Was war. Was wird.
Es gibt keinen Grund, alles zu erklären, es gibt keinen Zwang, sich zu rechtfertigen, ein Blick genügt: 1+1 ist fünf. Ja, die Lyrik der EDV-Manager kann selbst Hal Faber in ungläubiges Staunen versetzen.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Verstehen, einfach nur verstehen. Wortloses Wohlgefallen, wollüstige Wonne. Auf derselben Wellenlänge funken, einander in die Augen schauen und alles wissen. Es gibt keinen Grund, alles zu erklären, es gibt keinen Zwang, sich zu rechtfertigen, ein Blick genügt. 1+1 ist fünf, wenn man den richtigen Partner hat, sich fallenlassen kann und doch aufgefangen wird, wo man sich schwach zeigen kann, ohne Stärke zu provozieren. Beim richtigen Partner macht es einfach klick und die totale Harmonie ist da, die Himmel sind voller Geigen. Engel und Pferde singen und das Glück ist perfekt. Und was das Beste an der ganzen Sache ist: Man braucht keinen Mann und keine Frau. Seit Dienstag genügt ein einfacher Computer, wenn man sein volles Potenzial in einer Partnerschaft ausleben will. Ein Computer und Windows XP Media Center Edition 2004, eine unglaublich erfüllende Beziehung zu finden, eine Partnerschaft, die einfach klickt und alle Sinne erhöht. Windows über alles. Nein, Ich kann es nicht lassen, ich muss Microsofts Chief Executive Poet Allchin zitieren:
"Have you ever had a partnership that just clicks? You're so on the same wavelength, you finish each others' sentences. When you get together, 1+1 equals five. There's no need to explain context, approach, or intention. You have such a great time focusing on what you need to get done that distractions or interruptions simply don't get through. This type of partnership is exhilarating. It's super productive and incredibly fulfilling. It almost heightens your senses - working together is a natural, intuitive, powerful, and immersive experience. This is the type of "partnership" we envision people having with their PC."
*** Was können andere gegen diese Beziehung ausrichten? Linux, mit einem Torvalds, der, wenn er denn mal schwärmt, nur seiner Tove in die Augen schaut? Der heute vor 12 Jahren in comp.os.minix von den Zeiten schwärmte, als "Männer noch Männer waren und ihre eigenen Gerätetreiber schrieben", nur um im selben Posting der Welt den ultimativen Gerätetreiber Linux vorzustellen? Da kann man doch nur müde lächeln: Wo Männer noch Männer sind, ergibt 1+1 selten 5. Überhaupt sieht eine erfüllte Partnerschaft anders aus. Freibier und freie Rede für alle, die ein erfülltes Leben jenseits der Rechner suchen!
*** Wobei, wenn wir schon über ideale Partner, Männer und Frauen, Microsoft und Linux grübeln, der gute Immanuel Kant nicht fehlen darf, der von der Geschlechtsneigung kalt philosophierte: "Der Mann erwirbt ein Weib, das Paar erwirbt Kinder und die Familie Gesinde." Das Update der Erkenntnis ist fällig, dass die Familie heute Computer, nicht Gesinde erwirbt. Die Windows XP Media Center Edition erledigt dann den Rest. Und, historisch gestimmt, sei auch an den armen Juden Otto Weininger erinnert, der über das Verhältnis der Geschlechter und dem Gesetz ihrer Anziehung ideologischen Sperrmüll vom Feinsten publizierte und sich vor hundert Jahren entleibte und verseeligte.
*** Es waren zwei Schweinekarbonaden
Die kehrten zurĂĽck in den Fleischerladen
Und sagten, so ganz von oben hin:
Menèh tékel ûpharsin.
So dichtete einst der große Ringelnatz: Gewogen und zu leicht befunden, das verübeln nicht nur frei umherschweifende Koteletts. Man nehme nur die Durchblicker, die zur deutschen Einheit wieder einmal den Osten und seine Bewohner abbürsten und den tendenziellen Fall der Orgasmusrate bejammern konnten. Auf jeden Besserwessi kommt ein Schlechterossi. Gegen die gängige Lektüre erinnert ein Jubiläum an die andere Seite der Medaille: Vor 50 Jahren starb der jüdische Schriftsteller, Arzt und Botschafter Friedrich Wolf, den die heutige Zeit nur noch als Vater von Mischa und Konrad Wolf wahrnimmt. "Menetekel oder die fliegenden Untertassen" ist das letzte Buch von Friedrich Wolf. 1952 erschienen, erzählt es die durchgeknallte Geschichte vom Weltkonzern C.C.C., der den III. Weltkrieg starten möchte, um seine Kleinstbunker verkaufen zu können. Zu Werbezwecken entwickelt der Konzern ein Action-Spiel, eine Mischung aus Computerspiel und Flipper, mit attackierenden Raketen und einstürzenden Neubauten. Das Buch ist eine Abrechnung mit der Dianetik, nur zwei Jahre nach dem ideologischen Sperrmüll eines Ron Hubbards. Noch bevor sich Scientology sammelte, warnte Friedrich Wolf vor der neuen kapitalistischen Religion.
*** Religiös sind sie, die Köpfe der SCO Group und der dahinter stehenden Canopy Group, die im Staate Utah angesehene Bürger und Kirchenvorsteher sind. Als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage arbeiten sie unverdrossen am Projekt, aus allen Linux-Installationen den Zehnten zu bekommen. Die wöchentliche Produktion der Theatertruppe kann sich sehen lassen: Ein Aufschub vor Gericht hier, eine vage Klagedrohung dort, und als schlussendlich präsentierter Beweis ein Fetzel der besonderen Art: Die berühmte Powerpoint-Datei, die an diesem Wasserloch im Web SCO-Forum Aufsehen erregte. Da lacht das Herz des Sonntagslesers, wenn er sontag_heise zum Morgenkaffee öffnen kann. Die Freuden des Herbstes muss Shakespeare kommentieren: "Wahnsinn bei Großen darf nicht ohne Wache gehen."
*** Doch machnmal reizt die Wache zur Lache: Der Linux-Evangelist Eric S. Raymond ist so ein Fall. Kaum hatte sich ein Analyst von Merrill Lynch nach der Bekanntgabe erwarteter roter Zahlen in einem offenen Brief an Scott McNealy drastisch über den Zustand der Firma Sun Microsystems geäußert, meldete Raymond sich besorgt zu Wort und fragt, was um Himmelswillen bloß aus OpenOffice und Java werden soll. Doch genauso prompt hat sich Hewlett Packard zu Worte gemeldet und eine Sun-Lifeline offeriert: Kunden, die die einsturzgefährdete Sun-Plattform verlassen wollen, bekommen 25.000 Dollar an Beratunsgdiensten, dazu können sie als Proof of Concept einen Port einer Anwendung auf einen Standard-Server von HP haben, der unter Linux läuft. Sollte Sun den Löffel abgeben, dürften blitzschnell ähnlich günstige Offerten für Java und OpenOffice auftauchen -- natürlich von Microsoft.
*** Der Wahnsinn der Großen reizt auch zur Nachfrage, wer groß ist und wer gefährlich. Vor über einem Jahr lästerte ich an dieser Stelle über das unübersichtliche Gemengelage von Toqueville-Institut und Toqueville-Societey, beide auf ihre Art von Microsoft mitfinanziert. Das Toqueville-Institut hatte damals eine Studie vorgelegt, die vor dem Einsatz von Linux warnte. Nun hat der Präsident des Institutes richtig nachgelegt und die Weltverschwörung hinter Linux sowie der Bewegung gegen Softwarepatente aufgedeckt, gegen die die von Bush so schmerzlich gesuchten ABC-Waffen im Irak die sprichwörtlichen Peanuts sind. Die Chinesen und Inder wollen ein Umschlagplatz für Entwicklungsländer werden, die sich vom Joch der amerikanischen Softwarehegemonie befreien wollen, das mag noch als Beschreibung angehen. Aber warum nennt es der Autor Diebstahl, was ein legitimes Bedürfnis souveräner Staaten ist? Wo finden wir den kriminellen Klau, wenn nicht in dem Umstand, dass ein indischer Programmierer mit 6000 Dollar Jahresgehalt anfängt und 280.000 pro Jahr dort ausgebildet werden, Tendenz steigend? Die Zahlen für China dürften aus amerikanischer Sicht noch drastischer aussehen. Apropos amerikanische Sicht: Parallel zum WWWW der letzten Woche ließ Nigeria seinen ersten Satelliten in das Weltall schießen. Man muss lange suchen, wenn man einen hämischeren Artikel finden will als diesen, geschrieben in einem Land, das fast alle Umweltabsprachen der letzten Jahrzehnte ignoriert.
*** Visionäre und Warner trennen mehr als ein Aufstrich im ersten Buchstaben. Manchmal ist es eine Art Reflex, der sie unterscheidet. Joseph Weizenbaum, in dieser Woche zum Ehrenmitglied der GI gekürt, verglühte fast vor Ärger, vom Laudator als Pop-Star der Informatik gelobt zu werden, obwohl er sicher alles andere als ein Pop-Scientist ist. Als Popstar bezeichnet zu werden, nein, das ist dieser Tage wirklich nicht nett. Viele Komponisten würden sich nicht trauen zu komponieren, was sie heute komponieren, lebte Adorno noch, meinte Heinz-Klaus Metzger anlässlich des Großdenkers 100. Geburtstag -- denn die Komponisten müssten mit Adornos ätzender Kritik an dem rechnen, was sie da so zusammenkomponieren. Nun dürfte Adorno die Popkompositionen kaum der Kritik für würdig befunden haben, seine abgrundtiefe Ablehnung der auch in der Popmusik sich allzu deutlich materialisierenden Kulturindustrie wird mit Superstars und ähnlichem Gesocks wohl noch dem letzten Zweifler verständlich. Wobei Adornos Jazz-Kritik möglicherweise ein Missverständnis war -- am Klavier bewies er auch darin große Meisterschaft. Auch die Amerikanerin Carla Bley aber kann sich, während sie nach Amerika sucht, nicht zwischen Hurrapatriotismus und Verzweiflung entscheiden, während der Israeli Gilad Atzmon aus Angst vor Verhaftung im Exil lebt und seine neue Platte ebenso nennt. "In Israel herrscht ein Apartheidstaat", meinte Atzmon in einem Interview in London. Derweil schlachten fundamentalistische Palästinenser, gerade wieder und ihrer Ansicht nach wohl passend zu Jom Kippur, wahllos israelische Bürger ab. Es gibt weder richtige Musik noch richtiges Leben im falschen. So werden Bley und Atzmon wohl genauso wie Weizenbaum keine Popstars. Warner und Visionäre dagegen finden sich mitunter in ein und derselben Person. 1+1 macht 1, ganz klar.
*** Nehmen wir nur Bill Joy, der nach seinem Abschied von Sun Microsystems hier und dort Interviews gibt. Vor Jahren warnte Joy vehement vor einer Gesellschaft, die sich unkritisch auf die Nanotechnologie einlässt. Heute will er die Warnung nicht mehr ganz so harsch aussprechen. Dagegen kann man Ray Kurzweil setzen, der einstmals in seinem Homo S@piens die Nanobots feierte, die unsere Arbeit übernehmen. Heute warnt er davor, die Nanobots ohne abwehrbereites (menschliches) Immunsystem in die Welt zu lassen. Was bleibt, ist die Beruhigung, dass auch Visionäre fehlen können, wenn sie beispielsweise nicht erkennen, dass Hypercard alles Zeug gehabt hätte, das lästige HTML vergessen zu machen.
Was wird.
Lästiges HTML, lästige Standards: Kann es optimistisch stimmen, wenn Internet-Preise wie der bald zu vergebende Neo-Awards so miserabel programmiert sind, dass es schon wieder ironisch wirkt? Es gibt ja Wellenbewegungen: Auf der kommenden Frankfurter Buchmesse, die terminlich einmal so liegt, dass der glückliche Fischer-Verlag rechtzeitig genug Bücher seines Autors und nunmehrigen Nobelpreisträgers J.M. Coetzee nachdrucken kann, will niemand mehr etwas mit den E-Books zu tun haben, jeder begrüßt die Faszination Comic. Statt King on demand eine Ausstellung berühmter Gemälde aus Entenhausener Privatbesitz und, nothing to fear for an engineer, alle Computer von Daniel Düsentrieb a.k.a. Gyro Gearloose. Anschließend lädt der Bundesbeauftragte für den Datenschutz ein, über Dialer und Spam zu konferieren. Da rufen wir doch gleich den Doc, der immer Letzter werden will. (Hal Faber) / (jk)