Kommentar: Warum Tablets wie das iPad jetzt funktionieren können
Apples iPad könnte den Tablets neuen Schwung geben, denn die notwendige Zäsur beim Bedienkonzept ist umgesetzt. Kurzfristig ersetzt das iPad weder Smartphone noch E-Book-Reader oder gar das Notebook.
Die Idee eines Tablet PCs ist uralt. Bill Gates hat sie vor fast 10 Jahren auf einer längst vergessenen Konferenz vorgestellt, und in gewisser Weise gehören schon die PDAs wie der Palm Pilot (1996) oder Apple Newton (1993) in diese Kategorie. Auch sie waren nur besonders beachtete, nicht unbedingt die ersten Umsetzungen dieser Idee, die in Science-Fiction-Filmen seit Jahrzehnten formuliert und vorgespielt wird.
Seit etwa 2001 gibt es Tablet PCs auf Windows-Basis, mit der beliebteste und innovativste war der HP Compaq TC1000 samt Nachfolger, sie waren ähnlich dem iPad Slates, für die es eine ansteckbare Tastatur gab. Doch insgesamt wurden in den letzten Jahren bestenfalls ein paar Millionen Tablet PCs verkauft – hauptsächlich an industrielle Abnehmer, die sie mit spezieller Software füttern. Auch die Versuche, noch etwas kleinere Geräte als UMPC oder MID zu vermarkten, brachten wenig bemerkenswertes hervor.
Drei Probleme verhindern bisher den Durchbruch: Tablets sind zu klobig, lassen sich kompliziert bedienen und es gibt kaum passende Anwendungen. Apple hat an allen drei Baustellen gearbeitet und ein den Präsentationen nach stimmiges Gerät zustande gebracht, das lediglich mit 700 Gramm nicht so leicht ist, wie man sich wünschen könnte; wie beim iPhone muss man sich allerdings in einigen Aspekten an Apple binden, die mit einem Gerätehersteller eigentlich wenig zu tun haben.
Die Microsoft-Fraktion kommt hingegen nicht recht voran. Die Oberfläche dümpelt vor sich hin, Microsoft löst viele Details wie die Handschrifterkennung bis fast zur Perfektion, ohne grundlegende Probleme anzupacken, die Zahl von speziellen Tablet-Anwendungen bleibt äußert gering. Lediglich beim Format tut sich etwas: Momentan ist das Archos 9 der kleinste x86-Tablet: 9-Zoll-Display, 1,7 cm dick, 900 Gramm schwer. Der Tablet-Formfaktor ist mit Intels nächster Atom-Plattform Moorestown machbar, die etwa im Sommer marktreif sein soll – das im Januar vorab gezeigte LG GW990 hätte vielleicht sogar einen besseren Eindruck hinterlassen, wäre es nicht als Riesen-Smartphone, sondern als kompakter Tablet vorgestellt worden...
(Bild:Â Archos)
Als dritte Tablet-Fraktion dürften sich die Android-Tablets etablieren. Prototypen gab es auf der CES zu sehen, beispielsweise bei Nvidia und Dell, die Markteinführung eines 7-Zöllers von Archos scheint kurz bevorzustehen. Android dürfte sich allerdings ohne größere Änderungen kaum sinnvoll auf Displays dieser Größe einsetzen lassen – Formfaktor ok, Bedienoberfläche und Programme solala. Immer mehr Intelligenz bekommen auch die E-Book-Reader eingepflanzt, die dann weit mehr können also nur Bücher anzeigen; einige laufen beispielsweise unter Android. Trotzdem bleiben sie aufgrund ihrer Schwarzweiß-Display (meist) ohne Touch ein Nischenprodukt.
Neue Display-Techniken wie Qualcomms Mirasol oder OLED stehen vor der Tür, die E-Book-Readern zum nötigen Farbdisplay verhelfen, aber natürlich auch die anderen Hersteller inklusive Apple beim Abspecken ihrer Tablets unterstützen. In den nächsten Wochen und Monaten dürften also eine ganze Reihe von Tablets auf Android- oder Microsoft-Basis erscheinen, die zumindest auf den ersten Blick ans iPad heranreichen– was auch ein Grund dafür sein dürfte, dass Apple den iPad acht Wochen vor tatsächlicher Lieferbarkeit vorstellt.
Kurzfristige Marktchancen
Den ganzen Microsoft- und Android-Tablets wird das iPad vor allem die große Zahl an iPhone-Anwendungen und die Bedienoberfläche voraus haben. Sie versucht, die Nützlichkeit und Mächtigkeit einer Desktop-Oberfläche mit der Bedienbarkeit der iPhone-Oberfläche zu kombinieren, was Apples Präsentation zu Folge gelungen ist. Denkbar wäre natürlich, dass Microsoft eine ähnlich gut durchdachte Oberfläche baut – Hinweise auf Courier sprechen dafür, die marginalen Fortschritte von Windows Mobile 6.5 dagegen. Selbst dann fehlen den Windows-Tablets konsequent auf Fingerbedienung ausgelegte Anwendungen.
Somit setzt das iPad von Anfang an die Tablet-Idee besser um als die Microsoft-Tablets nach fast zehn Jahren Entwicklung. Dennoch wird das iPad es anfangs schwer haben, weil es noch nicht als neue Gerätekategorie erkannt wird, sondern viele Anwender es sich nur als Ersatz für etwas schon Vorhandenes vorstellen können.
Net- oder Notebook-Anwender müssen erst einmal Touch-Versionen aller Anwendungen finden; die Vielschreiber unter ihnen müssen überlegen, ob ihnen einen echte Tastatur nur noch an der Docking-Station reicht. Wer seine respektable DVD-Sammlung unterwegs schauen möchte, muss alle Filme bei iTunes neu kaufen oder versuchen, sie zu rippen und auf das Tablet zu bekommen. Auch für TV-Aufzeichnungen mag der Weg aufs Tablet nicht ganz steinfrei sein. Für Netbooks als billigen PC ist das iPad (vorbehaltlich überraschend niedriger Euro-Preise) sowieso keine Konkurrenz, weil es ungefähr doppelt so teuer wie ein ähnlich ausgestattetes Netbook ist.
Benutzer bisheriger Tablet PCs vermissen die Handschrifterkennung und die Möglichkeit, präzise mit einem Stift zu zeichnen. Als E-Book-Lesegerät stört das hohe Gewicht; länger als ein, zwei Stunden wird man kaum am Stück lesen können. Für einen guten Medienabspieler fehlt die Möglichkeit, die ganzen Medien lokal zu speichern – ähnliche Geräte haben Festplatten mit mindestens der zehnfachen Speicherkapazität – und sie digital in HD-Qualität an Beamer oder Monitor auszugeben. Die Spiele der Konsolen sind hauptsächlich für die Bedienung per Pad ausgelegt, sodass sie sich per Touchscreen schlechter bedienen lassen. Ein Smartphone-Ersatz wollen die Tablets sowieso nicht sein, sie passen in keine Tasche und sehen beim Telefonieren dämlich aus.
Der Bedarf für Tablets ist allerdings da, und er wächst. Für immer mehr Anwender ist das Smartphone zu wichtigsten Informationsgerät geworden, mit ihm erledigt man morgens den ersten und abends den letzten Blick in die Mails. Es unterhält den Anwender im Pendlerzug und versorgt ihn im Urlaub mit Büchern. Die unzähligen Anwendungen erleichtern das Leben auf vorher unvorstellbare Weise, lange nicht immer revolutionär, aber doch in vielen kleinen Schritten. Die stetig sinkenden Kosten für eine Mobilfunk-Datenflatrate – das geht jetzt bei unter 10 Euro im Monat los – unterstützen die Akzeptanz der Smartphones.
Mehr und mehr wird diese Idee sich auf Tablets ĂĽbertragen.
Evolution einer Idee
Die Umsetzung dieser Idee erfordert aber auch ein Umdenken der Programmierer und der Anwender. Es wird eine Zäsur bei der Bedienoberfläche stattfinden, die ähnlich tiefgreifend ist wie der Umstieg von Textanwendungen mit 80 × 25 Zeichen auf eine grafische Oberfläche.
Bald werden die Tablets an Zuspruch gewinnen, auch weil die Anwender durch den Umgang mit Smartphones zu einer aufgabenorientierten Arbeitsweise ĂĽbergehen, bei der Hardware-Details und das Betriebssystem keine Rolle mehr spielen.
Falls einer Anwendung die Tablets zu langsam sind, verschiebt man die Rechenoperationen in die Cloud oder auf seinen PC, den man dann per Tablet fernsteuert. Vielleicht wird es für den überwiegend stationären Einsatz Tablets mit größerem Display ähnlich den aktuellen All-in-One-PCs geben, auf denen auch komplexere Anwendungen genügend Platz finden, vielleicht sogar von Microsoft mit Surface-Technik.
Wer etwas "kleines für unterwegs" benötigt, merkt vielleicht, dass die Tablets gegenüber einem Notebook zwar eingeschränkt sind, aber dass die Zusatzfeatures gar nicht wichtig sind, sondern dass der Tablet genau das Unterwegs-Gerät ist, das sie haben wollen. Zum Zeichnen gibt es dann eine App samt speziellem Stift, der auch auf den kapazitiven Displays schreibt; vielleicht klappt sogar die Handschrifterkennung, oder man gewöhnt sich an die Displaytastatur.
Als E-Book-Leser gewinnen die Tablets durch ihr Farbdisplay. Erst so machen Magazine Spaß – und die liest man sowieso nur ein Stündchen am Stück. Die nächste Tablet-Generation wiegt zudem weniger als ein Pfund. Neue Spielideen wird es geben, die ähnlich den fingerbedienbaren Anwendungen eben nicht einfach nur die Pad- oder Mauskonzepte umsetzen, sondern eine angepasste Bedienbarkeit vorsehen.
Wenn die Mobilfunkprovider endlich ihre Vorbehalte gegen VoIP fallen lassen, mag der Tablet für Wenigtelefonierer das Smartphone ersetzen – vielleicht wird es taschenkompatiblere 5- oder 7-Zoll-Tablets mit einem kleinen Fach für ein Bluetooth-Headset geben.
Auch dann wird es genügend Anwendungen (vor allem im beruflichen Einsatz, aber auch für viele Hobbys) geben, die PC oder Notebook erfordern; genügend Leser, die lieber Papier in den Händen halten; genügend Einsatzgebiete für einen Medienspieler mit 1080p-Ausgang; genügend Spiele, die erst auf der fetten Konsole oder dem hochgezüchtetem PC ordentlich laufen.
Die Tablets ersetzen diese Geräte also gar nicht in jedem Fall, sondern ergänzen eher unseren Umgang mit gewissen Aufgaben. PC und Notebook verlieren ihren Status als Kommunikationszentrale, sondern man schaltet sie nur noch für ihren eingeschänkten Zweck ein. Die angenehmen Seiten des digitalen Alltags erledigen wir zukünftig mit einem Tablet. Diese Idee ist nicht neu, aber mit dem iPad sind wir der Realisierung näher als je zuvor.
Siehe dazu auch: