Was war. Was wird.
Das Böse der Welt -- für manche ist es die Hitze, für einige Open Source, für andere wieder Microsoft. Ach ja, sommerliche Temperaturen führen zu so manch geistigen Ausfällen, auch im Internet, befürchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Eine Stunde und 40 Minuten war die Website Microsoft.com am Freitag, den 1. August nicht erreichbar, weil eine DDoS-Attacke gegen Microsoft geritten wurde. Ein Schicksal, das Microsoft mit anderen Firmen und Nordrhein-Westfalen teilt. Nicht einmal 40 Minuten dauerte es, bis die Pressemitteilung zum Vorfall an die Mailboxen der Journalisten andockte und versicherte, dass die Attacke nichts mit irgendeiner der bekannten Unsicherheit von Microsoft-Software zu tun habe. Schnell und ehrlich, so wünscht man sich als Journalist die professionelle Pressearbeit, zumal im Sommer, wenn Server und Gletscher schmelzen. Doch die Realität sieht anders aus. Auch über der norddeutschen Tiefebene liegt die Hitzeglocke, manchem zur Freude, manchem zum Jammer. Jammern aber, das kann man viel besser als über die Hitze dann doch über das Böse in der Welt, das sich in verschiedensten Ausprägungen zeigt. Nehmen wir nur diese Meldung vom anderen Ufer über Ungerechtigkeiten von Kosten-Studien. Am ersten August verschickt, kündet sie von einer Boshaftigkeit, die Microsoft früher im Monat gesponsert haben soll. Vielleicht vor der besagten einen Stunde, 40 Minuten. Meldungen dieser Art freuen uns Journalisten, fördern sie doch die Lust an der Recherche, die selbst an heißen Tage nie versiegt und ständig steigt. Mitunter gibt es Meldungen, die die Lust auf den Gipfel treibt, etwa von der erfolgreichen Firma Lycos zum nationalen britischen Orgasmus-Tag, welchselbiger der (Recherche, Recherche) 1. August sein soll. Die Frage nach dem deutschen Orgasmus-Tag erübrigt sich, denn 1.) hat die Bundesliga angefangen und 2.) schicken die Deutschen MMS von Torschüssen, nicht von Samenergüssen. Der G-Punkt ist bei uns ein T-Punkt, und die T-Wurst ein Blutegel.
*** Wie war das mit den Ausfällen und der Hitze? Aber es geht auch andes, denn wie anders sind da die Meldungen über den Zustand dieser Republik. Etwa über das IT-Desaster namens Toll-Collect. Offiziell werden beim rot-grünen Prestigeprojekt fehlende Bordcomputer genannt, doch inoffiziell sieht die Wahrheit ganz anders aus: 20 Minuten dauert die Buchung einer einzigen Fahrt über das Internet, bis zu 30 Minuten brauchen die Automaten an den Tankstellen und Grenzübergängen. Die Spediteure quengeln um die Automaten, doch interessiert sie das System erst, wenn das "gläserne" Telematik-Gateway fertig ist, mit dem Daten von CAN-Bus der Laster abgegriffen werden können. Das Gateway wird frühestens im Mai 2004 fertig sein. Damit freuen sich alle, wenn die verlängerte Testphase verlängert wird und das Stolpern eine neue Bedeutung erfährt. Es geht ein Ruck durch dieses Land. Ein How Ruck. Und noch ein grüner.
*** War also doch nichts damit, dass es in der Hitze auch anders geht. Dabei fühlt sich meine Wenigkeit wohl bei steigenden Temperaturen und kann sich frohgemut den entscheidenden Fragen des Lebens widmen. Daher nach dem Maut-Unsinn geschwind der Frage zugewandt, ob sich das Thema Grüne und IT beißt. In Amerika jedenfalls nicht. Ausgerechnet am MIT ist die Idee eines Corporate Fallout Detectors entstanden, der mit mangelhafter wissenschaftlicher Präzision arbeitet. Doch darum geht es nicht. Es gibt genug Datenbestände, die sinnvoll abgefragt werden können. Der kleine Keyring-Sensor, der ein WLAN findet oder ein Gerät, das auf Transponder reagiert, sind Beispiele, die nach ergänzenden Daten rufen. Dagegen stehen Produkte, in denen die Technik immer mehr dem Zugriff entzogen wird wie die Un-CDs oder wie die digitale Wegwerfkamera, die nur vom Händler ausgelesen werden kann.
*** Also doch die Hitze? Immerhin, Produkte dieser Art haben etwas Hirnverbranntes. Was mich zum neuesten Film von Ben Affleck bringt. Affleck steigt bei der Firma All.com in ein Reverse Engineering-Projekt ein, an dessen Ende das Gedächtnis zerstört werden muss -- eigentlich ein typischer Job aus dem Silly-com Valley. Uneigentlich hat Philip K. Dick die Geschichte geschrieben und damit kann die Sache interessant werden, in den großen Kanon der Computerfilme aufgenommen zu werden, wie Minority Report. Für die Anregungen der Leser zur Liste der Computerfilme habe ich zu danken. Wenn der Sommer im Fernsehen noch so seicht weiter geht, hier kam Stoff ohne Ende zusammen, der die Länge aller Wochenschauen sprengt. Heute kommen die Anfänge, in denen unsere Piraten des Silicon Valley und ihre Gegner noch keine Rolle spielten.
*** Schwierig ist es, den Anfang zu finden. Man könnte inhaltlich mit dem Werk über Ada Lovelace beginnen, doch wäre dies nicht der typische Computerfilm. Den Anfang müsste eigentlich La cinematografia futurista der italienischen Futuristen aus dem Jahre 1916 machen, doch leider blieb der Ansatz filmlos. Damit ist Fritz Langs Metropolis aus dem Jahre 1927 der Anfang, obwohl Computer damals nur als Hollerith-Karten bekannt waren. Im Film entwickelt der Erfinder Rotwang die ersten Regeln für ein User-Interface, meinten Bonni Nardi und Vicki O' Day. Bis zum ersten echten Computerfilm dauerte es dann etwas: 1956 erschien Desk Set, auf Deutsch "Die Frau die alles weiß". Ein Jahr später hatte dann im Invisible Boy ("SOS Raumschiff") das erste böse Elektronenhirn seinen Auftritt, das die Welt beherrschen will. Bekannt wurde der Film durch den Roboter Robby, einem Vorläufer des R2D2. Im Jahre 1965 folgte der von Bull Computer gesponserte Alphaville ("Lemmy Caution gegen Alpha 60" -- blöde deutsche Filmtitel haben eine lange Tradition) den ich unlängst erwähnte. Murmeln wir nicht alle täglich "Es geht mir sehr gut, danke, bitte schön"? Im Jahre 1968 folgte 2001, A Space Odyssey ("2001, Odyssee im Weltraum"), immerhin der Film, dem ich wie ein e-Book meine Existenz als e-Charakter verdanke. Es gibt keinen besseren Film, es gibt keinen besseren Computer, es gibt keinen besseren Computer, es gibt nur ... "Daisy, Daisy, give me your answer do. I'm half crazy, all for the love of you. It won't be a stylish marriage, I can't afford a carriage, but you'll look sweet upon the seat of a bicycle built for two..."
*** Reboot: Aus völlig nichtigem Anlass möchte ich an den großen Journalisten Ernie Pyle erinnern, der heute vor 103 Jahren geboren wurde. Für viele ist er der Journalist, der wochenlang unter den Leprakranken von Molokai lebte und darüber schrieb. Doch Ernie Pyle war der erste "Embedded Journalist", der mit den Truppen zog und schrieb, aber einer, der sich nicht für das Kriegshandwerk begeistern konnte und das trostlose Leben der Soldaten schilderte. Vonn mehr als 700 Embedded Journalisten sind nur noch 23 im Irak verblieben, der große Rest arbeitet fieberhaft an dem "Buch zum Krieg". Ernie Pyle wird niemals auf den Ehrenseiten großer Journalisten auftauchen, die sich die "Süddeutsche Zeitung" so gerne ans Revers heftet. Nicht, dass dies Ernie Pyle gejuckt hätte. Er hätte sich aber wohl dafür interessiert, an ein Ereignis in einem Ort namens Treblinka zu erinnern, das vor 60 Jahren stattfand, das aber der deutschen Journaille kaum einer Erwähnung wert ist.
Was wird.
Kein Blick in die Zukunft ohne unser Sommertheater, wie immer kommentiert von Shakespeare:
Die ganze Welt ist BĂĽhne,
Und alle Frau'n und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab.
Die ganze Welt? Mehr nicht? Ein großer Auftritt für SCO, das nunmehr den Slogan "The world is not enough" lizensiert hat und damit zum Grübeln zwingt, ob vielleicht Plan 9 from Outer Space Codezeilen gefressen hat. Vor der Entwicklerkonferenz für seine Getreuen in Las Vegas steht am 14. 8. die Bekanntgabe glänzender Quartalszahlen, zu denen die SCO Group die erweiterte Öffentlichkeit aufruft. Die Bekanntgabe der Quartalszahlen, nicht der Codezeilen, die die Welt bewegen. Wer die wöchentlichen Pressemeldungen verfolgt, kann übrigens die Entdeckung machen, dass sich die Zahl der Entwickler vor Las Vegas von 8000 auf 4000 reduziert hat, so jedenfalls die Meldung zu einer neuen Personality. Vielleicht sind sie gefressen worden? Nur keine Panik, denn Unterstellungen gibt es auch so genug. Und Halluzinieren sollte man am besten im Freien. Deswegen ist Berlin nächste Woche ein Portal eigener Art.
So endet diese Kolumne auch im Hitze-Delirium, könnte der geneigte Leser meinen. Aber, wie erwähnt, etwas mediterranere Temperaturen sind auch mir Bewohner der norddeutschen Tiefebene willkommen, zumal sie es einfacher machen, mein Mütchen zu kühlen. "Wer denkt, ist nicht wütend", soll unser aller Wiesengrund gesagt haben. Und die Herren in Beige und Schlammgrün tanzen einen Stehblues dazu: Ach, der Warencharakter der Rebellion, wer könnte ihn besser umschreiben als Adorno in seinen Kommentaren zur Popmusik. Immerhin, wenn das Lied einer so genannten Protestsängerin über Sacco und Vanzetti als FuMo auf Bahnhöfen gedudelt wird, hat die Pop-Musik ihre eigentliche Bestimmung realisiert -- von wegen, Pop ist revolutionär. Here's to you? Prösterchen, bussi, bussi, und Curt Cobain zelebriert den Selbstmord als Eintrittskarte in den Superstar-Himmel. Die Good Fellas erscheinen angesichts der modernen Musikbranche als die interessantere Alternative. In diesem Sinne -- genießt den Sommer, Leute! (Hal Faber) / (jk)