Was war. Was wird.
Manchmal macht Geschichte einfach nur SpaĂź, manchmal aber muss man sie fast schon zwangsweise kennen, um sie zu besitzen. Das Internet globalisiert allerdings auch die Misthaufen der Menschheit, bedauert Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still", wurde einst dem Arbeiter angedichtet. Diese Woche wurde der Zusammenhang zwischen Stillstand und Arbeit wieder einmal besonders deutlich, als der virtuelle Arbeitsmarkt offiziell eröffnet wurde. 15 Millionen Euro hat der von Accenture gefertigte Web-Auftritt der Wir-AG gekostet, mithin günstiger als die im "Rahmen des Üblichen" liegende Bestellung beim BMW-Händler. Die schöne neue Website ruckelte jedoch kräftig, weil sie nur auf 500.000 Zugriffe ausgelegt ist, das Land jedoch eine Arbeitslosenquote von 10 Prozent hat. Irgendwie muss schließlich auch eine moderne Arbeitsagentur, die sich das gesamte virtuelle Arbeitsmarktprojekt 77 Millionen Euro kosten lässt, einen realistischen Eindruck von der Servicewüste Deutschland vermitteln, barrierefrei und ohne Flash. Darum zünden wir heute über der beliebten Agenturfehlermeldung (APPS_FiltTok_001) aus dem Fundus von .NET ein zweites Lichtlein an und feiern das Jubiläum des Tages: Heute vor fünf Jahren leitete Kanzler Schröder die erste Gesprächsrunde des Bündnisses für Arbeit. Was hat sich nicht alles getan, seitdem sich der starke Arm, der kluge Kanzler und die Armschüttler zusammensetzten und so hübsche Dinge wie die Qualifizierungsoffensive, den Anrechnungstatbestand und die flankierende Lehrstellenzirkulation erfand. Irgendwie ist es schade, dass das Bündnis in diesem Sommer vom runden Tisch fiel.
*** Während der Auftritt der Arbeitsagentur dem Netz einen dicken Happen mit viel Traffic bescherte, besorgte der vom European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia beschlossene Nichtauftritt einer Antisemitismus-Studie für den gegenteiligen Effekt: Bis sich das etüdophobe Gremium selbst zur Veröffentlichung entschloss, tauchte die Studie auf einer halben Hundertschaft von Websites in ganz Europa auf. Das Internet demokratisiert Informationen über Grillhähnchen schneller als die Begründung der Kommission, warum die Studie ins Regal beordert wurde. Der Mut, muslimische Täter muslimische Täter zu nennen, war nicht groß genug. In der Bundesrepublik benennt die Studie für das Jahr 2002 nur vier Vorfälle, davon drei auf Gebäude. Nichts los also, zum Beispiel in Berlin. Andere Länder haben andere Probleme und die Juden ihren Spaß. Fazit der Studie: Das wichtigste Medium zur Ausbreitung des Antisemitismus ist das Internet. Auch dieses langlebige europäische Kulturerbe wird globalisiert. Da erinnert man sich dann doch ganz gerne daran, dass sich die Bevölkerung eines Landes vor 25 Jahren vornahm, nach langer Finsternis doch wieder Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit herzustellen -- was immer man auch vom Ergebnis halten mag. "Die Geschichte gehört denen, die von ihrer Existenz wissen."
*** Bei allem aber, was da heutzutage also so globalisiert wird, hat Max Müller keinen leichten Geburtstag. Der große deutsche Indologe kam vor 180 Jahren auf die Welt und dürfte kaum gefeiert werden. Vielleicht, weil er ein großer britischer Philologe wurde, vielleicht, weil er die indoeuropäischen Sprachwurzeln bei den Ariern vermutete. Anders als viele Gelehrte seiner Zeit blickte Max Müller nicht auf die Inder herunter, deswegen ist er dort einer der bekanntesten Deutschen. Als Indira Gandhi 1976 in einer Ostberliner Ansprache auf Max Müller anstoßen ließ, wusste das gesamte Politbüro nicht, von wem sie redete. Max Müller hatte keine Scheuklappen und beschäftigte sich mit der menschlichen Sprache, was uns zum zweiten Geburtstagskind des Tages bringt: Noam Chomsky wird heute 75. Der Paradekritiker der Globalisierung und der Universalgrammatik ist unter Informatikern wohl gelitten.
*** Bleiben wir in Indien, etwa deshalb, weil die Software AG dort die Arbeitsplätze übernimmt, die Dell gerade aufgegeben hat und das nicht etwa, weil Dell es seinen indischen Angestellten nicht vermitteln konnte, dass Spionagesoftware auf dem Computer ein Feature und kein Bug ist. Mit dem Entscheid für das angreifbare Galileo ist Indien ein Bündnisgenosse auf dem Weg zum großen Bruder und vielleicht ein Kandidat für das beste aller exportierbaren Maut-Systeme. Wo doch der Transrapid und nun auch die Plutoniumanlage in Hanau exportiert werden können, ist einfach Platz in aller Welt für gescheiterte deutsche Spitzenprojekte: Alles muss raus!, auch das Gewissen einer grünen Partei, die die Produktion von Brennelementen in Deutschland für brandgefährlich hält, in China aber wunderbar einsetzbar, zudem die Firma Siemens an dem Schnäppchen gut verdient. Atome sind spaltbar, Moral auch.
*** Es gibt Themen, die sich übereinander lagern wie Schallwellen, auf dass am Ende ein großes Gedröhn entsteht. Die Auseinandersetzung über die Transponder, die die Barcodes ablösen werden, gehört zu diesem Themen. Die Warnungen vor den Transpondern geraten zur blanken Hysterie, die Argumente der Transponder-Industrie kippen zur Realsatire. Die Frage ist, ob Transponder eine andere Qualität haben als die Barcodes, an die jedermann gerwöhnt ist. Wer will schon lange in der Schlange stehen, in der der Preis von Hand in die Kasse getippt wird. Wer will nur bei Aldi einkaufen? Zeitgleich mit dem Kampf gegen das Volkszählungsurteil gab es Initiativen, die die ach so harmlosen Barcodes bekämpften. Heute sind die Barcodes "sauber" und die Transponder "tückisch", weil letztere in ihrem Chip-Design Mechanismen verstauen können, die vom sattsam bekannten DMCA geschützt werden. Das Resultat wäre ein Mix aus beiden Trends, mithin ein Gesetz, das die Entfernung von Transpondern in der gekauften Kleidung (die Diebstahlsicherungen sind auch Transponder) unter Strafe stellt.
*** Es gibt Nachrichten, zu denen fällt mir, frei nach Karl Kraus, nichts ein. Der Rest ist Schweigen -- selbst Bosch hat nichts mehr zu sagen.
Was wird.
Sieben Jahre lief die Kamera, länger als das Bündnis für Arbeit. Nun wird die Jennicam abgeschaltet. Auch Camgirls kriegen den Blues. Ein Ständchen für Jenny, eins für Therese und keins für Elise.
Die Uhr tickt unaufhaltsam, das Jahr geht zu Ende, egal, ob die Sonne scheint oder nicht. Der Jahresendcrash kommt unweigerlich, auch wenn Microsoft zum Hoppser der GebrĂĽder Wright am 17. Dezember den passenden Flugsimulator bietet.
Doch vorher startet noch ein Großereignis, weil vor 55 Jahren die Menschenrechte feierlich beschlossen wurden. Danach starben Menschen weiter rechtlos und wurden wie Vieh abgeschlachtet: "Auch die wahrsten und heiligsten Dogmen können sehr schlechte Auswirkungen haben, wenn sie nicht mit den Prinzipien der Gesellschaft verknüpft werden", heißt es in einem Werk, das Übermorgen vor 255 Jahren erschien. Die wahrsten und heiligsten Dogmen des Informationszeitalters sollen nun, in Abwesenheit des in China Fabriken verkaufenden Bundeskanzlers, zu Genf abgesgnet werden. Als Mega-Event wird uns im besten Amerikanisch der Weltgipfel der Informationsgesellschaft verkauft, der die digitale Kluft schließen soll. Das Ereignis erinnert an den McBride-Report vor 23 Jahren, der eine neue Weltkommunikationsordnung beschwor. Vor überzogenen Erwartungen sollte gewarnt werden wie vor dem Tod auf Zigarettenschachteln. Die digitale Kluft ist da und wird nicht einfach so verschwinden. Es wird immer Menschen geben, die das Internet schlichtweg nicht interessiert. Auch das ist menschliche Freiheit. Für die anderen heißt es mit Peter Lustig: "Und jetzt: Rechner ausschalten!" (Hal Faber) / (jk)