Kopenhagener Dividenden
Die Energietechnik-Branche erhofft sich von einem Erfolg der Klimakonferenz einen kräftigen Schub – auch dank neuer Möglichkeiten im CO2-Handel und im Clean Development Mechanism, über die ebenfalls verhandelt wird.
- Peter Fairley
Die Energietechnik-Branche erhofft sich von einem Erfolg der Klimakonferenz einen kräftigen Schub – auch dank neuer Möglichkeiten im CO2-Handel und im Clean Development Mechanism, über die ebenfalls verhandelt wird.
Ein echter Deal bahnt sich oft erst im Endspurt an. Bis vor wenigen Tagen sah es danach aus, dass die Klimakonferenz in Kopenhagen nur heiße Luft produzieren würde. Dann kündigte US-Präsident Obama überraschend sein persönliches Erscheinen an, bei dem er das Angebot der USA überbringen will, die amerikanischen CO2-Emissionen im Vergleich zum Jahr 2005 bis 2020 um 17 Prozent zu reduzieren. Und einen Tag später stellte auch Chinas Premier Wen Jiabao ein substanzielles Ziel für mehr Energieeffizienz im Reich der Mitte in Aussicht. Seitdem wächst bei Analysten, Ökonomen und Technologie-Entwicklern die Hoffnung, dass der elftägige Verhandlungsmarathon doch noch in einem neuen Klimaschutzpakt enden könnte – und den Markt für neue, bessere Energietechnik beflügelt.
„Das wäre ein wichtiges langfristiges Signal an den Markt, dass sich etliche Nationen verpflichten, etwas zu tun. Besonders in den USA wartet man seit langem darauf“, urteilt Ethan Zindler, der das US-Geschäft für das Londoner Beratungsunternehmen New Energy Finance leitet. Obamas Ankündigung könnte zugleich der Hoffnung entsprungen sein, dass ein Erfolg in Kopenhagen das neue Gesetzespaket zu Energie und Klima durch den Kongress trägt. Es sieht weitere Anreize für Erneuerbare Energien und Großdemonstrationsprojekte zur CO2-Speicherung vor.
Nach Ansicht von Graciela Chichilnisky, Ökonomin an der Columbia University in New York und Architektin der CO2-Handelsinstrumente des Kioto-Protokolls, wird ein Deal in Kopenhagen Obamas Zielmarke eher noch übertreffen. „Das ist das Minimum, das dabei herauskommen wird“, sagt Chichilnisky.
Bezieht man nämlich Obamas 17-Prozent-Ziel auf das Basisjahr des Kiotoprotokolls, 1990, sind es nur noch schlappe drei Prozent, die die größte Wirtschaft der Welt bis 2020 einsparen will. Verglichen mit dem EU-Ziel von 20 Prozent (bezogen auf 1990) und dem japanischen von 25 Prozent ist das nur wenig mehr als nichts. Klimaforscher mahnen gar seit längerem, bis 2050 müsste der weltweite CO2-Ausstoß um 80 bis 90 Prozent gesenkt werden. Das US-Angebot sei deshalb eigentlich „absurd – aber immerhin ein Anfang“, findet Chichilnisky.
Dass von einem Erfolg in Kopenhagen die Zukunft der Erneuerbare-Energien-Branche abhängt, sieht auch Finn Strom Madsen, beim dänischen Windradhersteller Vestas für Forschung und Entwicklung zuständig, so. Dabei gehe es gar nicht so sehr um die konkreten Reduktionsmengen, sondern um den „politischen Konsens, dass wir Alternativen in den konventionellen Energiemix einbringen müssen – und zwar schneller, als wir das derzeit machen."
Vestas hat, im Vertrauen auf ein solches Signal, vor kurzem angekündigt, seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung von immerhin 1357 Mitarbeitern um 50 Prozent aufzustocken. Damit sollen mehrere Projekte gleichzeitig angeschoben werden, darunter: eine Sechs-Megawatt-Anlage für den Offshore-Einsatz, die mehr als doppelt so viel Leistung bringt wie das bislang stärkste Meereswindrad von Vestas; neue schwimmende Gründungen für tiefe Gewässer; und „Tarnkappen-Windräder“, die nicht mehr das Radar der Flugüberwachung stören.
„Sollte sich herausstellen, dass in Kopenhagen gar nichts passiert und die Delegierten sich eher mit Steinen beschmeißen, müssten wir ein paar Projekte überdenken“, droht Madsen. „Wir gehen aber davon aus, dass es am Ende eine politische Einigung geben wird.“
Für Graciela Chichilnisky wäre die auch wichtig, um die CO2-Handelssysteme aus dem Kioto-Protokoll zu erweitern. Sie hat einige Änderungsvorschläge ausgearbeitet, über die in Kopenhagen geredet wird. Einer sieht „miteinander verzahnte Optionen“ vor.
Die USA könnten dann zum Beispiel Optionen auf CO2-Zertifikate kaufen, die ihnen das Recht geben, chinesische Emissionen zu reduzieren. China könnte im Gegenzug Optionen erwerben, die das Recht beinhalten, den USA eigene CO2-Zertifikate zu einem Mindestpreis zu verkaufen. „Auf diese Weise können die USA China nötigen, seine Emissionen zu senken, und die Chinesen können sicher gehen, dass sie dafür dann auch entschädigt werden“, erklärt Chichilnisky die Idee. Davon würden Technologie-Entwickler in beiden Ländern profitieren, weil sie die Ausrüstung zu den realen CO2-Verminderungen liefern, für die die Zertifikate stehen.
Kopenhagen könnte zudem den Clean-Development-Mechanismus (CDM) erweitern, so Chichilnisky. Der erlaubt Entwicklungsländern, durch Aufforstungs- oder Energieprojekte vermiedene CO2-Emissionen an Industrieländer zu verkaufen. Die können die zusätzlichen Zertifikate für ihr CO2-Reduktionsziel verrechnen. Auf diese Weise finanzierten europäische Unternehmen im Rahmen des EU-CO2-Handels das rasante Wachstum der Windenergie in China und Indien mit.
Chichilnisky will den CDM nun auch auf Projekte ausdehnen, bei denen nicht nur ein CO2-Ausstoß verhindert, sondern unterm Strich noch CO2 eingefangen wird, etwa durch Biomasse-Kraftwerke. Denn die Pflanzen, die dort verheizt werden, haben der Atmosphäre während des Wachstums Kohlendioxid entzogen.
Mit dem New Yorker Start-up Global Thermostat untersucht die Professorin außerdem, wie man der Umgebungsluft von Kohlekraftwerken doppelt so viel CO2 entziehen könnte, wie die Anlage produzieren. Auch solche „Air-Capture“-Technologien sollen Teil des CDM werden. Sollte Kopenhagen ein Erfolg werden und der US-Kongress die neuen Gesetze durchwinken, erwartet Chichilnisky „eine Menge Geld und Profite aus sauberen Kraftwerken und dem Einfangen von CO2“.
(nbo)