"Den Methan-Schalter zuerst umlegen"

Der Umweltforscher Kirk Smith über die unterschätzte Bedeutung des Treibhausgases Methan sowie allzu simple Botschaften und falsche Prioritäten beim Klimaschutz.

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Von
  • Niels Boeing

In der Klimaschutzdebatte spielen andere Treibhausgase nur eine Nebenrolle. Zu Unrecht, meint Kirk Smith, Professor für Global Environmental Health an der Universität Berkeley. Angestoßen wurde sein kritischer Blick auf das Schadenspotenzial kurzlebigerer Treibhausgase wie Methan auch durch seine umfangreichen Untersuchungen zur Luftverschmutzung, die er unter anderem in Indien und China machte. Technology Review sprach mit Smith darüber, welche Bedeutung Methan tatsächlich für die globale Erwärmung hat, warum Politik und Wissenschaft sich schwer damit tun und welche Prioritäten beim Klimaschutz gesetzt werden sollten.

Technology Review: Herr Smith, auch in Kopenhagen wird das Treibhausgas Kohlendioxid im Vordergrund stehen. Einige Wissenschaftler sehen diese Verengung der Debatte auf CO2 kritisch. Sie selbst haben gefordert, sich endlich auch mit Methan zu beschäftigen. Warum?

Kirk Smith: Methan ist ein sehr viel stärkeres Treibhausgas als CO2. Eine Tonne Methan hat in den ersten fünf Jahren seiner Verweildauer in der Atmosphäre einen hundert Mal größeren Treibhauseffekt als eine Tonne CO2.

Nur die Hälfte der globalen Erwärmung, die bisher stattgefunden hat, ist auf CO2 zurückzuführen. Der Rest wird von anderen Treibhausgasen verursacht, vor allem von Methan. Umgekehrt gilt für die Zukunft: Weniger als die Hälfte der weiteren Erwärmung, die in den nächsten 20 Jahren erwartet wird, wird vom CO2 angestoßen. Methan wird, zusammen mit Gasen wie Kohlenmonoxid, flüchtigen organischen Verbindungen und Kohlenstoffpartikeln, die größeren Veränderungen bewirken.

Man kann das auch in Zahlen verdeutlichen, wenn man den atmosphärischen Gehalt von Treibhausgasen zusätzlich zum natürlichen Hintergrundgehalt in parts per million CO2-Wirkungsäquivalenten ausdrückt. Bezogen auf das Jahr 1750 waren 2005 zusätzlich 104 ppm CO2 in der Atmosphäre, 57 ppm Methan, 9 ppm Stickoxide und 20 ppm Fluorcarbone. Zusammen sind das knapp 200 ppm über dem Level von 1750, von denen nur etwas mehr als die Hälfte auf CO2 entfällt. Diese Zahlen stammen übrigens aus dem letzten IPCC-Klimareport.

TR: Wie verhält sich der Treibhauseffekt von Methan zu dem von CO2?

Smith: Methan wird viel schneller aus der Atmosphäre entfernt als CO2. Die Hälfte ist nach 8,5 Jahren weg, im Unterschied zu vielen Jahrzehnten bei CO2. Aber eine Tonne Methan resultiert in der Atmosphäre am Ende in 2,75 Extra-Tonnen CO2. Doch selbst wenn man dies nicht berücksichtigt, verursacht eine Tonne Methan, die heute ausgestoßen wird, bis zum Jahr 2075 mehr Erwärmung als eine Tonne CO2. Der kumulierte Treibhauseffekt beider Gase wird erst im Jahr 7300 gleichziehen.

TR: Wie kommt es dann, dass man sich in der Klimaschutzdebatte so sehr auf CO2 konzentriert?

Smith: Natürlich ist CO2 mengenmäßig das wichtigste Treibhausgas. Es gibt gute Gründe, sich darauf zu konzentrieren. Einer ist allerdings nicht wissenschaftlicher Natur. Auf einer Veranstaltung, die Al Gore organisiert hatte, hielt ich einen Vortrag über den Effekt von Methan. Gores Reaktion war ziemlich heftig: Er stritt zwar die wissenschaftliche Bedeutung der kurzlebigeren Gase nicht ab, sagte aber, es wäre eine schlechte Idee, die Botschaft an Öffentlichkeit und Politik damit zu verwässern. Die Botschaft laute: Wir müssen etwas gegen das CO2 machen.

Auch Jim Hansen, einer der bedeutendsten Klimaforscher der Welt, äußerte sich in dieser Richtung – obwohl er selbst im Jahre 2000 ein wegweisendes Paper über die kurzlebigen Treibhausgase veröffentlich hatte. Gore, Hansen und andere fürchten, dass, wenn man über Methan redet, die Leute das so interpretieren, CO2 sei nicht so wichtig. Was natürlich überhaupt nicht der Fall ist.

Hinzu kommt, dass viele in Medien, Politik und sogar der Wissenschaft sich noch nicht so lange mit dem Klimawandel beschäftigen und dessen Komplexität nicht verstehen. Die kurzlebigen Gase sind nun mal sehr komplex. CO2 hingegen ist vergleichsweise einfach zu verstehen, auch wenn das CO2-Problem nicht einfach zu lösen ist.

Es gibt noch einen wichtigen Grund, Methan anzupacken. Es ist eine Vorläufer-Substanz von bodennahem Ozon – das ist selbst ein Treibhausgas und macht einen Teil der Treibhauswirkung von Methan aus. Ozon ist aber auch schädlich für die Gesundheit. Es schädigt außerdem Kulturpflanzen und Ökosysteme, und mit einiger Wahrscheinlichkeit schwächt es auch die Fähigkeit von Wäldern, CO2 aufzunehmen. Das bedeutet also: Methan hat Auswirkungen auf Ökosysteme, Klima und Gesundheit. Natürlich hat auch CO2 Folgen für Ökosysteme, zum Beispiel die Versauerung der Ozeane.

TR: Wie schwierig wäre es, die Methan-Emissionen zu verringern?

Smith: Methan ist leichter anzupacken. Die Technik dafür existiert bereits, und eine Reduktion ließe sich politisch und wirtschaftlich einfacher umsetzen. Dazu bräuchte man kein Instrument wie eine Kohlendioxid-Steuer.

Etwa zwei Drittel des vom Menschen ausgestoßenen Methans stammen aus Müll und aus Lecks in der Förderung und Verteilung von fossilen Brennstoffen. Diese Quellen kann man mittels Regulierung in den Griff bekommen, dazu müssen die Leute nicht ihren Lebenswandel verändern.

Der Rest des anthropogenen Methans kommt aus der Landwirtschaft, besonders aus der Viehhaltung für die Fleischproduktion. Die hat mehr mit unserem Lebenswandel zu tun und dürfte schwieriger zu ändern sein. Allgemein kann man aber sagen: Wenn man Methan-Emissionen reduziert, erreicht man mit demselben Bündel von Maßnahmen sowohl etwas für den Klimaschutz als auch für die Gesundheit.

TR: Wie wĂĽrden Sie dann die Klimaschutzpolitik angehen?

Smith: Angenommen ich hätte zwei Schalter, einen, um schlagartig alle menschlichen CO2-Emissionen zu stoppen und einen für die Methan-Emissionen. Ich dürfte aber nur einen Schalter umlegen – welchen würde ich auswählen, um etwas gegen den Klimawandel in den nächsten 90 Jahren zu tun? Den langfristigen – CO2 – oder den kurzfristigen – Methan?

Ich würde den Methan-Schalter umlegen. Sicher müssen wir auch den anderen umlegen, das ist aber kurzfristig sehr schwierig. Wenn Sie die Methan-Emissionen stoppen, gewinnen Sie Zeit, um herauszufinden, wie man den CO2-Schalter betätigen kann. (nbo)