellste Auto der Welt baut, stellt Renault mit dem Dacia Logan das billigste her. Während Toyota mit dem Hybrid Prius überraschende Stückzahlen erreicht, fährt BMW mit einem eigens aufgebauten Wasserstoff-Rekordwagen unter annähernden Laborbedingungen 300 km/h und wird uns demnächst ein paar Dutzend umgerüstete Siebener als erstes Wasserstoff-Serienauto verkaufen wollen. Während Toyota und PSA mit dem Aygo, dem C1 und Peugeot 107 vorführen, wie man ein flottes, preiswertes Stadtauto profitabel entwickelt und produziert, wurde bei Smart eine gute Idee mit immer neuen Modellen und Preisen bis knapp an die 25 000 Euro erstickt.
Die heimische Autoindustrie ist ins Schleudern gekommen wie schon lange nicht und momentan mehr damit beschäftigt, heftig gegenzulenken, um auf der Straße zu bleiben, als selbst die Richtung vorzugeben.
Mit Vollgas in die Krise, Teil 1 (9 Bilder)

ParadestĂĽck deutscher Ingenieurskunst - einfach genial, aber leider am Thema vorbei: der Bugatti Veyron 16.4, dank 1000 PS starkem 16-Zylinder-Motor und Topspeed ĂĽber 400 km/h das schnellste Serienauto der Welt. (Bild: VW)
Offene Baustellen
Es gab schon bessere Zeiten, um Autos zu verkaufen. Das gilt auch und erst recht für deutsche Autos. Bei DaimlerChrysler gibt es offene Baustellen, dass man den Überblick zu verlieren droht: Chrysler, Smart, unvergessen das Mitsubishi-Desaster. Volkswagen will nicht in die Gänge kommen, trotz oder wegen des neuen Golfs, je nachdem, wie man es sehen will. Opels Zukunft ist vorläufig gesichert, das ist noch die beste Nachricht. Unantastbar nur die Übernahmekandidaten von gestern, BMW und Porsche, die regelmäßig neue Rekordzahlen melden.
Probleme hausgemacht
Folgt man den zuständigen Konzernvorsitzenden, sind an der anhaltenden Flaute die hohen Stahlpreise, die schlechte Wirtschaftslage, die steigenden Ölpreise, der schwache Dollar schuld. Die Wahrheit ist: Die Probleme sind zu einem guten Teil auch hausgemacht. Toyota oder Renault zeigen schon seit einigen Jahren, wie man als Massenhersteller und unter schwierigen Bedingungen mehr Autos verkaufen und mehr Geld verdienen kann.
Beispiel Partikelfilter
Die deutschen Hersteller hingegen haben an den alten Erfolgsformeln festgehalten und – begeistert vom eigenen Innovationstempo – mehr als eine entscheidende Abfahrt verpasst. Beispiel Feinstaub: Jahrelang wurde der Dieselmotor forciert, den Kunden Drehmoment ohne Ende bei kleinem Verbrauch versprochen. Neue Einspritzsysteme wurden entwickelt für noch mehr Druck an der Düse, der Partikelfilter aber ignoriert, aus Kostengründen. Obwohl weder die Schadstoffproblematik an sich noch die entsprechenden EU-Richtlinien ein Geheimnis waren. Die Konsequenz: Die Feinstaub-Diskussion traf die Autoindustrie wie ein unvorhersehbarer Schicksalsschlag.
Fehleinschätzungen und Qualitätsprobleme
Beispiel Hybridtechnik: Deutschlands Autohersteller setzen auf den Diesel und hoffen auf die langfristige Vision Wasserstoff. Die Hybridtechnologie, die Kombination von Elektro- und Verbrennungsmotor, wurde einfach nicht ernst genommen. Die Konsequenz: Toyota konnte mit dem Prius die Konkurrenz rechts überholen, obwohl das Auto im Rückspiegel durchaus zu sehen war – und genießt heute den Nimbus des Technologieführers. Beispiel Qualität: Seit Jahren steigt der Elektronik- und Softwareanteil im Automobil. Mit zunehmender Komplexität wächst die Fehleranfälligkeit des Gesamtsystems, auch keine echte Überraschung. Deutschlands Hersteller reagierten viel zu spät, jüngste Konsequenz: Mercedes musste 1,3 Millionen Fahrzeuge wegen möglicher Mängel in die Werkstätten zurückrufen – ein schwerer Schaden fürs Markenimage.
Automobil neu erfinden
Hinter diesen Symptomen wird – neben handfesten Fehlentscheidungen – ein tief greifender struktureller Umbruch sichtbar: Die Automobilindustrie befindet sich in einem der fundamentalsten Veränderungsprozesse seit der Einführung der Massenfertigung durch Henry Ford. Die traditionellen Märkte sind gesättigt, Innovations- und Kostendruck nehmen zu. Informationstechnologie und Maschinenbau wachsen zusammen, die Wertschöpfungskette wird umgekrempelt, traditionelle Branchenstrukturen brechen auf.