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Was war. Was wird.

Gibt es noch Hoffnung? Aber sicher doch: Eine Stunde länger schlafen, und man freut sich an einer Welt, in der ein Olaf Henkel freien Zugang zu Wissen fordert und ein Alexander Kluge den Büchner-Preis bekommt, ist sich Hal Faber sicher.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Zeichen verdichten sich. Im 42. Jahr seiner Existenz startet in dieser Woche der unverwüstliche Perry Rhodan im 33. Zyklus in ein neues Abenteuer. Ein neuer Sohn, dessen Existenz Perry nicht kannte, ist der Anlass. Dann ist da noch der Sechsmillionenmann, ein aufrechter amerikanischer Cyborg, dessen Geschichte mit Jim Carrey neu verfilmt wird. Wer Jaime Sommers spielt, ist unbekannt, wie Cyborgs Liebe machen, wird unbekannt bleiben. "Kämpfen, kämpfen, das ist alles was du kannst", quasselte der Papagei zum nunmehr wissenschaftlich adaptierten Borg. Muss ich noch darauf hinweisen, dass in dieser Woche das Alien von 1979, Mother's Cut, wieder in den Kinos gestartet ist? Jeder Mensch ist ein Ausländer, hieß es früher. Jeder Mensch ist eine Maschine, ein Alien -- und etwas müde, wenn er diesen lauschigen Platz im Web am Sonntagmorgen besucht.

*** In den USA gibt man also Zeit zurück, in Deutschland stellt man sie um, seitdem die zeitresistente DDR verschwunden ist. Alles läuft ganz exakt, bis auf das GPS. Das vergisst seit seinem ersten Lebenstag 1980, die Schaltsekunden mitzurechnen, und freut sich über einen Vorsprung von 13 Sekunden. Schneller ist nur noch die Atomzeit. Das wusste übrigens schon Shakespeare, der seinen Hamlet gegen GPS deklamieren ließ: "Die Zeit ist aus den Fugen, verfluchte Schicksalstücken, dass ich geboren ward, um sie zurechtzurücken." Nein, hier wird nichts zurechtgerückt zu vorgerückter Stunde, hier herrscht der harte Blick auf das kurze Blinken zwischen Empfängniszeit und Altersteilzeit, was wir ein Menschenleben nennen. Wir brauchen einfach eine Zeitmaschine, wusste schon der Vater der Escape-Taste und Entdecker des Y2K-Problems, das heute nur mehr belächelt wird.

*** Weil bei der Terrorbekämpfung jede Sekunde zählt, will das BKA den amerikanischen Kollegen bei der Einwanderungsbehörde einen schnellen Zugriff auf unser Passwesen gestatten, natürlich nur übergangshalber: "use of database sharing with issuing state" soll helfen, bis die biometrischen Wundersperren greifen. Die USA, die gestern vor 20 Jahren einen historischen Sieg in Grenada errang und erschwerend gegen kubanische Bauarbeiter kämpfte, musste wissen, dass niemand eine Insel ist. Es ist die internationale Solidarität, die zählt: Den Bigbrother-Preis, der an die USA verliehen wurde, hätte ebensogut in die Schweiz gehen können. Dort, bei Vadian.net, sitzt der Server, mit dem die stille SMS mit der Software SMS Blaster arbeitet, wie eine Anfrage der Grünen in Niedersachsen ergab. Der geistige Vater dieser Überwachungstechnik, das Geburtstagskind Horst Herold, der Erfinder der Rasterfahndung, der Jäger der RAF und Berater des Terminators, sollte nicht vergessen werden. Gut abgesichert in einer Kaserne konnte der Computer-Visionär seinen 80. Geburtstag feiern. Doch Herold gibt es es überall.

*** Als die Grünen noch einander grün waren, war er ein Star. Am Ende seines langen Lebens trug ihn die Deutschlandliebe in völkische Gefilde. Baldur Springmann, der erste Vorzeige-Ökobauer der Grünen, starb am Freitag im Alter von 91 Jahren. Sein Weg zur Naturreligiösität war nicht logisch, aber konsequent. Immerhin ist eine Springmann-Schily-Partei der Republik erspart geblieben. Bleibt nur noch übrig, an einen weiteren Todestag zu erinnern. Der große Logiker Alfred Tarski, der heute vor 20 Jahren starb, lieferte den logischen Beweis, dass der Satz "Es regnet" genau dann wahr ist, wenn es regnet. Und natürlich ist das ein Fundament, auf dem die Entwicklung des Computers aufbauen konnte.

*** Konsequent und logisch ist das Verhalten der SCO Group -- wenn man die Gruppe als Vereinigung zur organisierten Eintreibung von Linux-Zöllen und nicht als Software-Firma begreift. Zahlreiche Bemühungen, eine der beworbenen Linux-Lizenzen zu erhalten, blieben erfolglos. Nun heißt es, dass SCO zunächst nur die Fortune 1000 um einen Obulus angehen will, in aller Ruhe. Und weil die Zeit, der Wechsel auf die Winterzeit zeigt dies, nun einmal nicht stillsteht, erfleht die Firma ein temporäres Add-On um weitere Börsen-Tage im Prozess mit IBM. Schuld für die Verzögerung tragen IBM und ein Faxgerät, das Seiten unvollständig übermittelte. Wahrscheinlich kommt bald der Hund, der die Diskette mit den Beweisen gefressen hat. Sicher ist nur, dass es weiter geht mit der Geschichte: Das Sommertheater findet seine nahtlose Fortsetzung im Herbst. "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst!" rufen wir mit Shakespeare.

*** Auch die Kunst war dieser Woche gefragt, zumal die Kunst, große Töne zu machen. Jetzt aber fetzt die Inbox. Noch besser konnte der Zwilling der Kunst gefallen, die hehre Wissenschaft, die in dieser Woche die Berliner Deklaration unterzeichnete. Sogar der viel gescholtene Olaf Henkel bekommt einen Sinn dafür, dass der Sesam geöffnet werden muss. Es besteht also doch noch Hoffnung für dieses unser Land, und das nicht nur, weil der DCTP-Gottseibeiuns aller Privatsender für sein literarisches Schaffen auch noch den Georg-Büchner-Preis bekommt.

Was wird.

Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der junge Filmemacher in patriotischen Wirtschaftswunder-Wir-sind-wieder-wer-Tönen schwelgen statt Kleine Haie zu porträtieren und Lengede zum Fanal für den wundersamen, aber glanzvollen Aufstieg aus völlig unerklärlichen braunen Löchern stilisiert wird. Hoffnung aber gibt es nicht nur für diejenigen, die solche gesamtgesellschaftlichen Petitessen noch für die gesamte Gesellschaft für wichtig erachten, sondern auch für unsere ach so gebeutelte Branche. Kaum hat die erfolgreiche Systems die Pforten zu ihrer geräumigen Schau des Aufschwungs im zweiten Halbjahr geschlossen, öffnet in Frankfurt/Main die LinuxWorld ihre Tore, begleitet von der European Banking & Insurance Fair 2003. Eine gelungene Mischung, könnte man mit Steve Ballmer sagen. Die Kunst, ohne Roadmap erstklassige Software zu machen, trifft auf die Kunst, mit erstklassiger Hardware mögliche Roadmaps zu berechnen. Die Debatte über die Qualität der Open Source dürfte in diesem Winter erst angefangen haben. Weitere Messen und Keynotes warten.

Mehr klein und fein geht es in Leipzig zu, wo sich der Arm der Blaulicht-Branche trifft, der sich mit der mobilen Datenfunktechnik beschäftigt. Die Stimmung ist gehoben, seitdem die Entscheidung der Messeleitung bekannt wurde, dass die Erwähnung von Toll Collect das sofortige Hausverbot zur Folge hat: Dieses Fiasko der "Anderen" soll "unsere" heile Tetra- und Tetrapol-Welt nicht trüben. Auch wenn die Verzögerungen bei der Entscheidung für die nächste Generation des Behördenfunks gleich für das nächste Millionengrab im Staatshaushalt sorgen, will man gesittet bleiben.

Bleibt noch der 29 Oktober zu erwähnen, an dem trotz GEZ gefeiert werden darf: Vor 75 Jahren ging es los mit dem Radio, das via Internet so manchen Coder durch die kalte Nacht begleitet.

Schließlich Tom, würde der Perlentaucher am Ende schreiben. Schließlich D 21, lautet der sachgerechte Hinweis: eSkills, BIT4Health und der deutsche Internetpreis 2003. Die Zeichen verdichten sich. Montag fängt ja der Ramadan an, vielleicht sollten sich manche der wiedererwachenden Bobos lieber diese heilige Zeit zum Anlass nehmen, ebenfalls etwas kürzer zu treten. (Hal Faber) / (jk)