My Car is my Castle

Der „Autobahnraser von Karlsruhe“ und ähnliche Berichte entwerfen das Bild eines Wild-West-Szenarios auf Deutschlands Straßen und Autobahnen. Empfinden manche Autofahrer Freude am Fahren erst dann, wenn sie andere vor sich her jagen können?

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My Car is my Castle
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Von
  • Gernot Goppelt
Inhaltsverzeichnis

Der „Autobahnraser von Karlsruhe“ und ähnliche Berichte entwerfen das Bild eines Wild-West-Szenarios auf Deutschlands Straßen und Autobahnen – böse Raser gegen gute Langsamfahrer. Empfinden manche Autofahrer Freude am Fahren erst dann, wenn sie andere vor sich her jagen können?

Die Verkehrssoziologie sieht anhand von empirischen Fakten und der Interpretation der vorliegenden Daten die Verhältnisse in der automobilen Gesellschaft eher nüchtern. Tatsache ist: Aus der Zwei-Klassen-Gesellschaft der sechziger Jahre auf der Autobahn – rechts die VW Käfer und die Lkw, links der Mercedes – ist eine alle Klassen nivellierende „Turbo-Diesel-Gemeinde“ geworden. Alle könnten theoretisch – aber nur dort wo Platz ist – deutlich mehr als die damals üblichen 100 bis 110 km/h fahren. Dies alleine könnte die subjektiv wahrgenommene Steigerung von Rasen und Drängeln bereits erklären.

My Car is my Castle (6 Bilder)

Sieht so die Freude am Fahren aus? (Bild: BMW)

Überholen ist ein kurzer Sieg

Tatsache ist aber auch: Der Sieg beim Überholen ist immer nur von kurzer Dauer, der kurzzeitige Sprint kostet eine Menge teuren Kraftstoff, beim Abbremsen jede Menge Bremsbelag und vor allem Nerven. Und die Pendler auf ihrem Weg zur Arbeit haben gelernt: Der Raum- und Zeitgewinn durch hohe Geschwindigkeit auf längeren Strecken geht gegen null. Bei einer Vergleichsfahrt ermittelte der AvD einen Vorsprung von 37 Minuten, die ein „Raser“ gegenüber einem vorschriftsmäßig fahrenden Vergleichsfahrer auf der Strecke Frankfurt-München herausholen konnte.

Auch wenn also auf kurzen Strecken manche mit dem Mut der Verzweiflung versuchen, die Physik und die Verkehrsdichte zu überlisten – die Raser bekommen meist die Quittung und die Bestätigung für die Sinnlosigkeit ihrer Anstrengung postwendend an der nächsten Ampelkreuzung oder dem nächsten Stau. Und: Es wird enger mit jedem Tag auf unseren immer schlechter werdenden Straßen und Autobahnen.

Risiken sind das letzte Abenteuer

Das Verkehrsaufkommen über alle Verkehrsmittel steigt stetig. Der steigende Kostendruck, rapide wachsende Verkehrsdichte, aber auch Parkplatz-Rückbau, künstliche Verengungen etc. steigern die Aggressivität. Die automobile Gesellschaft und der ihr eigene Zwang, alles beweglich und selbstverständlich individuell und jetzt bekommen zu müssen, ist das Hauptmotiv dabei. Es wird deshalb normal, heute zu bestellen, morgen geliefert zu bekommen und übermorgen das bestellte Gut wieder umzutauschen. Die Begleitumstände für Aggression verbessern sich in einer sich auslebenden Individualgesellschaft ebenfalls drastisch, denn das in den Medien propagierte Eingehen von Risiken ist das letzte alltägliche Abenteuer unserer durch und durch zivilisierten Lebenswelt.

Rücksicht ist nicht mehr gefragt

Wir leben in einer Risiko-Gesellschaft, in der altruistische oder rücksichtsvolle Werte überall obsolet geworden sind, natürlich auch im Straßenverkehr. Die Verkehrsmoral oder das strikte Befolgen von Regeln oder einer Moral ist riskant geworden, und niemand kann sich diesem Zwang zur begrenzten Regelverletzung entziehen. Das kostet das Regel-Über-Ich Nerven, und es entsteht ein Kreislauf von Ärger, Wut und schließlich Kampfeslust. Man hupt oder gestikuliert wie ein wild gewordener Stier. Medien unterstellen uns Autofahrern darum gerne aggressive Motive, die auch das Verhalten anderer „Primaten“ zu regeln scheinen: Machttrieb, Dominanzstreben, Imponiergehabe.

Solche psychologischen Erklärungen des Phänomens „Aggression im Straßenverkehr“ beziehen sich zumeist auf den einzelnen, „sich aggressiv verhaltenden“ Autofahrer: Gestresst, unter Zeit- oder sonstigem Druck begibt er sich in den Straßenverkehr, wird dort zusätzlich behindert, geärgert oder sonst wie frustriert – und schon passiert es: Er rastet aus, fährt dicht auf, und es kommt zu Beschimpfungen und dem Zeigen des „Stinkefingers“.