Was war. Was wird.
Der Montag naht, an dem SCO den nächsten großen Auftritt hat. Hal Faber aber konzentriert sich auf Weihnachten -- oder lieber doch nicht? Zaubern wir lieber mit Trollwind und erinnern uns an früher.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Lang wurde sie herbeigesehnt, zum Schluss fieberhaft herbeigezittert, doch dann war sie endlich da: die dritte Rezension zu einem Kinospektakel mit unklarem Inhalt. Eigentlich geht es um die Herren der Ringe, doch weil auch die Damen rund um Königin Araporn ihre Aufgaben souverän erledigen, braucht es kundige Kommentare, die über das Wesen der Hobbits und der Elfen aufklären. Reaktionär das, faschistisch gar, und am Ende die Formel, sie alle zu knechten, sie alle zu finden: Godwins Law triumphiert.
*** Andere Schlachten hatten es dagegen schwer. Nehmen wir nur die Meisterschaft im Schachboxen, die Iepe aus Berlin gewann. Oder den internationalen Wettbewerb der Heise-Dichter, in dem mit Trollwind ein Gedicht siegte, das sich mit jedem Heideröslein messen kann. Oder die Marathons allerorten. Nehmen wir den Verhandlungsmarathon der Ministerpräsidentenkonferenz, bei der man sich am Freitag, endlich, endlich auf die "Dachvereinbarung über die Einführung eines bundesweiten Digitalfunksystems" einigen konnte. Das hatte unseren Politikern, diesen "Scharnieren der Vernunft" (Guido Westerwelle nach einer durchgemachten Nacht) niemand zugetraut: Noch am Montag wurde ein offener Brief der Polizeigewerkschaft an Franz Beckenbauer verbreitet, in dem dieser die deutschen Politiker bitteschön "in Manndeckung nehmen" sollte. Und nun dieses! Dieses Wahnsinnsergebnis, das im Tetra- wie im Tetrapol-Lager gefeiert wird, obwohl die Ausschreibung noch formuliert werden muss.
*** Kann Beckenbauer etwa zaubern? Dann aber schleunigst ab zum Stolpe, guter Kaiser, werden die glücklichen Polizisten fordern, denen das Gezuckel um die LKW-Maut gehörig auf den Senkel geht. Noch 'ne Manndeckung, aber dawei, dawei! Denn, flötete der Oracle-Geschäftsführer Schwirtz so stolz auf seiner Anwenderkonferenz, das Bundeskriminalamt wird den 9i Application Server zum Aufbau eines neuen Ermittlungssystems verwenden. Das denselben Hub-and-Spoke-Ansatz von Oracle Application Interconnect ausnutzt, der bei Toll Collect zwischen der Oracle- und der SAP-Welt geschaltet ist. So wächst im deutschen Überwachungsstaat das zusammen, was von Anfang an zusammengedacht wurde. Natürlich nur, wenn Beckenbauer zaubern kann. Sollte es nichts werden mit dem deutschen Mautsystem als Krönung des Hightech, dann bleibt ja noch die österreichische Lösung mit der Überwachungskomponente Catch Ken, auch sie ein Produkt deutscher Wertarbeit. Hach, wie gekonnt das Verkehrministerium flöten kann: "Es gibt erste Signale, dass Toll Collect einen realistischen Blick für Technikfehler, Zeitdruck und Ansprüche des Bundes gewinnt." Das mit dem realistischen Blick auf die Technik sollte man sich merken.
*** Im letzten WWWW lästerte ich über den Weltgipfel der Kommunikationsgesellschaft, was Leser als einigermaßen ungerecht empfanden. Gereadezu arrogant gegenüber der dritten Welt. Da muss ich kontra geben. Der Gipfel brachte ausgewiesenen Schurken wie Robert Mugabe die Gelegenheit, sich mit seinem Anti-Imperialismus als einziger Kritiker der Kommunikationsgesellschaft aufzuspielen. Währenddessen durfte die WIPO erfreut mitteilen, dass Symbole alteingesessener Kulturen ab sofort als Public Domain betrachtet werden und ungeniert kopiert werden können. So sind viele Zeichen der Shona-Kultur Zimbabwes Eigentum einer Firma geworden, die der First Lady gehört. Auf die Symbole der Eskimos freuen sich über 100 kanadische Firmen. No Logo? Aber nicht doch.
*** Aber früher, ja früher war alles besser, die Anti-Imperialisten waren noch echte Anti-Imperialisten und nicht als Gutmenschen getarnte Diktatoren, die Imperialisten noch blutrünstige Monster und nicht Diktatorenfänger. Und die c't war fundiert, der heise-Ticker niveauvoll, ein Artikel nicht gleichzeitig billige Polemik gegen und PR-Mache für eine Firma. Die Großeltern fanden's früher auch schon immer besser, und fingen an, mit glänzenden Augen vom Krieg zu erzählen, vergaßen dabei aber leider den Familienzweig, der im KZ endete. Und die Eltern, ja, die fanden früher ebenso alles, wenn auch anderes besser und hielten uns die 50er Jahre vor, als noch Zucht und Ordnung herrschte. Wir aber fanden früher sowieso alles und wieder ganz anderes besser, denn in den 70ern, da war wenigstens noch was los, da gab es keine angepasste Jugend -- die Demo-Erzählungen allerdings hören sich mittlerweile an wie die Kriegsberichterstattung der Großeltern -- was die Frage aufwirft, welche Leichen wir vergessen haben. Und nun unsere Kinder? Ja, selbst die fanden früher alles und grundsätzlich anderes besser, als es noch anständigen Hiphop gab und die Rapper was taugten. Ja, so ist es, können wir nur festhalten: Früher war alles besser. Es gab keinen Freiherrn und keine Abmahnungen, auch keine Bilanzen im heise-Ticker und keine Kinderpornographie im Internet. Da früher, in diesen paradiesische Zeiten, alles besser war, ging nur ein leises Summen durch das Netz, wenn sich friedliche Techniker ganz fundiert über Vor- und Nachteile von Löttechniken unterhielten statt sich lautstark über Betriebssysteme zu streiten. Ja, so war das, früher. Ein Glück, dass wir heute leben und nicht immer noch im Gestern.
*** Auch ganz und gar nicht von Gestern: Der "Jargon einer Werbebroschüre für Gesamtschulen unterscheidet sich nur noch in Nuancen von der Powerpoint-Präsentation einer neuen Montagelinie in der Automobilindustrie." Woran liegt das, an der Gesellschaft oder an der verblödenden Wirkung von Powerpoint? Wie sang der führende Powerpoint-Spezialist David Byrne einstmals? Stop making sense? Microsoft ist schon vieler Dinge bezichtigt worden, aber das Verrotten der Gedanken beim Fertigen einer Folie war noch nicht darunter.
*** Heute aber und hier, im dann doch wieder alten Europa, wird Fürst Kropotkin geehrt. Der ist weder etwas für gutmenschelnde Diktatoren noch für heilbringede Imperialisten, solchen Blendereien wollte er den Garaus machen. Dort aber, in der neuen Welt feiern sie heute die Landung der Pilger, nahe bei einem großen Felsklotz. Man könnte zu diesem Tag anstelle der Mayflower an die Buford erinnern, die 1919 mit über 200 "Unruhestiftern" und 100 Bewachern unter der Leitung von Edgar Hoover sich aufmachte, die Anarchisten in die Sowjetunion zu exportieren. Man könnte an die ebenfalls Deportierten von Guantánamo erinnern, denen ein Gericht erstmals Hoffnung schenkte.
*** Doch "We Got him", die überall ausgebrochene Saddamania, überdeckt die Risse. Die Fakten schwimmen auf hoher See, genau wie die Schiffe. Dabei sind sie nicht einmal seetauglich. Wie schön ist es, wenn der echte Test der harten Computer im Irak erst noch bevorsteht? Oder ist der Journalist nur gegen eine besonders große USV gerannt? Was ist mit den seltsamen Parteigängern von Linux, die behaupten, dass das System nicht in den Irak exportiert werden kann? Natürlich ist dort Linux einsetzbar, wie es selbst Microsoft in einer Keynote betont hatte, nicht ohne vor der Unsicherheit und mangelnden Standards zu warnen.
*** Nur nicht unsachlich werden: Bleiben wir in den Sphären des Unpolitischen und feiern ein richtig rundes Jubiläum. Vor 90 Jahren wurde das erste Kreuzworträtsel der Welt veröffentlicht. Ein Hinweis, der nicht ohne Hintergedanken ist. Und außerdem: Kreuzworträtsel lösen, das war die Lieblingsbeschäftigung der Angeklagten, denen vor vierzig Jahren der Auschwitz-Prozess gemacht wurde, notierte Peter Weiss in seinen Notizen zur Ermittlung. "Plötzlich bekam das Böse Namen und Gesicht, Alter und Adresse." 22 ganz normale Männer, jovial lachend, aufgezeichnet vom großen Journalisten Bernd Naumann. Wir bleiben dran.
Was wird.
Der Montag naht und es ist ein ganz besonderer Montag, zumindest für die mit einem hübschen Preis geehrte SCO Group. An diesem Tag werden die Geschäftsergebnisse und einige neue Allianzen vorgestellt, damit der Aktienkurs weiterhin im Wolkenkuckucksheim bleibt. Möglicherweise ist die Sache aus der Sicht der Börsianer so erfolgreich, dass andere auf die Idee kommen, es selbst einmal mit den Masses of Self Delusions zu versuchen. Für SCO bleibt nur der Traum, dass die Börsenkurse über Weihnachten nicht einbrechen. Der Griff zu Shakespeare ist schon routiniert in diesem Jahr, seitdem die Sache als frühlingsleichtes Sommertheater begann. "Den bessren Gründen müssen gute weichen." Doch ist es noch die Frage, ob der Free Software Act der so verletzlichen GPL überlegen ist.
Tja, dann kommt Weihnachten. Sind alle Grußkarten raus? Die letzten MM-Mails geschrieben? Fehlen etwa noch Geschenke? Das Care-Päckchen für die RIAA nicht vergessen, die nach einem für sie schlimmen Urteil auf Gnade hofft? Oder sollte man besser den Baum rauswerfen und den 60. des großen Untoten feiern? Was soll das Fest, wenn die kleinen Kinder drängeln, endlich zur LAN-Party abrauschen zu können, und die größeren schon beim Packen fürs 20C3 sind. Da reicht es eigentlich, mit Get off of my cloud die Nacht zu beschallen, in der ruhigen Gewissheit, alles Flasch gemacht zu haben. Plopp! (Hal Faber) / (jk)