Momentaufnahme: Wie steht der Fachhandel zu Green-IT?
Die einen sind von dem Begriff nur noch genervt, für andere ist energieeffiziente IT bereits beste Basis für erfolgreiche Geschäfte. Doch, wie steht der Fachhandel zu Green IT und wie kann er das Thema für sich zum Mehrwert machen?
Am meisten kann der Handel immer noch mit grüner Hardware umsetzen, interessante Margen versprechen jedoch Serices.
(Bild: Experton Group)
Ja, es ist vermutlich eine der "bescheuertsten" Wortschöpfungen der IT-Branche, wie Kolumnist Damian Sicking treffend bemerkte. Aber wie so viele andere Verlegenheitslösungen zeigt auch der Begriff "Green IT" einen ungeheuren Überlebenswillen. Und das Marktpotenzial, das dahinter steckt, hat es wirklich in sich. Wie die Analysten der Experton Group im Oktober dieses Jahres aufzeigten, verdoppelte sich das Umsatzvolumen in Deutschland mit Green IT nahezu im Vergleich zum Vorjahr – und für die nächsten zwei Jahre prognostizieren die Marktforschungs- und Consultingspezialisten eine weitere enorme Steigerung der Nachfrage nach "Green IT".
Aber wo findet der Fachhandel Kunden für Green IT?
Wolfram Vossel, Inhaber von Vossel-Solution, konzentriert sich derzeit auf Virtualisierung und baut sein Cloud Computing-Angebot aus.
(Bild: Vossel)
Laut Wolfram Vossel, Inhaber von Vossel-Solution, und schon seit 2007 spezialisiert auf energieeffiziente Lösungen, investieren nur solche Entscheider in rundherum "grüne Projekte", die auch im Privatleben sehr umweltbewusst sind. Doch aufgrund der Wirtschaftskrise werden die immer seltener, viele legen selbst notwendige Infrastrukturprojekte derzeit auf Eis, stellt Vossel fest. Allein mit Virtualisierung und zunehmend auch dem Thema Cloud Computing kann selbst ein ambitionierter "grüner" Dienstleister wie Vossel in der aktuellen Situation die Kunden noch überzeugen – "weil sie wegen der Kosten nicht mehr daran vorbei kommen", betont Vossel.
Keine Einzelfälle sondern schon regelmäßige Kunden sind laut Vossel hingegen Hoster. Aufgrund der enormen Konkurrenz in diesem Marktsegment entscheidet jedes eingesparte Watt beim Betrieb eines Rechenzentrums über Gewinn oder Verlust. Hier ist aber allein die Kosteneffizienz ausschlaggebend, die Umweltschonung meist nur ein zufälliges Nebenprodukt.
Auch Behörden sind garantierte Abnehmer von Green IT, da sie rechtlich dazu verpflichtet sind, bei IT-Neukäufen darauf zu achten, dass diese 40 Prozent weniger Strom verbrauchen als die alten Systeme. Diese Investitionen werden unter anderem durch das Konjunkturpaket II finanziert, das nun endlich in die Gänge gekommen ist – die Regierung sorgt sich gar schon angesichts ungenutzter Födermittel für Green IT. Fachhändler und Systemhäuser können sich hier als Anbieter mehrstufiger Services positionieren. Dem ersten Schritt, der sogenannten Basiswertermittlung, können dann noch Auswahl und Installation sowie optional die Betreuung effizienterer IT folgen.
Wie Vossel bestätigt auch Experton-Vorstand Andreas Zilch insbesondere das hohe Interesse von Rechenzentrumsbetreibern an effizienteren Lösungen. Seiner Einschätzung nach zählen zudem Stadtwerke (Utilities) sowie Versicherungen zu den sicheren Green IT-Käufern. Vor allem bei Rückversicherern sei der Umweltgedanke besonders hoch angesiedelt.
Experton-Vorstand Andreas Zilch sieht für geschulte Händler hohes Beratungspotenzial bei KMUs und Großkunden
(Bild: Experton Group)
Im Umfeld der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) ist Green IT unterdessen noch kein nennenswertes Thema. Doch durch die Entwicklung der Energiekosten und gesetzliche Vorgaben entsteht bereits ein gewisser Druck auf die Entscheider. Das macht sich zunächst bei den Großkonzernen bemerkbar. In deren Lieferketten werden in Zukunft ähnlich wie bei der Qualitätsnormierung ISO 9000 Nachhaltigkeitsnachweise verlangt.
Schon heute zuverlässige Abnehmer effizienter und kostensparender IT sind Kunden aus dem Gesundheitswesen. Wobei hier oftmals die Hersteller selbst die medizinischen Institute überzeugen können, wie es beispielsweise Sun Microsystems vormacht und wie es von Dell bestätigt wird: "Wir haben Green IT zu einem Dell-Thema gemacht und verfolgen es unabhängig von den Vertriebskanälen ganzheitlich", erklärt Thomas Bleeker, Sales Manager Channel Lead Germany bei Dell. "Unsere Green IT-Informationen gehen an alle Kunden, ob auf direktem Weg oder über den Channel."
Gezielte Infos besser als Gießkannenprinzip
Liegt hier das eigentliche Problem, dass bisher nur recht wenige Fachhändler und Berater wie Vossel und vor allem große Systemhäuser wie Computacenter oder Bechtle Green IT zu ihrem Thema gemacht haben? Haben die Hersteller einen zu guten Job gemacht? Heutzutage sind doch fast alle Produkte und Lösungen ohne Aufpreis effizient und kostensparend, End-to-End-Lösungen (also umweltgerechte Entwicklung, Produktion, Versand und Verpackung, Betrieb und letztendlich Entsorgung) interessieren kaum noch jemanden, da dies in der Verantwortung der Hersteller liegt.
Die Deutsche Energie-Agentur aktualisiert ständig die Infos zu besonders Strom sparenden Office-Produkten.
(Bild: Dena)
Auch bei der Information der Channel-Partner hat es die Industrie in den letzten Jahren vielleicht auch zu gut gemeint und Händler wie auch Systemhäuser hoch dosiert mit Infos und POS-Material zu ihren jeweiligen Produkten und Lösungen überschüttet. Das Ende vom Lied: Das Gros der Desinteressierten hat die Schotten dicht gemacht und diejenigen, die ernsthaft an dem Thema interessiert sind, bekommen keine gezielte Unterstützung und Schulung, um aus dem Wust an Einzelinformationen die optimale Lösung für ihre Kunden herauszusuchen.
Doch das soll sich ändern. Die Channel-Verantwortlichen von Fujitsu Technology Solutions (FTS) erklärten auf Anfrage von heise resale, dass "bei Fachhändlern und Systemhäusern die Aufmerksamkeit für das Thema immer mehr Einzug hält. Doch die IT-Industrie als Anbieter von Energie sparender Technologien sollte – gemeinsam mit der Politik – noch stärker als Aufklärer in die Pflicht treten." Dazu habe FTS beispielsweise auf dem Channel Partner Portal den "Green IT Kalkulator" zugänglich gemacht. Hilfestellung für Hersteller bietet auch die Experton Group an: Mit dem "Green IT Partner Enablement"-Programm soll die Industrie wirklich interessierte Fachhandelspartner erkennen und sie dann gezielt schulen und zertifizieren.
Selbst ist der Handel
Jetzt sind Sie gefragt!
Und was für ein Typ sind Sie? Bieten Sie schon Green IT an? Interessiert Sie dieses margenträchtige Marktsegment? Berichten Sie von Ihren Erfahrungen und tauschen Sie sich mit Ihren Kollegen aus. Nutzen Sie einfach die Kommentarfunktion im Forum.
Wer als Fachhändler oder Systemhaus nicht warten will, bis der Kunde selbst nach "grüner IT" fragt oder schlimmer noch, der Wettbewerber den energiebewussten Kunden abwirbt, findet im Folgenden einige Websites, die ihm herstellerübergreifend einen Überblick über aktuelle Green IT verschaffen.
- Die Deutsche Energie-Agentur listet beispielsweise in ihrer Office Top Ten in diversen Produktkategorien die sparsamsten Office-Drucker, Monitore sowie PCs und Notebooks auf.
- Sehr komfortabel hat Actebis Peacock als einer der wenigen Distributoren grüne Produkte aus allen Kategorien für die Handelspartner zusammengestellt.
- Wie energiebewusst die anvisierten Kundengruppen überhaupt schon sind, zeigen beispielsweise Studien von der Experton Group oder speicherguide.de (Green Storage im Mittelstand).
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